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Politik

Pressestimmen von Mittwoch, 22. November 2006

Nach Amoklauf "Killerspiele" verbieten? / Ein Jahr große Koalition

Nach dem Amoklauf an einer Schule im münsterländischen Emsdetten mit mehr als 30 Verletzten haben Politiker erneut ein Verbot gewaltverherrlichender Computerspiele wie "Counterstrike" gefordert. In den Kommentarspalten der deutschen Tagespresse stößt der Vorschlag mehrheitlich auf Kritik. Weiteres Thema ist die Zwischenbilanz der großen Koalition nach einem Jahr im Amt.

Zunächst zum Amoklauf des 18-jährigen Sebastian B. an seiner ehemaligen Schule. Dazu schreibt die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG:

"Wie wurde aus einem aufgeweckten, sogar als überdurchschnittlich intelligent beschriebenen Kind zuerst ein Sonderling, dann eine lebende Zeitbombe? Gewiß nicht allein durch Computerspiele, mit denen Gewaltphantasien zwar angeregt, aber auch abreagiert werden können. (...) War es nicht Warnung genug, daß Sebastian B. den Behörden schon wegen Waffenbesitzes aufgefallen war? Mit etwas Phantasie hätte man darauf kommen können, daß sich B. durch die gerichtliche Vorladung genauso in die Enge gedrängt fühlte wie einst Robert Steinhäuser - und genauso wie er darauf reagieren könnte."

In der WESTDEUTSCHEN ZEITUNG aus Düsseldorf heißt es:

"Ein deutsches Killerspiel-Verbot wird Bluttaten wie in Erfurt oder Emsdetten nicht verhindern. Indizierte Titel können sich Jugendliche ohnehin relativ einfach aus dem Internet besorgen. Da versprechen andere Maßnahmen schon mehr Erfolg: Zum Beispiel sollte es nach dem Erfurter Amoklauf an jeder Schule einen Psychologen geben. (...) Ohne Schulpsychologen ist es schwieriger, gefährdete Schüler zu identifizieren, bevor sie ausrasten. (...) Zudem haben die Amokschützen ihre Taten vorher angekündigt. Doch niemand hat das ernst genommen. Solche Äußerungen dürfen künftig nicht mehr als bloße Selbstdarstellung abgetan werden."

Die MÄRKISCHE ODERZEITUNG aus Frankfurt meint zu den Reaktionen der Politiker:

"Iwan Petrowitsch Pawlow hätte seine Freude. Auf den Amoklauf des 18-jährigen Sebastian B. in Emsdetten reagieren bedeutende Politiker wie der bayerische Ministerpräsident nicht mit Nachdenken, sondern - wie Pawlows Hund - mit einem Reflex: Sie wollen im Bundesrat aktiv werden, um 'Killerspiele' gesetzlich zu verbieten. Als nächstes fordert Herr Stoiber dann vielleicht das Verbot des Internets, weil man sich ersatzweise darüber Gewaltsequenzen aller Art besorgen kann."

Der TRIERISCHE VOLKSFREUND interessiert sich weniger für die virtuellen Computerspiele als für die realen Waffen, mit denen Sebastian B. um sich schoss:

"Robert Steinhäuser, der 2002 im Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen und dann sich selbst tötete, und der 18-Jährige aus Emsdetten haben nicht mit Joysticks geschossen. Der Täter aus Emsdetten hatte vier Gewehre bei sich. Woher hatte er diese Waffen? Wer dieser Frage nachgeht, hat deutlich größere Chancen, den nächsten Amoklauf zu verhindern."

Themenwechsel: Vor genau einem Jahr haben Kanzlerin Angela Merkel und die große Koalition das Ruder in Berlin übernommen. Die Leitartikler der deutschen Tagespresse ziehen eine unterschiedliche Bilanz der bisherigen Regierungsarbeit.

Der NORDKURIER aus Neubrandenburg hebt Merkels Durchsetzungsfähigkeit hervor:

"Wer hätte das 1990 gedacht, als das einstige Mädchen von Helmut Kohl damals ihre ersten Schritte auf dem nun gesamtdeutschen Politik-Parkett hinlegte? Insbesondere ihren politischen Gegnern, die sie mit Vorliebe bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit belächelt haben, ist inzwischen das Lachen im Halse stecken geblieben, ganz gleich welches Parteibuch sie in der Tasche haben. (...) Dass dabei auch einstige Mitstreiter wie Friedrich Merz als vorläufige Polit-Leichen ihren Weg säumen, gehört ebenfalls zum Gesamtbild."

Der Kommentator der NÜRNBERGER NACHRICHTEN wünscht sich mehr Führungsstärke in inhaltlichen Fragen:

"Innenpolitisch ist Merkels Bilanz, das Stichwort Gesundheitsreform mag genügen, mehr als bescheiden. Zugegeben: Eine Koalition aus zwei annähernd starken Parteien zu führen, ist nicht leicht; auch nicht, gegen eifersüchtige Parteifreunde, die sich in der Steigerung des Wortes bekanntlich oft als Parteifeinde entpuppen, im Bundesrat zu agieren. Doch ein Grund, auf Führung zu verzichten, sich auf ängstliches Moderieren zurückzuziehen und zuzusehen, wie die Koalition sich verschleißt, ist das nicht. Statt Ausschau nach dem kleinsten politischen Nenner zu halten, wären Visionen und Mut gefragt."

Die KIELER NACHRICHTEN nehmen die große Koalition gegen allzu harsche Kritik in Schutz:

"Rente mit 67, Föderalismusreform, Elterngeld, Abbau der Neuverschuldung und Islamkonferenz, das sind die Aktivposten einer recht spärlichen Jahresbilanz dieser großen Koalition der Kleinmütigen. Viele sagen, das sei zu wenig für ein Land, das mitten im Reformstau steckt. Anderen geht das, was die große Koalition beschlossen hat, schon viel zu weit. (...) Die widerstreitenden Interessen können nicht zu großartigen Ergebnissen führen. Die Schuld daran allein bei der Regierung zu suchen, wäre zu billig. Sie ist das Spiegelbild einer im Grunde unentschlossenen Gesellschaft."

Die NEUE WESTFÄLISCHE aus Bielefeld beschäftigt sich mit der Rolle der Opposition:

"Opposition in Zeiten der Großen Koalition ist kein Zuckerschlecken. Schließlich kann die Zweidrittel-Mehrheit von Union und SPD so schnell nichts erschüttern. Trotzdem gebärdet sich die FDP jetzt schon wie ein Sumo-Ringer, der vor Kraft nicht laufen kann. Guido Westerwelle sonnt sich im Gefühl, dass spätestens nach der Bundestagswahl 2009 keine Koalition mehr ohne die Liberalen geht. Dem einzig erkennbar großen Thema der FDP könnte allerdings bald die Luft ausgehen: Vermutlich wird Deutschland trotz der Mehrwertsteuer- Erhöhung in 2007 nicht untergehen."

  • Datum 21.11.2006
  • Autorin/Autor Thomas Grimmer
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  • Permalink http://p.dw.com/p/9Q2Y
  • Datum 21.11.2006
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