1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik

Pressestimmen von Mittwoch, 22. August 2007

Debatte über Fremdenfeindlichkeit

Nach den gewaltsamen Übergriffen auf eine Gruppe Inder in der sächsischen Stadt Mügeln hält die Debatte über Fremdenfeindlichkeit in Deutschland an. Auch die Leitartikler der Tagespresse greifen dieses Thema auf.

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG aus München meint:

"Der Grad der Fremdenfeindlichkeit und die Verbreitung autoritären Denkens lassen sich verringern, durch Wohlstand, Erziehung, Persönlichkeitsentwicklung; und wie sehr das gelingt, sagt viel über die Stabilität einer Gesellschaft und einer Demokratie aus, sollte einem Staat also viel, auch viel Geld, wert sein. Aus der Welt zu schaffen ist der Hass gegen Ausländer aber nicht, und gerade in Deutschland ist das eine bittere Erkenntnis - nicht, weil die Deutschen fremdenfeindlicher sind als die anderen Europäer, sondern weil in Deutschland der Hass gegen ‚das Andere' einmal Staatsdoktrin war."

Im HANDELSBLATT aus Düsseldorf heißt es:

"Wer die fremdenfeindlichen Übergriffe auf acht Inder im sächsischen Mügeln als ein auf Ostdeutschland begrenztes Problem reduziert, verkennt die verheerenden internationalen Auswirkungen. Denn dass Deutschland einen Aufschwung erlebt und unter einem Mangel an Fachkräften leidet, der qualifizierten Zuwanderern gerade aus Indien Chancen auf gut bezahlte Jobs eröffnet, ist ausländischen Medien nur selten eine Meldung wert. Stattdessen blickt das blutig geschlag ene Gesicht des Mügeler Imbissbesitzers Kulvir Singh von den Titelseiten indischer Zeitungen. Rassistischer Angriff in Deutschland titelt die Hindustan Times. Das bleibt im Gedächtnis haften."

Die KÖLNISCHE RUNDSCHAU stellt fest:

"Skandalös ist die Jagd auf Inder im sächsischen Mügeln. Skandalös ist vor allem aber auch die Reaktion vor Ort. Es sind Menschen gehetzt, geprügelt und in Todesangst versetzt worden. Da wirkt eine die Untat relativierende Diskussion über die Frage, ob die Täter rechtsextre mistisch oder angeblich ‚nur' ausländerfeindlich sind, wie sie der Bürgermeister von Mügeln, Gotthard Deuse anzettelt, unerträglich. Als wäre es nun das drängendste Problem, welches Image die sächsische Kleinstadt durch die Schläger davonträgt."

In der LANDESZEITUNG aus Lüneburg lesen wir:

"Hinter den blühenden Potemkinschen Dörfern mit erneuerten Straßen, restaurierten Kulturschätzen und protzigen Prestigebauten gärt eine Kultur der Gescheiterten. Im Westen findet sie ihre Entsprechung in dem Hartz -IV-Ghetto der vom Boom Abgekoppelten. Rechtsradikale bieten den Verlierern mit ihrem geschlossenen Weltbild zwar keine Lösungen an, aber Sündenböcke. Die klammheimliche Zustimmung derjenigen, die sich vor dem sozialen Abstieg fürchten, ermutigt die Schläger. Das Weggucken der Volksfestbesucher bei der Hetzjagd von Mügeln zeigt, wie erfolgreich Neonazis bereits die ostdeutsche Provinz faschisiert haben."

Der Kommentator der BERLINER KURIER schreibt:

"Mein Entsetzen über die Treibjagd auf Inder weic ht einem Gefühl der Fassungslosigkeit. In welcher Welt leben wir eigentlich? Mügeln eröffnet neue, böse Sichtweisen. Auf einen Bürgermeister, der rechte Gewalt nicht sehen will, auch wenn er Naziparolen hört. Auf eine Polizei, die Schläger laufen lässt. Auf Gaffer, die in Kauf nehmen, dass vor ihren Augen Menschen totgeschlagen werden. Wir werden Zeuge eines stillen Einverständnisses zu rassistischer Gewalt, ohne dass sich die Beteiligten ihrer Schuld bewusst sind. Und das macht noch mehr Angst als jene, di e Glatzen verbreiten."

Abschließend ein Blick in die STUTTGARTER ZEITUNG:

"Im Westen mag es ein Tabu sein, im Osten aber wird die Demokratie infrage gestellt. Man greift schließlich in der eigenen Biografie nicht nur auf schlechte Erfahrungen in einem totalitären Staat zurück. Und die Demokratie ist für viele das System, in dem ihre Chancen schwinden. Das ist fruchtbarer Boden für alle Rechten. Das System aber ist die Summe der Einzelnen, und das gilt es zu begreifen. Die Politik hat es bis heute v ersäumt, die Bürger mit dafür verantwortlich zu machen, wenn sie die Demokratie verspielen. Und das tun auch Leute, die einfach zuschauen wie in Mügeln."