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Politik

Pressestimmen von Freitag, 8. Oktober 2004

Bericht der US-Waffeninspektoren zu Irak / Aufhebung der EU-Sanktionen gege Libyen / Literatur-Nobelpreis für Jelinek

Die deutschen Tageszeitungen beschäftigen sich an diesem Freitag mit einer Vielzahl von Themen. Dazu zählen unter anderem der Bericht des US-Chefwaffeninspekteurs Charles Duelfer über die nicht vorhandenen Massenvernichtungswaffen im Irak sowie die geplante Aufhebung der EU-Sanktionen gegen Libyen. Beachtung findet zudem die Auszeichnung der österreichischen Schriftstellerin Elfriede Jelinek mit dem Literatur-Nobelpreis.

Zum ersten Thema schreibt die TZ aus München:

"Man könnte glauben, im US-Wahlkampf sei alles gelaufen. Denn George W. Bush musste in den letzten Tagen derart viele Tiefschläge einstecken, dass er eigentlich schon K.o. sein müsste: Erst gibt Donald Rumsfeld zu, dass es keine Verbindung zwischen Saddam und Terroristen gab - Kriegsgrund eins dahin. Schon kommt der nächste Schlag: Der Abschlussbericht von US-Waffeninspekteur Charles Duelfer entlarvt auch den zweiten Kriegsgrund, Saddams angebliche Massenvernichtungswaffen, als ungerechtfertigt. Doch Bush ist längst nicht K.o. Der US-Präsident war frühzeitig auf die Argumentation umgeschwenkt, dass die Welt sicherer ohne Saddam Hussein sei."

Die in Gera erscheinende OSTTHÜRINGER ZEITUNG ergänzt:

"Dieser scheinbare Widerspruch zwischen der Widerlegung aller Argumente für den Krieg und dem Beharren auf der Notwendigkeit des Krieges, liegt, genau betrachtet, durchaus in der Logik der Entscheidung für den Sturz Saddam Husseins. Denn die öffentlich vorgetragenen Gründe waren nie die wirkliche Motivation der US- Regierung; sie waren nur argumentative Hilfsmittel. Tatsächlich war der Irak-Krieg ganz einfach politisch gewollt, aus strategischem Kalkül wie aus persönlicher Ranküne."

Auf einen anderen Aspekt macht der FRÄNKISCHE TAG - er erscheint in Bamberg - aufmerksam:

"Was einen zunehmend mit Entsetzen erfüllt, ist die Arbeit der Geheimdienste. Die Politiker haben wenig andere Möglichkeiten, Informationen zu erhalten, auf denen sie ihre Entscheidungen aufbauen können. Nach den jüngsten Erfahrungen kann man ihnen nur empfehlen, größtes Misstrauen walten zu lassen. Diese Strategen im Verborgenen sind mit dafür verantwortlich, dass im wahrsten Sinne des Wortes Kriege vom Zaun gebrochen werden, die vielen Menschen das Leben kosten. Die Politiker kann der Wähler abstrafen, die Geheimdienste nicht. Wer zieht sie zur Verantwortung?"

Und damit Themenwechsel zu Libyen. Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG meint:

"Nach fast zwei Jahrzehnten sollen alle Sanktionen gegen das Wüstenregime aufgehoben werden - einschließlich des Waffenembargos. Tatsächlich wird das Embargo gegen Libyen aufgehoben, damit das Land mithelfen kann, das Flüchtlingsproblem im Mittelmeerraum zu bewältigen. Zugleich soll der Wegfall des Embargos dem Diktator signalisieren, dass seine Besserungsversuche honoriert werden. All das macht Gaddafi aber nicht zum guten Mann von Tripolis. Brüssel darf da nicht nach dem Motto verfahren: Er ist ein Schurke, aber er ist unser Schurke. Wenn es nun - mit guten Gründen - die Sanktionen aufhebt, dann muss es künftig umso mehr auf Menschenrechte pochen."

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG kommentiert die Entscheidung für Literaturnobelpreis-Trägerin Jelinek:

"Man hatte erwartet, dass eine Frau in diesem Jahr den Nobelpreis erhalten würde. Bereits in ihrer ersten Stellungnahme hat Elfriede Jelinek erklärt, dass dieser Umstand ihre Freude erheblich schmälert. Aber ihre Sorge, sie könnte fortan als lorbeerbekränzte Quotenfrau der Weltliteratur gelten, ist unbegründet: Eine radikalere, unbequemere Autorin hätte das Stockholmer Komitee kaum finden können. Die Literaturnobelträgerin des Jahres 2004 muss nicht kleinmütiger sein, als jene es waren, die diese gute Wahl getroffen haben."

Deutlich reservierter ist das Urteil der Tageszeitung DIE WELT:

"Elfriede Jelinek stellt zweifellos eine schriftstellerische Begabung dar. Sie ist eine ingeniöse Darstellerin gesellschaftlicher Verformung des Individuums, vor allem wenn es sich bei diesem Individuum um eine Frau handelt. Andererseits ist sie eine geradezu exemplarische Vertreterin jener Radikalkritik, die vor allem im Gefolge von 1968 gedieh. Ihr ewiger Faschismus-Verdacht, ihre grenzenlose Verachtung der 'Unterhaltungsindustrie', ihr prononcierter Feminismus und, nicht zu vergessen, die oft quälende Unerquicklichkeit ihrer Theaterstücke und Romane machen sie zu einer Intellektuellen jenes Schlages, dem die Weltanschauung über die Anschauung der Welt geht. Die Zeiten für solche Fundamentalismen sind eigentlich vorüber. Und so erleben wir ein weiteres Mal den Fall, dass das schwedische Nobelpreiskomitee jemanden auszeichnet, dem, wenn überhaupt, die Auszeichnung früher gebührt hätte."

  • Datum 07.10.2004
  • Autorin/Autor zusammengestellt von Stephan Stickelmann
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  • Permalink http://p.dw.com/p/5foP
  • Datum 07.10.2004
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