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Politik

Pressestimmen von Freitag, 6. Juli 2007

IOC für Sotschi ///

Sotschi, die Stadt im Süden Russlands, wurde zum Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014 gekürt. Auch diese Abstimmung des Internationalen Olympischen Komitees sorgte für Aufregung in den deutschen Redaktionsstuben:

Die Russland-Experten des Düsseldorfer HANDELSBLATTS wissen viel über die Hintergründe:

'Mit der Entscheidung haben die reichsten Männer Russlands eine neuerliche Wette gewonnen: Gleich nachdem Kremlherr Putin begann, seine Liebe zum Skisport öffentlich vorzuführen, begannen Aluminium-Baron Deripaska, Nickel-König Potanin und der staatlich kontrollierte Gas-Gigant Gazprom mit dem Ausbau des Wintersport-Standorts Sotschi. Milliarden setzen sie dabei ein. (...) Dabei werden die Anwohner, die mehrheitlich gegen die Spiele sind und Angst vor der Enteignung ihrer Grundstücke haben, genauso unter der für Russlands neue Oberschicht typischen Gnadenlosigkeit zu leiden haben wie die Natur.'

Auch die KÖLNISCHE RUNDSCHAU schaut sich die inneren Widersprüche an:

'Wer Partner wie Gazprom im Schlepptau hat und damit Rubelberge vor dem IOC aufbaut, beeindruckt nachhaltig mit Zahlen. Ohnehin spielt Geld für den modernen Kapitalismus-Russen keine Rolle. Ebenso wenig wie der Naturschutz. Steht doch die Erschließung eines neuen Wintersportgebietes, der Ausbau des Feriendomizils der russischen Oberschicht sowie das wirtschaftliche Interesse der Oligarchen und ausländischer Investoren v o r der Erhaltung der Unesco-geschützten Kaukasusberge.'

Die OSTSEE-ZEITUNG aus Rostock würdigt neben dem Einfluss des Rubels auch den Einfluss des Präsidenten:

'In Zeiten allgegenwärtiger Kommerzialisierung des Leistungssports gibt natürlich gerade auch bei der Vergabe der Olympischen Spiele bei nahezu gleichwertigen Bewerbern das Geld am Ende den Ausschlag. (...) Dass es am Ende 1:0 für Gazprom (Russland) gegen den Konzernriesen Samsung (Südkorea) stand, dürfte letztlich dem persönlichen Auftreten von Präsident Putin vor dem IOC geschuldet sein. Er hat das sportliche Großereignis zur nationalen Herausforderung für Russland stilisiert.'

Der Kommentator der Zeitung DIE WELT sieht vor allem das Renomee des Kremlchefs gestärkt:

'In Zeiten, da der Präsident ausländische Energiekonzerne faktisch enteignet, mit Raketentests Schlagzeilen macht und den Kalten Krieg heraufbeschwört, hat ihm das IOC die Spiele anvertraut. Putin wird das Votum als Bestätigung für seine Politik verstehen. Wer spricht heute noch von Tschetschenien, das wie Sotschi im Kaukasus liegt? (...) Putins engagiertes Auftreten macht auch eines deutlich: Er sieht sein Kreml-Team auch 2014 noch an der Macht.'

Ähnlich die Bewertung der WESTDEUTSCHEN ALLGEMEINEN aus Essen:

'Die Vergabe der Spiele nach Sotschi ist auch ein politischer Fehler. Olympia 2014 wird Russland in einem Moment zuerkannt, in dem das Land einen entschiedenen antidemokratischen Kurs verfolgt. Für den ist der Kreml nun auch noch belohnt worden. Dass die Vergabe Olympischer Spiele einen inneren Demokratisierungsprozess fördert, hat schon die Praxis Chinas nach der Vergabe der Sommerspiele 2008 widerlegt,' schreibt die WAZ.

Radikale Antworten auf diese Verhältnisse fordert die BERLINER ZEITUNG:

'Die Spiele wurden versteigert. Für demokratische Gemeinwesen ist bei derartigen Versteigerungen nichts zu gewinnen. Politiker, die um die Spiele buhlen, sollten sich bei Österreichs Bundeskanzler Gusenbauer erkundigen, wie das so läuft mit Olympiabewerbungen. Gusenbauer hat diese Bewerbung als unlauteren Wettbewerb deklariert. Es gibt niemandem, der diesem Treiben Einhalt gebieten könnte. (...) Das IOC agiert in rechtsfreien Räumen. Wer diese Umstände seinen Wählern nicht erläutert, der handelt unredlich. Unter den korruptiven Umständen, die in Guatemala kulminierten, gibt es nur eine logische Konsequenz: Deutschland darf sich momentan n i c h t um Olympische Spiele bewerben.'

Die RHEIN-ZEITUNG aus Koblenz leidet mit den Salzburger Verlierern:

'Nicht nur für Salzburg - das als vierter österreichischer Bewerber in Folge scheiterte, die Winterspiele in die Alpenrepublik zu holen - bleibt die bittere Erkenntnis: Auf Schnee und Berge allein kann man sich nicht mehr verlassen. Wenn München nun große Pläne schmiedet, die Winterspiele 2018 in die bayerische Hauptstadt zu holen, sollte eines klar sein: Gute Argumente dürften richtig teuer werden.'

Der TAGESSPIEGEL aus Berlin beleuchtet generell die Situation des Sports angesichts von Kommerz und Doping und wirft schon ein Schlaglicht voraus auf das bevorstehende Radsport-Großereignis 'Tour de France' :

'So werden auch sie ein Kunstprodukt sein, die Spiele von Sotschi, so wie der Leistungssport in toto längst Kunstprodukt geworden ist. Der Teil derer, die das nicht hören wollen, wird es schwer haben in den nächsten Wochen. Bei jeder Sprintwertung, bei jeder Bergankunft wird das 'Ja, aber' mitfahren, der Verdacht und auch die Unterstellung. Die mediale Skepsis wird das Faszinosum perforieren so gut es geht. (...) --- Und doch wird es das eigentliche Verdienst der 'Tour 2007' sein: Dass sich die Wahrnehmung der Wahrheit annähern wird, womöglich. Die 'Tour' zu verbieten, um der vermeintlichen Reinheit des Sportes willen, ist insofern keine Lösung.'

Die PFORZHEIMER ZEITUNG resümiert:

'Der Sport hat sich längst von einer Freizeitbeschäftigung zu einem gigantischen Wirtschaftsfaktor entwickelt. Auch Olympische Spiele sind nur noch eine Ware, die auf dem Markt meistbietend verkauft wird. Darüber mag man lange und lautstark klagen, ändern wird sich nichts.'