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Politik

Pressestimmen von Freitag, 23. November 2007

Verhungertes Kind in Schwerin

In Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern ist ein fünfjähriges Mädchen qualvoll verhungert und verdurstet. Die Eltern wurden wegen Verdachts des gemeinsamen Totschlags in Untersuchungshaft genommen. Der Fall der kleinen Lea-Sophie schockt die deutsche Öffentlichkeit. Auch die Kommentatoren der Zeitungen machen sich Gedanken:

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG aus München bemerkt:

'Nicht erst seit Jessica und Kevin, aber spätestens seitdem müsste klar sein, dass Jugendämter nicht Kinder verwalten sollen, sondern im schlimmsten, nein: im besten Fall deren Lebensretter sein müssen. Dazu braucht es ein Mindestmaß an Überzeugung, so schlimm das Milieu 'am Rand der Gesellschaft' auch sein mag, in dem die Not entsteht. Einen Teil dazu müssen die Jugendamtsmitarbeiter selbst leisten, es muss ihre moralische Verpflichtung sein. Daneben müssen sie aber auch ausreichende Mittel an die Hand bekommen.'

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG warnt vor vorschnellen Schuldzuweisungen:

'Dem Jugendamt allein jetzt Nachlässigkeit vorzuwerfen, wie es am Donnerstag im Laufe des Tages immer mehr in Mode kam, greift jedenfalls zu kurz. Natürlich muss der Fall untersucht werden ... Aber all die Nachbarn und Bekannten und Verwandten, die nun auf die Behörden zeigen - haben sie nichts gesehen?. Wie kann ein fünf Jahre altes Mädchen nur 7,4 Kilogramm wiegen - so viel wie Säuglinge in einem halben Jahr - und keiner bemerkt es? Wie kann man im Flur achtlos an Menschen vorbeigehen ... ohne Anzeichen von Verwahrlosung zu erkennen? Wie kann man vergessen, dass es in der Wohnung unterm Dach noch ein Kind gibt, das man lange nicht gesehen hat,' fragt die FRANKFURTER ALLGEMEINE.

In den KIELER NACHRICHTEN heiß es:

'Neben der aus Geldmangel resultierenden Personalnot und Überlastung des Jugendamtes, die der Schweriner

Behördenleiter beklagt, gibt es Probleme, die nicht mit Geld zu lösen sind. Die Kultur des Hinschauens ist noch immer und sicher nicht nur in Schwerin unterentwickelt. Denn immer wieder, wenn der schlimmste Fall eingetreten und publik geworden ist, tauchen Aussagen etwa von Nachbarn auf, dass man schon immer ein ungutes Gefühl gehabt habe, dass es doch Auffälligkeiten gegeben habe oder dass ein Kind plötzlich von der Bildfläche verschwand. Keiner fragte nach, man beruhigte das eigenen Gewissen, irgendjemand werde sich schon kümmern.'

Die in Kassel erscheinende HESSISCHE/NIEDERSÄCHSISCHE ALLGEMEINE führt aus:

Wenn der Staat seine Fürsorgepflicht wahrnehmen will, braucht er engagierte Hebammen, Erzieherinnen, Kinderärzte, das Jugendamt, mehr Geld. Das ist richtig. Vor allem aber bedarf es des Mutes, zuzugeben, dass der Staat sich direkt in private Verhältnisse einmischen muss. Manche Familien können schlicht nicht geheilt werden. Das gilt es zu akzeptieren. Und entsprechend zu handeln. Auch, wenn dafür Tabus gebrochen werden müssen.'

Abschließend ein Blick in die ABENDZEITUNG aus München:

Natürlich sind vor allem die Eltern verantwortlich. Soziale Probleme, zu wenig Geld, ja auch Alkoholismus dürfen nicht als Entschuldigung herhalten. Denn die Mehrheit der Eltern, die in solchen Verhältnissen leben und das werden leider immer mehr, ermöglichen ihren Buben und Mädchen trotzdem ein halbwegs anständiges Leben. Es ist auch die Aufmerksamkeit des Umfeldes gefragt, die nicht wegsehen darf, sondern durch Einschreiten im richtigen Moment das Schlimmste verhindern kann. Und die Jugendämter? So lange ein Sozialarbeiter bis zu 150 solcher Problemfälle zu behandeln hat, kommen solche Fehler vor. Zu oft tödliche.'