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Politik

Pressestimmen von Freitag, 23. Dezember 2005

Ackermann und die Manager-Moral / Schuldenerlass und Gerechtigkeit

Einen Tag nach der Aufhebung der Freisprüche im so genannten Mannesmann-Prozess hat sich erneut eine Debatte über Verantwortung und Moral von Managern entwickelt. Politiker fast aller Parteien forderten einen baldigen Rücktritt von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Bundestagsvize Wolfgang Thierse verlangte einen Ehrenkodex. In der deutschen Presse lesen sich die Urteile wie folgt:

'Der Name Josef Ackermann', schreibt die FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND,' ist in Deutschland zu einem Synonym für den bösen Kapitalismus geworden. Die Politik, das zeigte sich gestern erneut, reiht sich gerne und populistisch in diese Klage ein. Für die Deutsche Bank und Ackermann, auf den die Empörung zu Unrecht mit voller Wucht projiziert wird, dürfte dabei weniger der Mannesmann- Prozess ausschlaggebend gewesen sein. Knackpunkt war jener Tag im Februar 2005, als die Deutsche Bank einen Rekordgewinn meldete und gleichzeitig die Streichung von 6400 Stellen verkündete. Die Nachricht wurde endgültig als Kündigung einer Art Gesellschaftsvertrages empfunden, der besagt, dass die Wirtschaft für alle da ist und es Wohlstand für alle gibt.'

Hier ein Blick in den BERLINER KURIER:

'Josef Ackermann mag lamentieren und das Unschuldslamm spielen, er ist schwer angeschlagen. Aber wie mit Pattex angeklebt, hockt er auf seinem Stuhl. Da er nicht die Kraft hat, seinen Hut zu nehmen, sollten andere die Entscheidung treffen und ihn vor die Tür setzen. Das wäre auch gut für sie. Denn nicht nur der Chef der Deutschen Bank steht im Kreuzfeuer. Es könnte schnell auch andere treffen. Es geht eben nicht mehr widerspruchslos in Ordnung, dass Manager sich dusselig verdienen ohne Rücksicht auf Arbeitsplätze nehmen zu müssen, wenn nur die Rendite hoch genug ist.'

Der FRÄNKISCHE TAG aus Bamberg sieht den Fall folgendermaßen:

'Ackermann ist problematisch. Nun aber treten so herausragende Wirtschaftssachverständige wie der Germanist Wolfgang Thierse und die Lehrerin Susanne Kastner auf den Plan und wollen gleich das ganze deutsche Managementwesen auf Vordermann bringen. Die deutsche Politik als Wächter über die Bezahlung deutscher Unternehmer das fehlte noch! Ackermann hin, Esser her: Das Kräftespiel der Wirtschaft reguliert eine leistungsgerechte Bezahlung besser als jede gut gemeinte Ethik- Kommission. Die deutschen Unternehmen und ihre Aktionäre müssen schon selbst für ordentliche Verhältnisse sorgen. Die Politik hat andere Aufgaben: Die Sanierung der Staatsfinanzen und bessere Schulen verdienen ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.'

Themenwechsel: Die ärmsten Länder der Welt müssen ihre Milliardenschulden beim Internationalen Währungsfonds nicht zurückzahlen. Die Finanzorganisation beschloss in Washington insgesamt 3,3 Milliarden Dollar für 19 vornehmlich afrikanische Staaten zu streichen. Die deutsche Tagespresse kommentiert diesen Schritt folgendermaßen:

'Ist die Vision einer gerechteren Welt', schreibt etwa die RHEIN-ZEITUNG aus Koblenz, 'mit dem jüngsten Schuldenerlass also ein Stück näher gerückt? Nicht unbedingt. Denn vergangene Schuldenerlasse haben gezeigt, dass die betroffenen Länder schnell wieder neue Schulden aufhäuften. Oder das Maß an Korruption war so groß, dass auch die Entschuldung kein rettender Strohhalm aus dem Sumpf der Misswirtschaft sein konnte. Oder die nun auf dem Papier gestrichenen Schulden wären ohnehin nie zurückgezahlt worden. Die großzügige Geste des Westens war also lediglich das Eingeständnis des Unvermeidlichen - und daher ohne jeden positiven ökonomischen Effekt.' In der MÄRKISCHEN ODERZEITUNG lesen wir:

'Zu dem jetzigen Schuldenerlass mag es keine Alternative gegeben haben. Aber man tut gut daran, ihn nur als Anfang zu sehen. Entscheidend für die künftige Entwicklung wären tiefgreifende Änderungen in den betreffenden Ländern selbst. Hiervon allerdings ist nicht viel zu sehen. Äthiopien führt lieber Krieg gegen Eritrea.

Das NEUE DEUTSCHLAND kommentiert:

'Dieselbe gute Nachricht mehrfach zu verkaufen und zu feiern, hat schlechte Tradition in der Entwicklungspolitik. Schon im Juli schmückten sich die G 8-Staaten bei ihrem Gipfel mit dem so genannten historischen Schuldenerlass für einige der ärmsten Länder der Welt. (...) Sicher, dieser Schuldenerlass ist mehr, als man lange erwarten durfte. Jahrelang stellte sich der IWF im Auftrag der G 8 taub, wenn das Thema Schuldenkrise die Forderung nach einem Schuldenerlass aufs Tapet brachte. Doch nicht zuletzt der wachsende Druck einer kritischen Öffentlichkeit (...) hat G 8 und IWF zu Konzessionen bewegt.' Zu guter Letzt noch die Meinung der HEILBRONNER STIMME:

'Doch wie ist den Menschen in den ärmsten Ländern am besten geholfen? Der Internationale Währungsfonds hat jetzt die Schulden erlassen. Das klingt edel und gut, bewirkt aber eher das Gegenteil. Denn Schulden sind Symptom, nicht Ursache der Nöte in den ärmsten Ländern. Ohne demokratische und rechtstaatliche Strukturen, ohne Bekämpfung von Gewalt und Korruption, ohne Überwindung archaisch- kultureller, religiöser und stammesbedingter Grenzen und Entwicklungsblockaden fließt alles Geld in ein Fass ohne Boden.'

  • Datum 22.12.2005
  • Autorin/Autor Gerd Winkelmann
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  • Permalink http://p.dw.com/p/7h4m
  • Datum 22.12.2005
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