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Politik

Pressestimmen von Freitag, 21. April 2006

Streit um 'Erziehungsgipfel'

Bundesfamilienministerin von der Leyen hat mit der katholischen und der evangelischen Kirche in Deutschland ein 'Bündnis für Erziehung' geschlossen. Ziel ist es, Kindern von klein auf Werte wie Respekt vor anderen zu vermitteln. Jüdische und muslimische Verbände kritisierten, dass die Werte nicht auf das Christentum beschränkt seien. Der sogenannte 'Erziehungsgipfel' ist das bestimmende Thema der Zeitungskommentare am Freitag.

Die FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND schreibt:

"... von der Leyen geht es bei dem Vorstoß wohl in erster Linie um die eigenen Sympathiewerte in der CDU. Sie setzt bei der Wertevermittlung vor allem auf die Kirchen. Die Vorstellung, die Erziehung zu Respekt, Verlässlichkeit oder Vertrauen sei besonderes Merkmal christlicher Wertevermittlung, ist jedoch ziemlich überheblich. Mehr als eine schöne Überschrift hat die Ministerin ohnehin nicht zu bieten: Einen Aktionsplan für das neue Bündnis gibt es so wenig wie Finanzmittel für die Initiative."

Auch die SÜDWEST-PRESSE in Ulm kritisiert die Familienministerin:

"Dass christliche Werte, allen voran die zehn Gebote, eine gute Basis für jede Erziehung sind, lässt sich nicht bestreiten.

Doch ein Monopol der Kirchen bei der Vermittlung von Werten kann und darf es in Deutschland nicht geben. Daher war es ein Fehler der Familienministerin, ihr 'Bündnis für Erziehung' nur mit Vertretern von Katholiken und Protestanten aus der Taufe zu heben."

Die ESSLINGER ZEITUNG betrachtet das Bündnis als politische Schauveranstaltung:

"... da Politik sich zuletzt immer mehr der Inszenierung bedient hat, um Entschlossenheit und Handlungsstärke zu demonstrieren, kündigt man kurzerhand ein Bündnis an. Doch mit Runden Tischen und Diskussionsrunden allein lässt sich nicht viel erreichen. Warum beim Auftakt ausgerechnet Eltern, Kindergärtner und Lehrer außen vor bleiben, weshalb auch die Wohlfahrtsverbände und die Vertreter anderer Religionen keine Einladung von der Familienministerin erhalten haben und sie zunächst allein auf die Mitarbeit der beiden großen Kirchen setzt, dürfte wohl ihr Geheimnis bleiben."

Anders urteilt die HESSISCHE/NIEDERSÄCHSISCHE ALLGEMEINE in Kassel und verteidigt das Vorgehen der Familienministerin:

"Politisch mag es aufs erste ungeschickt erscheinen, das Bündnis nicht von vorneherein auf eine breitere Basis zu stellen. Bei genauerem Hinschauen aber ist richtig, zunächst einmal eine Bestandsaufnahme mit den Organisationen zu machen, die schon jetzt aktiv an der Kindererziehung beteiligt sind. Und das sind überwiegend die christlichen Kirchen, und nicht muslimische oder jüdische Einrichtungen. Bessere Erziehungsrichtlinien als die christlichen Werte wie Nächstenliebe, Respekt vor der Schöpfung und Toleranz

gegenüber Fremden kann es nicht geben. Wenn von diesem Fundament aus eine Öffnung ausgeht, hat das Bündnis Aussicht auf Erfolg."

Die OSTSEE-ZEITUNG aus Rostock bewertet die Betonung christlicher Werte als unzureichend:

"Die wackere Ministerin hat ihr christliches Weltbild zum Maßstab der Wertvermittlung gemacht. Das ist zwar keine schlechte Grundlage für die Erziehung von Kindern, doch dies allein reicht nicht aus. Vor allem dort nicht, wo die Kirchen keinen oder fast keinen Einfluss auf Erziehung haben wie im Osten. In der Schule würde man sagen: Nachsitzen. Und zwar mit allen, die Erziehung angeht."

Auch die VOLKSSTIMME aus Magdeburg betrachtet das Vorgehen Ursula von der Leyens als zu kurz gegriffen:

"Eigentlich eine tolle Idee, ein Bündnis für Erziehung zu schmieden. Doch Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen stützt sich dabei zunächst ausschließlich auf die beiden großen christlichen Kirchen. Alle anderen, die mit Erziehung befasst sind, dürfen zusehen. Dieses Bündnis wirkt auf Nicht-Christen ausgrenzend. Dabei ist Deutschland ein säkularer Staat. Damit ist nichts gegen Werteerziehung auf der Basis christlicher Vorstellungen gesagt. Kritiker erinnern aber zu Recht daran, dass das deutsche Grundgesetz vor allem auf universellen Menschenrechten beruht...Verantwortung, Respekt, Aufrichtigkeit und Zivilcourage. Was, bitteschön, ist daran das ausschließlich Christliche?"

Hingegen kritisieren die STUTTGARTER NACHRICHTEN die Kritiker der Familienministerin und sehen Deutschland als zu wenig selbstbewusst:

"Was ist das bloß für ein Land, in dem eine Ministerin attackiert wird, weil sie ein wichtiges gesellschaftspolitisches Bündnis mit den christlichen Kirchen schließt? Es ist ein Land, in dem man sich in den vielen vergeblichen Versuchen, es allen recht zu machen, hoffnungslos verzettelt hat. In dem christliche Werte als Ausgrenzung diffamiert und nicht als Einladung begriffen werden. Kurz: ein Land, das sich aufgibt. Christliche Werte gehören nicht versteckt: Die zehn Gebote sind nicht die schlechteste Schule für Kinder."

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG lässt den Streit um die Ausgrenzung anderer Religionen außer Acht und plädiert für positive Vorbilder:

"Es ist ausgeschlossen, jemandem Urteilskraft, Beobachtungsgabe oder gar sittliche Haltung einzuimpfen. Das gelingt nur durch Vorbilder, geduldige Überzeugungsarbeit, indirekte Auseinandersetzung mit Inhalten und Texten. Deshalb wäre es vorrangig, auf Vorbilder und die Qualität der Texte im Deutsch- und Geschichtsunterricht, in Religion und Philosophie sowie auf die Pflege der alten Sprachen zu achten und die Vergötzung der Lernziele und des Methodentrainings zu beenden."

  • Datum 20.04.2006
  • Autorin/Autor Günther Birkenstock
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  • Permalink http://p.dw.com/p/8Hys
  • Datum 20.04.2006
  • Autorin/Autor Günther Birkenstock
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