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Politik

Pressestimmen von Freitag, 18. November 2005

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt will die Ärzte zwingen, gesetzlich und privat Versicherte künftig gleich zu behandeln. Sie löste damit bei den Medizinern und den privaten Kasse einen Sturm der Entrüstung aus. Die Kommentatoren der deutschen Tagespresse beurteilen das Problem unterschiedlich.

So lesen wir im BERLINER KURIER:

'Ulla Schmidt bläst zum Sturm auf die Paläste. In den Zentralen der Krankenkassen wird man das als Revolution verstehen. Ist es auch. Denn das Gesundheitswesen steht vor umwälzenden Änderungen. So, wie es ist, ist es zu teuer. Diejenigen, die dafür verantwortlich sind, haben sozusagen ihren eigenen Untergang herbeigeführt. Ohne Grund geht niemand auf die Barrikaden, auch Schmidt nicht. Doch es ist
nicht einzusehen, dass 262 Kassen wie ein Moloch Jahr für Jahr Milliarden verschlingen, die dann Patienten fehlen.'

In Bielefeld schreibt die NEUE WESTFÄLISCHE:

'Die Privilegien der Privatpatienten abschaffen? Das wäre in der Tat gerechter. Ist aber zu kurz gedacht. Das Ergebnis hieße ganz sicher: Die Krankenkassenbeiträge würden steigen. Oder glaubt jemand, die niedergelassenen Ärzte würden es kampflos hinnehmen, ersatzlos auf rund 4,5 Milliarden Euro pro Jahr aus privaten Honoraren
verzichten zu müssen? Auch in den Kliniken funktioniert die Nutzung von teuren Großgeräten nur mit einer Mischkalkulation.'

Der Kommentar in der ABENDZEITUNG aus München meint folgendes:

'Gleichmacherei aller Patienten, wie jetzt von Gesundheits-
ministerin Ulla Schmidt vorgesehen, ist eine ebenso bittere wie wenig wirkungsvolle Medizin. Natürlich muß etwas passieren. Aber in unserer offenen Gesellschaft brauchen wir den Wettbewerb der Kassen, den Wettbewerb der Ärzte und die Freiheit der Kassen, mit den Ärzten über die Höhe der Honorare zu verhandeln. Und wir brauchen die Vielfalt der Kassen. Wer sich mehr leisten kann, der soll auch mehr Leistung bekommen können. Die Politiker sind in der Pflicht: Sie müssen den Menschen klar machen, dass eine private Absicherung unumgänglich ist - bei der Altersvorsorge genauso wie bei der Gesundheit.'

Zu guter Letzt noch ein Blick in das NEUE DEUTSCHLAND:

'Endlich, rufen jene, die schon seit langem an der
Notwendigkeit hunderter Krankenkassen mit nahezu gleichen Leistungen zweifeln. Die Gesundheitsministerin will deren Zahl reduzieren. Kassen beurteilen die Sache natürlich anders; sie sehen nicht ein, weshalb sie fusionieren sollen, bezweifeln auch den finanziellen Gewinn. Doch es geht in der gesundheitspolitischen Debatte eigentlich nicht um die Zahl der Krankenkassen, sondern vielmehr darum, ein
Sozialsystem zu sanieren, das für die Gesellschaft extrem bedeutsam ist, in dem Millionen Menschen beschäftigt sind, von dem zahlreiche Branchen profitieren und in dem die verschiedensten Gruppen agieren, die sich sofort vehement für ihre Interessen ins Zeug werfen.'

Themenwechsel: Ex-Schiedsrichter Robert Hoyzer muss nun doch ins Gefängnis. Das Berliner Landgericht verurteilte ihn im Fußball-Betrugsprozess zu zwei Jahren und fünf Monaten Haft. Sein früherer Kollege Dominik Marks erhielt ein Jahr und sechs Monate Haft auf Bewährung. Im Urteil deutscher Tageszeitungen, wie hier etwa der BERLINER MORGENPOST, stellt sich der Fall folgendermaßen dar:

'Die Aufklärung eines der größten Skandale der Bundesligageschichte ist damit nicht abgeschlossen. Gegen 19 weitere Beschuldigte ermittelt die Justiz derzeit noch. Der Prozeß gegen die drei kroatischen Brüder und die beiden ehemaligen Schiedsrichter hat in den vergangenen Wochen verblüffende Einblicke in den deutschen Fußballalltag geliefert. Im Spannungsfeld zwischen Vereinen, Schiedsrichtern, Spielern und Wettanbietern hat sich eine Grauzone
entwickelt, in der die Grenzen zwischen Recht und Unrecht
verschwimmen. Es ist höchste Zeit, daß der Fußball die Anzeichen von Kriminalität und Korruption in dem Milliardengeschäft ernst nimmt und nicht zur Tagesordnung übergeht.'

Die 'TAGESZEITUNG' kommentiert:

'Alles nicht so schlimm, scheint es. Und doch blieb vieles
ungeklärt bei der Aufarbeitung im 'Ruckzuck-Stil', den der DFB gefordert hatte. Dazu gehört die Rolle des Fußball-Bundes, der die aufkeimenden Verdachtsmomente anfangs lieber intern behandeln wollte, als offensiv Aufklärung zu betreiben. Auch hat der Verband alles Erdenkliche unternommen, damit Erstligaspiele nicht in den Ruch von Schiebung gelangten. Der DFB ist nun fein raus: Die Buben
haben ein paar krumme Dinger gedreht, für die sie nun büßen müssen. Für den DFB kann die WM nun beginnen.'

In Koblenz schreibt die RHEIN-ZEITUNG:

'Auf dem Fußballplatz ist der Schiedsrichter gleichzeitig der
mächtigste Mann und das ärmste Schwein. Egal, was er pfeift, er kann's nie allen Recht machen, schon gar nicht den
Standbild-Manipulatoren vom Fernsehen. Wenn ich mich also eh für meine Pfiffe prügeln lassen muss, mag sich der Herr Hoyzer gedacht haben, dann kann sich das für mich ja auch lohnen. Der überwiegende Teil seiner Kollegen scheint über ein höheres moralisches Bewusstsein zu verfügen und trifft seine Entscheidungen, ob richtig oder falsch, mit lauterem Gewissen.'

Hier noch die Meinung der BERLINER ZEITUNG zum Prozess:

'Der deutsche Fußball ist endlich angekommen in der Mitte der Gesellschaft, er trickst und manipuliert, er verschiebt und besticht. Und er macht damit nur wenig anderes als lustwandelnde Manager und Betriebsräte von Volkswagen oder emsige ARD-Reporter, die für manche ihrer Sportberichte nebenbei Provisionen kassiert haben sollen. Der Fußball ist angekommen. Er ist effektiv und erfolgreich wie der FC
Bayern und manchmal auch herzerwärmend schön wie Werder Bremen. Mitunter aber ist der Fußball aber auch einfach nur erbarmungslos. Dazu braucht es nicht der Prügelszenen aus Istanbul, dazu reicht ein Blick auf die Vorfälle in Deutschlands Kreisligen, wo Woche für Woche
die Fäuste fliegen.'

  • Datum 17.11.2005
  • Autorin/Autor Gerd Winkelmann
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  • Permalink http://p.dw.com/p/7TbT
  • Datum 17.11.2005
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