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Politik

Pressestimmen von Freitag, 16. Juni 2006

Deutschland im Fußballrausch / Diskussion über Altenbericht und Rente mit 67

Der Sieg der deutschen Nationalmannschaft in einem hochdramatischen Spiel gegen Polen hat die Fußballbegeisterung angeheizt. Millionen feierten ausgelassen den Sieg, es gab Autokorsos mit Hupkonzerten. Auch in den so genannten Fan-Meilen ging es hoch her. Deutschland im sportlichen Ausnahmezustand: Das lassen sich auch die Kommentatoren der Tageszeitungen nicht entgehen.

Der TAGESSPIEGEL aus Berlin schreibt zum landesweiten Fußballrausch:

"Hier läuft was. Merkwürdig und auch ein wenig verrückt: Nicht nur unsere Gäste, auch wir selbst erleben uns völlig anders, als wir sonst sind - oder vielleicht zu sein glaubten? Ein Deutschland, das sich weder Bedenken tragend noch mürrisch präsentiert, ein Land, das fröhlich, begeistert und begeisternd ist, in dem schwarz-rot-goldene Fahnen geschwenkt werden und in dem die Bürger ganz selbstverständlich die Nationalhymne mitsingen, ohne dass ein Hauch von Überheblichkeit oder Chauvinismus mitschwingt."

Die HESSISCH/NIEDERSÄCHSISCHE ALLGEMEINE aus Kassel merkt an:

"Dieses Deutschland, das so lange so miesepetrig drauf war, kann sich richtig freuen. Und viele der ausländischen Besucher freuen sich gleich mit, sogar wenn sie verlieren. Zu beobachten nach dem Spiel gegen die Polen, als viele den Deutschen trotz ihrer Enttäuschung gratulierten. Zu beobachten unter den Türken, die in Deutschland leben: Sie flaggen den Halbmond und Schwarz-Rot-Gold in trauter Eintracht und jubeln mit den Deutschen. Fußball gucken ist ein Gemeinschaftserlebnis geworden."

Dagegen gibt die FRANKFURTER ALLGEMEINE zu bedenken:

"Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn die sich in nationale Symbolik kleidende Begeisterung für Sportereignisse nicht doch noch bei dem einen oder anderen Bedenkenträger alte Ängste wiederbelebt hätte. (...) Es gibt in modernen Gesellschaften nicht mehr viele Möglichkeiten, sich öffentlich zu der Nation zu bekennen, der man angehört. Doch existiert offenkundig ein solches Bedürfnis. Sind Plätze voller jubelnder Menschen und hupender Autos andererseits schon Beleg für einen neuen deutschen Bekenntnispatriotismus? Ein Grund, in die alten Rituale des nationalen Selbstzweifels zurückzufallen, sind sie jedenfalls nicht."

Schließlich lassen wir noch die STUTTGARTER ZEITUNG zu Wort kommen:

"Manches deutet darauf hin, dass es sich gar nicht um eine Welle neuen Patriotismus handelt, sondern eher um ein fröhliches Spiel mit Schwarz-rot-gold. Denn nach Jahren der wirtschaftlichen Krise und der sozialen Bedrohungen, nach Jahren der Einschränkungen und der ständig neuen Hiobsbotschaften dürstet dieses Land nach Momenten der Ausgelassenheit, ja des Glücks. Eine ganze Nation ist deshalb geradezu finster-fröhlich entschlossen, für vier Wochen dem tristen Alltag zu entfliehen und eine gigantische Party zu feiern."

Und nun zu unserem zweiten Thema.

Die Bundesregierung will ungeachtet unterschiedlicher Meinungen von Experten an der geplanten Heraufsetzung des Rentenalters auf 67 Jahre festhalten. Dies sagte ein Sprecher des Familienministeriums unter Hinweis auf einen Bericht der "Bild"-Zeitung. Diese hatte vorab aus dem noch unveröffentlichten Altenbericht der Regierung zitiert. Darin soll die Sachverständigenkommission von der Heraufsetzung des abschlagfreien Rentenalters abgeraten haben. Ein Thema, das die Leitartikler der deutschen Presse nicht kalt läßt.

In der TAGESZEITUNG aus Berlin ist zu lesen:

"Schon Forscher des Nürnberger IAB-Instituts hatten kürzlich davor gewarnt, dass ein späteres Zugangsalter zur gesetzlichen Rente Leute in geringer qualifizierten Tätigkeiten erheblich benachteiligen könnte. Wer sich besonders aufreiben muß, wird am Ende noch bestraft: wahrscheinlich mit langen Jahren auf Arbeitslosengeld II bis hin zur dann nur noch kleinen Rente, für deren Aufstockung das Ersparte draufgeht, bis man am Ende bei der 'Grundsicherung im Alter' landet, 345 Euro im Monat plus Miete. Wenigstens das Niveau bleibt übersichtlich."

Große Aufregung herrscht beim SCHWARZWÄLDER BOTEN aus Oberndorf:

"Ein Skandal, sollte es stimmen, dass das Familienministerium diese wichtige Expertise seit August 2005 unter Verschluss hält, weil sie nicht ins Konzept passt! Dabei hat die Kommission nur aufgelistet, was wir längst wissen: Kaum einer arbeitet heute bis 65, weil er es aus körperlichen oder gesundheitlichen Gründen gar nicht kann - oder weil ihn sein Betrieb nicht mehr will. Auch Rentenkürzungen stoßen bei den Fachleuten auf überhaupt kein Verständnis: So wird nur die gesetzliche Altersrente kaputt gemacht!"

Der BERLINER KURIER vertritt folgende Ansicht:

"Die Welt alter Menschen schrumpft zusammen. Wenn der Körper versagt, wird sie auf die Größe der Wohnung reduziert oder die vier Wände des Zimmers im Pflegeheim. Die Pflegeversicherung sollte Rettungsanker für Hilflose sein. Doch wir sehen oft traurige Schicksale. Abgeschoben, vernachlässigt, vergessen. Das ist ein Teufelskreis, der sich im Verborgenen bildet. Was ist bloß aus der viel gepriesenen Würde im Alter geworden? Dazu zählt auch, dass der, der ein Leben lang hart arbeitete, seinen Lebensabend nicht von einer kargen Rente fristen muss. Schämt euch, ihr Politiker.

Abschließend zitieren wir das NEUE DEUTSCHLAND:

"Dass schon 50-Jährige immer weniger Chancen haben, ihren Arbeitsplatz zu behalten, geschweige denn einen neuen Job zu finden, ist kein Geheimnis. Und dass da »Rente mit 67« das Risiko von Altersarmut nicht bannt, sonderen eher erhöht, kann sich jeder ausrechnen. Natürlich steht das sinngemäß auch in dem Bericht. Dennoch will die Bundesregierung daran festhalten. Auch deshalb passt ihr die Expertenmeinung nicht in den Kram."

  • Datum 15.06.2006
  • Autorin/Autor Reinhard Kleber
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  • Permalink http://p.dw.com/p/8d9o
  • Datum 15.06.2006
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