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Politik

Pressestimmen von Freitag, 15. Februar 2008

Der Fall Zumwinkel

Post-Chef Zumwinkel steht im Verdacht, Steuern in Millionenhöhe hinterzogen zu haben. Ermittler durchsuchten Haus und Büros. Der Haftbefehl wurde nur gegen Auflagen fallengelassen. Für die Kommentatoren der deutschen Tagespresse ist das nur der vorläufige Höhepunkt in einer langen Reihe ähnlicher Fälle:

In der MÄRKISCHEN ODERZEITUNG aus Frankfurt lesen wir:

'Hätte der altgediente Konzernlenker mit viel Einfluss auf die Politik tatsächlich Steuern in Millionenhöhe hinterzogen, wäre das ein schwerer Schlag gegen die deutsche Wirtschaftselite. Denn die angesichts totalen Gewinnstrebens in der globalisierten Welt und von Hartz IV vagabundierenden Vorwürfe der Raffgier und Skrupellosigkeit gegenüber Spitzenmanagern erhielten neue reichliche Nahrung.'

Die OSTSEE-ZEITUNG in Rostock schreibt:

'Dass ihm jetzt Steuerfahnder auf den Pelz rücken, passt ins Bild des gewieften Managers, der gerne öffentlich Wasser predigte, aber heimlich Wein trank. Ziemlich ungeniert zog er auf dem Höhepunkt der Mindestlohndebatte eine Aktienoption, die ihm Millionen bescherte. Anleger haben mit Postaktien zuvor Millionen verloren. Und während Zumwinkel Branchenmindestlöhne durchsetzte, ließ die Post Subunternehmer für Dumpinglöhne schuften.'

In Bayreuth erscheint der NORDBAYERISCHE KURIER und meint:

'Der dienstälteste Vorstandschef aller DAX-Unternehmen hat über Jahrzehnte hinweg prächtig verdient. Doch die vielen Millionen reichten Zumwinkel nicht. Er versuchte sich, wenn die Vorwürfe zutreffen, in verbotener «Steueroptimierung» via Liechtenstein. Mit Zumwinkel, dem scheinbar so soliden Post-Chef, geht ein weiteres Stück Vertrauen in moralische Integrität und soziale Reife von Führungspersönlichkeiten aus der Wirtschaft verloren. Es droht ein gewaltiger Flurschaden bei Millionen Arbeitnehmern, die schon immer zu wissen glaubten, dass «die da oben» vor allem in die eigenen Taschen wirtschaften. Es ist an der Zeit, die Kultur der Unternehmensführung in Deutschland auf Vordermann zu bringen.'

Ganz ähnlich sieht das der Kommentar im Berliner TAGESSPIEGEL:

'Gerade jetzt braucht es verantwortliche Manager, die geschäftlich und privat ohne Fehl und Tadel sind. Das ist das Mindeste, was man für die horrenden Gehaltssummen erwarten kann. Gerade jetzt aber zeigt sich das krasse Gegenteil. Da muss der klamme Staat Banken retten, deren Führung versagt hat. Gewinne werden privatisiert, die Verluste sozialisiert, und die verantwortlichen Manager müssen nicht mehr fürchten, als dass ihre lukrativen Karrieren pausieren. Es ist etwas faul im Staate Deutschland. Trotz aller Corporate-Governance-Kodices hat sich eine Art moderner Feudalismus etabliert, der das Gemeinwesen beschädigt. Es ist Zeit für das große Reinemachen.'

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG aus München versucht sich in einer Erklärung:

'Hinter all der Empörung, der berechtigten und der unberechtigten Kritik an Politikern und Großmanagern, steckt vor allem eine Sehnsucht: die nach Vorbildern und Werten; es ist die Sehnsucht danach, sich an etwas halten zu können. Der Fall Zumwinkel beleidigt diese Sehnsucht. Innere Sicherheit ist ja nicht nur ein Gefühl, das mit Paragraphen, Polizei und Justiz zu tun hat. Innere Sicherheit ist auch das Ergebnis eines Grundvertrauens in das Führungspersonal eines Landes. Dieses Grundvertrauen wird von den Zumwinkels zerstört.'