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Politik

Pressestimmen von Freitag, 12.Juli 2002

Barcelona: AIDS-Konferenz / Wuppertal: Rücktritt Oberbürgermeister Kremendahl / Berlin und Brandenburg: Unwetter

Themen der Presseschau an diesem Freitag sind die AIDS-Konferenz in Barcelona, der Rücktritt des unter Korruptionsverdacht stehenden Oberbürgermeisters von Wuppertal sowie der schwere Orkan in Berlin
und Brandenburg.

Zur AIDS-Konferenz schreibt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG:

"Die Regierungen der reichen Industrienationen [...] haben
nur Konferenzen besucht und Appelle verkündet: 2,8 Milliarden Dollar haben sie in den internationalen Hilfsfonds eingezahlt. Notwendig wären jährlich zehn Milliarden Dollar - nicht viel, wenn man bedenkt, welche Summen diese Länder für Sicherheit und Rüstung ausgeben. Nur zehn Milliarden Dollar würden genügen, um den armen Ländern zu helfen. Die Seuche, das haben Thailand, Uganda oder Brasilien bewiesen, lässt sich eindämmen, durch Aufklärung, durch
Verhütungsmittel und Medikamente. Die internationale Politik aber hat jahrelang das Patentrecht für Medikamente über das Menschenrecht auf lebensrettende Medikamente gestellt."

Zum Rücktritt des Wuppertaler Oberbürgermeister Kremendahl bemerkt DIE WELT:

"Die in den vergangenen Tagen spürbare Distanzierung von Kremendahl bei gleichzeitiger Personalisierung des Streits sollte ihn zur Symbolfigur und zum Schwarzen Mann aufbauen - der dann, wenn endlich zur Seite geräumt, den Wuppertaler Spendensumpf zumindest optisch austrocknen lässt. [...] Die Wuppertaler Gelder sind zwar in der Stadt geflossen. Aber sie wurden geprüft, testiert und verteidigt von der höchsten Ebene der SPD. Der Bundesvorstand der Partei hat in Person seiner Schatzmeisterin alle Umstände -
Splittung, falsche Zuordnung, Tarnnamen - nicht nur gekannt ,ondern besten Gewissens in den Rechenschaftsbericht geschrieben. Nutznießer waren nicht nur Wuppertaler Genossen, sondern, über die zusätzlichen Mittelzuweisungen, eben auch die Konten der Bundespartei. Ob Kremendahl und seine lokalen Funktionäre sich für die da oben hängen lassen werden?"

Für die WESTFALENPOST ist die Affäre Kremendahl ein einziges Theater. Sie schreibt:

"Das Trauerspiel um den Wuppertaler Oberbürgermeister Kremendahl geht zu Ende. Mit Schlussapplaus wird der sich als verfolgte Unschuld präsentierende Polit-Mime kaum rechnen können. Kremendahl hat seinen Auftritt verpatzt, weil ihm zuletzt außerhalb seiner getreuen SPD-Knappen in Wuppertal niemand mehr die Rolle als Saubermann
abnahm. Für seine Partei war der direkt gewählte OB längst zum gewaltigen Ballast geworden, der die Landes-SPD tief in den Spenden-Strudel hineinzog. Kremendahl will jetzt Urlaub machen - es dürften lange Ferien werden. An seinen alten Schreibtisch wird er nicht zurückkehren."

Themenwechsel.

Sieben Tote und - allein im Berliner Stadtgebiet - 2.500 umgestürzte Bäume. Das ist das traurige Ergebnis von Orkan-Böen, die zum Teil mit 150 Kilometer pro Stunde durch Berlin und Brandenburg tobten. Kommentare in verschiedenen Zeitungen stellen einen Zusammenhang zum Weltklima her. So schreibt zum Beispiel die LEIPZIGER VOLKSZEITUNG:

"Die Wetterkatastrophen wüten immer zerstörerischer, die Atmosphäre erwärmt sich. Doch was beweist das schon? Das Klima war stets im Fluss. In dem unendlich komplizierten Organismus der Luftschichten lassen sich Ursachen für Veränderungen kaum beweisen und keine hundertprozentigen Vorhersagen treffen. Diese Unsicherheit der Forscher erleichtert es Wirtschaft und Politik, die Anzeichen für einen drohenden Klimawandel herunterzuspielen. Vor allem die USA nehmen die Sache auf die leichte Schulter. Schon vor zehn Jahren beim Umweltgipfel in Rio ist nicht viel herausgekommen, in sechs Wochen beim Nachfolgetreffen in Johannesburg wird vermutlich vor allem über die Rolle der Bedeutung palavert. Etwas mehr als bisher, so werden sich die Teilnehmer am Ende geläutert versichern, wolle jeder fortan für die Umwelt tun."

Die BERLINER ZEITUNG weist im Zusammenhang mit dem Sturm in Deutschland auf die Sorglosigkeit städtischer Bevölkerung hin:

"Ein notorischer Optimist würde sagen: Seit gestern weiß man auch in Berlin, was ein Sturm ist. Die Wahrheit ist: Die Lehre wird binnen kurzem wieder vergessen sein. Denn ungewöhnliches Wetter passt so wenig in das Bewusstsein eines geregelten städtischen Daseins, dass man stets von neuem vom Wetter überrascht wird. Das tägliche Durchspielen der Katastrophe am Bildschirm scheint auf
seltsame Weise gleichzeitig vorzubereiten und sorglos zu machen. Als hätte das dauernde Unheilerleben am Bildschirm sie imprägniert gegen echte Kollisionen, eilten viele Menschen während des Sturms durch die Stadt wie durch einen begehbaren Film - noch immer mit dem gleichen leichten Sinn, mit dem man zuvor darauf verzichtet hatte, sich auf das Unwetter vorzubereiten. Es schlug mal wieder die Stunde der Augenmenschen: Das dauernde Ansprechen des Visuellen in der modernen Medienwelt hat die übrigen Sinne abgestumpft, die jedes Lebewesen in der Natur zur Vorsicht mahnen."

  • Datum 12.07.2002
  • Autorin/Autor Roswitha Schober
  • Drucken Seite drucken
  • Permalink http://p.dw.com/p/2TeB
  • Datum 12.07.2002
  • Autorin/Autor Roswitha Schober
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