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Politik

Pressestimmen von Donnerstag, 5. Oktober 2006

Die Airbus-Krise

Die neuerliche Lieferverzögerung beim Superjumbo A380 hat Airbus in eine Krise gestürzt und die Angst um tausende Arbeitsplätze geschürt. Die Bundes- und Landesregierungen setzen sich für den Erhalt der Jobs in Deutschland ein. Für die deutsche Tagespresse stehen an diesem Donnerstag die Schuldigen weitgehend fest.

Im BADISCHEN TAGBLATT aus Baden-Baden lesen wir etwa folgendes:

'Der Knackpunkt bei Airbus liegt in der Verknüpfung von wirtschaftlichen und politischen Interessen. Die Wahrung des Proporzes und Rücksichtnahmen auf Regierungen spielen bei der Verteilung der Komponentenproduktion eine wichtige Rolle. Das ist politisch legitim, wirtschaftlich aber falsch, denn nur mit den besten und preislich attraktivsten Bauteilen kann man langfristig auf dem Weltmarkt bestehen.'

Der Leitartikler der NORDSEE-ZEITUNG in Bremerhaven kommentiert:

'Im Gegensatz zu dem als Dolores in den 90er Jahren bekannten Airbus-Sanierungs- und Entlassungsplan, geht es diesmal nicht um die Konsequenzen aus einer Krise am Flugzeugmarkt. Heute geht es genau um das Gegenteil - um die Bewältigung eines Auftrags-Booms und die daraus resultierenden Management-Fehler. Airbus will dieses Jahr 430 Flugzeuge ausliefern - die höchste Zahl in der Firmengeschichte. Und dass sich mit Flugzeugen gutes Geld verdienen lässt, haben die Airbus-Anteilseigner in den vergangenen Jahren fröhlich zur Kenntnis nehmen können. Also lassen wir die Kirche im Dorf und den A 380 in Hamburg: Auf dem Rücken der Arbeitnehmer kann und darf diese hausgemachte Krise diesmal nicht bewältigt werden.'

Eine ähnliche Tendenz vertritt der Bonner GENERAL-ANZEIGER:

'Die Airbus-Krise ist hausgemacht, spielt sich ab im Dreieck von Management, Aktionären und industrieller Fertigung. Erweiterte drakonische Sparpläne sollen nun die Milliarden-Einbußen auffangen. Doch eben so wichtig ist auch ein radikaler Neuzuschnitt der Unternehmensführung mit ihren deutsch-französischen Doppelköpfen, die allesamt am Gängelband der Politik hängen. Im Airbus-Topf rühren zu viele. Das peinliche Eingeständnis, die Auslieferung des A 380 zum dritten Mal verschieben zu müssen, vergrätzt nicht nur bislang noch treue Kunden und beschädigt das Image.'

Und hier ein Blick in die OSTSEE-ZEITUNG aus Rostock:

'Verantwortlich für den Sturzflug des A 380 sind nicht die Ottos und Pierres, die den Vorzeige-Flieger in Hamburg oder Toulouse montieren, sondern Fehler der Manager. Das milliardenschwere Sparprogramm, mit dem der neue Airbus-Chef Christian Streiff den Konzern jetzt aus den Turbulenzen lenken will, hätte vermieden werden können - wenn vernünftig geplant oder zumindest rechtzeitig reagiert worden wäre. Jetzt droht der A 380, noch ehe er richtig gestartet ist, abzuschmieren - und mit ihm der Konzern. Dem Konkurrenten Boeing wird die vorläufige Bruchlandung von Airbus Flügel verleihen.'

'Aus dem Höhenflug', schreibt die FRANKFURTER ALLGEMEINE, 'ist ein Sturzflug geworden, der nun sogar die Muttergesellschaft EADS gefährdet. Die Führung von Airbus und EADS wurde bereits ausgewechselt, mehrfach mußte die Auslieferung des A380 verschoben werden. (...) Das Debakel wird wohl mehr als fünf Milliarden Euro kosten. Deshalb muß jetzt gespart werden, auch an Personalkosten. Das ist in einem europäischen Gemeinschaftsunternehmen besonders schwierig, das (...) ein politisches Unternehmen ist - was es wegen seiner militärischen Bedeutung auch bleiben wird.'

Die STUTTGARTER ZEITUNG schreibt zum gleichen Thema:

'Die Airbus-Krise verschärft nun das seit längerem währende Gerangel im Kreis der EADS-Eigner. Wohin die Reise geht, ist unklarer denn je. Vorbildlich verhalten hat sich in der Vergangenheit die deutsche Seite, die im Kreis der Aktionäre lediglich durch den Privatkonzern Daimler-Chrysler vertreten ist - ganz im Gegensatz zum Nachbarland Frankreich, das seine Interessen direkt zur Geltung bringt. Am besten wäre dem Unternehmen gewiss gedient, wenn der unmittelbare Einfluss von Staaten zurückgedrängt würde. Aber danach sieht es überhaupt nicht aus.'

Der Kommentator der ALLGEMEINEN ZEITUNG aus Mainz meint:

'Das Versagen der Airbus-Techniker in Deutschland ist Wasser auf die Mühlen derer, die die Airbus-Produktion sowieso lieber an einem Standort, nämlich in Toulouse, konzentriert sähen. Nun, das wird nicht passieren, auch wenn es wirtschaftlich und technologisch sicher sinnvoll wäre, nicht andauernd halb fertige Flugzeuge zwischen Deutschland und Frankreich hin und her zu transportieren, nur um die nationale Ausgewogenheit der Produktion zu garantieren. Doch bei Airbus hat die Politik in Berlin und Paris eine gehöriges Wort mitzureden und deshalb wird es nicht zum großen Knall kommen.'

Zu guter Letzt schauen wir in das NEUE DEUTSCHLAND aus Berlin:

'Airbus galt einst als Paradebeispiel dafür, wie aus der Vereinigung Europas eine globale Wirtschaftssupermacht entstehen kann. Der Zusammenschluss von teils staatlichen Luftfahrtunternehmen aus vier EU-Ländern sagte dem Weltmarktführer Boeing den Kampf an. (...) Der Streit zwischen den Standorten um brutale Kostensenkungen, der auch von politischer Seite geschürt wird und den die Konzernführung für sich auszunutzen hofft, fällt heftiger aus als sonst in der Konzernwelt. Bleibt zu hoffen, dass im allgemeinen Interessengewirr wenigstens die Gewerkschaften an einem Kabel ziehen.
  • Datum 04.10.2006
  • Autorin/Autor Gerd Winkelmann
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  • Permalink http://p.dw.com/p/9CxY
  • Datum 04.10.2006
  • Autorin/Autor Gerd Winkelmann
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