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Politik

Pressestimmen von Donnerstag, 30. August 2007

Taliban - Geiseln

Die radikal-islamischen Taliban in Afghanistan haben gemäß einer Vereinbarung mit der Regierung in Seoul damit begonnen, ihre 19 südkoreanischen Geiseln freizulassen. Die Kommentatoren der für diese Presseschau ausgewählten deutschen Zeitungen beruteilen das Verhalten der südkoreanischen Regierung kritisch.

So schreibt die LEIPZIGER VOLKSZEITUNG:

'Zum ersten Mal hat eine Regierung, die Truppen in Afghanistan unterhält, direkt mit den Taliban verhandelt. Die Versuchung, das Erfolgsrezept zu wiederholen, dürfte damit in gleichem Maße wachsen, wie die künftigen Schwierigkeiten westlicher Regierungen, den Erpressungsversuchen durch weitere Entführungen zu widerstehen. Wer jetzt die südkoreanische Regierung kritisiert, ihr Handeln öffne das Tor zu Rückkehr der Taliban an die Macht, verkennt allerdings die Realitäten. Zum einen sind die islamistischen Kämpfer bereits längst ein Machtfaktor geworden ... Zum anderen ist das Geschäft mit den Geiseln nicht die eigentliche Ursache der Misere in Afghanistan, sondern allenfalls Symptom und Ausdruck für einen verfehlten internationalen Ansatz.'

In der ALLGEMEINEN ZEITUNG aus Mainz heißt es:

'Die koreanischen Geiseln kommen frei und mit dem Leben davon. Das ist der positive Teil des aktuellen Geschehens um die Geiselnahmen in Afghanistan. Der negative ist erheblich umfangreicher. Dass es sich immer wieder lohnt, Geiseln zu nehmen, war vor dem Einlenken Südkoreas schon bekannt, wurde durch den Verlauf dieser Affäre aber nochmals bestätigt. Damit ist das Leben für alle Fremden in Afghanistan jetzt jedoch nochmals gefährlicher geworden ... '

Die NEUE RUHR/NEUE RHEIN-ZEITUNG aus Essen führt aus:

'Verhandlungen mit Geiselnehmern sind immer schwierig. In der Regel laufen sie über Mittelsmänner. Niemals wird offiziell Lösegeld gezahlt. ... Die Südkoreaner haben dieses ungeschriebene Gesetz gebrochen. Sie haben direkt mit den Taliban verhandelt und sie so faktisch als legitime Macht im Land anerkannt. Und sie haben den Extremisten ein Pfund in die Hand gegeben, mit dem sie wuchern können: ein Abkommen über den Abzug der südkoreanischen Truppen aus Afghanistan. Der war zwar längst beschlossen, doch die Taliban werden den Coup für ihre Zwecke nutzen und öffentlichkeitswirksam uminterpretieren. Damit hat Seoul nicht nur die Regierung Karzai weiter geschwächt, sondern auch die Position der Bundesregierung im Ringen um die Freilassung von Rudolf B..'

Die in München erscheinende ABENDZEITUNG notiert:

'Angehörige jubeln, die Regierung in Seoul feiert und beschwichtigt. Die südkoreanischen Geiseln kommen hoffentlich alle frei. Und dennoch war gestern ein bitterer Tag im Kampf gegen die Taliban, ein Rückschlag für Afghanistan. Bislang hielt der Konsens, sich von Terroristen nicht erpressen zu lassen. Die koreanischen Diplomaten verwiesen zwar auf vorhandene Abzugspläne. Aber sie widersprachen nicht der Einschätzung, die Truppen gingen, damit die Missionare freikommen. Das Siegesgeheul der Taliban ließ nicht auf sich warten. Teror, Menschenraub lohnt sich doch. '

Der REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER argumentiert:

'Unabhängig davon, wie man das militärische, soziale und religiöse Engagement in Afghanistan bewertet, steht fest, dass die Taliban faktisch einen souveränen Staat erpresst haben. Zugleich erreichen sie eine Publizität, auf die PR-Strategen globaler Unternehmen neidisch sein können. Zwar werden nur wenige auf die Idee kommen, die menschenverachtenden Taliban plötzlich für humanitäre Würdenträger zu halten. Doch ihr auf dem Verhandlungsweg erzielter Erpressungs-Erfolg könnte zum Vorbild werden für andere Entführer - hierin liegt das Besorgnis erregende der aktuellen Geschehnisse am Hindukusch.'

In der LANDESZEITUNG aus Lüneburg heißt es:

'Viele Staaten, deren Bürger verschleppt wurden, werden künftig Härte zeigen müssen, damit bei islamistischen Mördern der Eindruck der leichten Manipulierbarkeit von Demokratien zerstreut wird. Die Bundesregierung sollte sich im Hinblick auf ihre im Irak und Afghanistan entführten Bürger Entscheidungshilfe im Geschichtsbuch holen. Die Standhaftigkeit und der Mut des Kabinetts von Helmut Schmidt angesichts der Entführungen von Hanns-Martin Schleyer und der Lufthansa-«Landshut» nach Mogadischu bleiben beispielgebend.'

Nun noch ein Blick in das WESTENFALEN-BLATT, es erscheint in Lüneburg:

'Es muss die südkoreanische Führung viel Überwindung gekostet haben, offiziell mit den Terroristen, denen ein Menschenleben wenig wert ist, um ihre Landsleute zu feilschen. Die Südkoreaner haben diesen Weg gewählt, sind Forderungen der Taliban nachgekommen und haben wohl auch Lösegeld gezahlt. Sie wollten auf diesem Weg die Geiseln freibekommen. Das ist gelungen, sollte daher auch nicht kritisiert werden. Doch bleibt ein bitterer Beigeschmack.'