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Politik

Pressestimmen von Donnerstag, 26. Juli 2007

Entführungen in Afghanistan / Doping bei Tour de France

Zwei verschleppte deutsche Ingenieure, 23 entführte Koreaner, ein gekidnappter dänischer Journalist – Afghanistan ist ein gefährliches Terrain. Und die Lage scheint angesichts widersprüchlicher Meldungen von Tag zu Tag unübersichtlicher zu werden. Ein Thema, das auch bei den Leitartiklern der deutschen Zeitungen auf reges Interesse stößt. Ebenfalls fleißig kommentiert werden die Doping-Affären bei der Tour de France. Doch zunächst nach Afghanistan.

Im WESER-KURIER aus Bremen lesen wir:

„Was also wissen wir wirklich? Dass in Afghanistan ein Guerillakrieg tobt mit allen schmutzigen Mitteln: Selbstmordanschlägen, Angriffen auf Hilfsprojekte, Entführungen, Morden an «Kollaborateuren». Zudem gibt es kriminelle Warlords, die sich vor allem mit Drogenanbau und -handel finanzieren, sowie eine Zentralregierung, die ihr Gewaltmonopol nur punktuell durchsetzen kann - und das auch nur mit massiver ausländischer Militärhilfe. Und wir ahnen, dass die Lage nicht sicherer wird, dass die Opfer nicht weniger, die Menschen nicht freier werden, wenn diese Truppen abziehen oder auch nur weniger werden.“

Die PFORZHEIMER ZEITUNG betrachtet Afghanistan als „heißes Pflaster“, das unterschätzt worden sei:

„Ein Umstand, den sich zumindest zum Teil auch die Bundesrepublik selbst zuzuschreiben hat, zeichnet sie doch verantwortlich für den Aufbau der dortigen Polizei. 40 Polizeiausbilder ins Land zu schicken, war offenbar nicht genug. Mangelnder Rückhalt bei den landeseigenen Sicherheitskräften wirkt sich fatal aus, nicht nur wenn wie jüngst Einheimische sich nicht an der Suche nach den Verschleppten beteiligen. Auch sonst gilt: Ein Land lässt sich nicht gegen seine Bevölkerung kontrollieren. Der Irak-Feldzug der USA sollte der Nato eine Lehre sein, bevor es zu spät ist.“

Die ALLGEMEINE ZEITUNG aus Mainz schreibt:

„Wie es scheint, sind die jüngsten Entführungen in Afghanistan keine gewesen oder sie waren Irrtümer. Alles also halb so schlimm? Leider nein, denn jede Schreckensnachricht, ob sie stimmt oder nicht, bringt die Regierung Merkel immer wieder unter Druck. Noch sind Union und SPD in seltener Einmut für den Verbleib der Bundeswehr am Hindukusch. Doch man täusche sich nicht, die Taliban, derzeit sicher zu schwach für die offene Feldschlacht, haben einen sehr kurzen Draht nach Deutschland. Sie kennen unsere Mentalität genau und wissen, wie sie Zwietracht säen können.“

Nach den Zielen des deutschen Engagements fragt der MANNHEIMER MORGEN:

„Was soll in Afghanistan erreicht werden, welche Mittel sind wir bereit, dafür einzusetzen und über welchen Zeitraum hinweg? Wenn die Politik - mit guten Gründen daran festhält, die Lage in Afghanistan so weit zu stabilisieren, dass unter dem Schutz von ISAF allmählich zivile Strukturen wieder aufgebaut werden können, dann ist es auf sehr lange Sicht möglich, die Taliban zurückzudrängen. Das setzt aber voraus, dass mehr zivile Helfer eingesetzt werden, nicht mehr Soldaten.“

Und nun zu unserem zweiten Thema. - Polizei-Razzia, Rückzug eines ganzen Teams und nur ein Thema: Doping, Doping, Doping. Die 94. Tour de France wandelt mit dem tiefen Fall von Alexander Winokurow und seiner Mannschaft Astana sowie dem neuen Betrugsskandal des Italieners Cristian Moreni auf den Spuren der Skandal-Tour von 1998. Bei diesem Dauerbrenner zücken die Kommentatoren der deutschen Presse gerne ihre Federn.

Der NORDKURIER aus Neubrandenburg zeigt sich resigniert:

'Diese Branche ist durch und durch verdorben. Sie zeigt die Reaktionen einer geschlossenen Gesellschaft, deren Gemütlichkeit gestört wird. Mittlerweile ist völlig unwichtig geworden, welcher Name am Ende der Frankreich-Rundfahrt 2007 ganz oben in der Gesamtwertung zu finden ist. Es steht ja noch nicht einmal der Sieger des vorigen Jahres fest (US-Apotheke Landis, oder wer?). Und wenn den Pessimisten nicht alles täuscht, gibt es auch 2008 nur diesen wahren Tour-Triumphator: das Thema Doping.'

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE meint:

„Obwohl die Fakten in Wort, Bild und Ton vorlagen, hat die Öffentlichkeit gerne die Augen verschlossen, die Abgründe ignoriert, sich dem schönen Schein hingegeben. Und genau deshalb besitzt sogar diese Skandal-Tour einen Wert: Sie hat die Wirksamkeit der Doping-Kontrollen bewiesen und damit die Wahrheit über den Berufsradsport aufgedeckt, erschütternde Mentalitäten und Mechanismen, mit denen Fachleute sich schon lange herumschlagen, vor einem Weltpublikum freigelegt. Ein «Weiter so» kann es nicht mehr geben.“

Dagegen gibt die WELT aus Berlin zu bedenken:

'Die Empörung über das Doping hat etwas Scheinheiliges. Das Publikum verlangt Athleten, die Übermenschliches leisten, das war schon in der Antike so. Auch die Sponsoren sind über Fahrer, die sauber aber unauffällig im Mittelfeld radeln, nicht wirklich glücklich. Den Profis winkt ein der Schinderei angemessenes Einkommen nur, wenn sie ganz vorne mitfahren, was ohne pharmazeutische Nachhilfe oder medizinische Tricks offenbar kaum noch zu schaffen ist. Das Doping ist kein Anschlag gegen den (Rad-)Sport. Es ergibt sich aus den Interessen- und Zwangslagen aller Beteiligten.'

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG wagt bereits eine Prognose für die kommenden Olympischen Spiele:

'Der Radsport mit seinem archaischen Gruppenzwang ist ein Sonderfall des Sports. Wie wenig er ein Einzelfall ist, wird schon Olympia 2008 in Peking beweisen. Dort erwartet den Spitzensport die nächste dramatische Niederlage. Gerade in China wird die Lüge Geschäftsgrundlage sein. Auch dort wird es Sportler wie Winokurow geben, die für den ewigen Ruhm und das Bankkonto alles und noch mehr riskieren. Sportler, die in ihrer Gier so maßlos werden, dass sie neben all dem Teufelzeug, das keine Kontrolle entdecken kann, auch noch Pillen einwerfen und sich Spritzen setzen, die sie in die Arme der Fahnder treiben.'