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Politik

Pressestimmen von Donnerstag, 24. November 2005

Merkel im Ausland / Ekelfleisch in Deutschland

Die erste Auslandsreise der neuen Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie der Skandal um den Handel mit verdorbenem Fleisch in Deutschland riefen bei den Kommentatoren der deutschen Tageszeitungen ein starkes Echo hervor.

Zu den Besuchen Angela Merkels in Paris und Brüssel am Mittwoch ist in der in Düsseldorf erscheinenden WESTDEUTSCHEN ZEITUNG zu lesen:

"Bundeskanzlerin Angela Merkel: Daran muss man sich erst noch gewöhnen, auch im Ausland. Millimeter für Millimeter wolle man jede Geste der neuen Regierungschefin in Paris verfolgen, drohte der konservative «Figaro» im Vorfeld des ersten Merkel-Besuchs. Was die Franzosen dann erwartungsgemäß nicht zu sehen bekamen, waren deftige Wangenküsse und kräftige Umarmungen wie zwischen Gerhard Schröder und Jacques Chirac, bei denen selbst den Zuschauern der Atem wegblieb. Eine Kanzlerin knutscht und knufft man eben nicht. Dafür präsentierte sich in Paris eine freundlich-nüchterne Frau, die selbstbewusst die Interessen Deutschland vertritt."

Die Zeitung DIE WELT aus Berlin stellt fest:

"Während Frankreichs Präsident Jacques Chirac von der «deutsch- französischen Achse» spricht, redet die Kanzlerin lieber von Freundschaft. Merkel entwindet sich somit der Exklusivität der Beziehungen, auf die Bundeskanzler Schröder zum Nachteil der deutschen Bewegungsfreiheit gesetzt hatte. Die Kanzlerin will zurück zur klassischen Außenpolitik, so, wie sie alle Regierungschefs seit Adenauer mit Ausnahme Gerhard Schröders verfolgten. Diese Politik lässt sich auch als Prinzip des Sowohl-Als-auch beschreiben: enge Beziehungen zu Paris, aber ohne die anderen Europäer auszuschließen. Pflege des deutsch-französischen Motors, ohne Washington zu verärgern."

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG sieht es so:

"Die von Schröder und Chirac gemeinsam betriebene Verlängerung der Achse nach Moskau war ein Fehler: Washington hat das als Versuch zur Gegenmachtbildung angesehen und entsprechend quittiert (abzulesen an der demonstrativen Nichtunterstützung des deutschen Strebens in den UN-Sicherheitsrat); bei den neuen EU-Mitgliedern aus Mittel- und Osteuropa wurde der Verdacht genährt, es werde über ihre Köpfe hinweg Großmachtpolitik betrieben. Ob da die notwendige Neujustierung gelingt, ohne daß diplomatischer Schaden in Paris und Moskau angerichtet wird, dürfte nicht zuletzt von Frau Merkels Geschick und Überzeugungskraft abhängen."

Der Kommentator der BERLINER ZEITUNG meint:

"Es wird eine Mischung werden, die uns in nächster Zeit bevorsteht - eine Politik, in der sich die Fürsorge für die kleinen EU-Staaten, wie sie in Kohls Zeiten praktiziert wurde, verbindet mit dem Selbstbewusstsein Deutschlands in internationalen Fragen, das in Schröders Amtszeit entstanden ist. Auch so kann sich eine Mittelmacht Deutschland präsentieren."

Themenwechsel: Der Fleischskandal in Deutschland weitet sich immer mehr aus. Allein in den vergangenen Tagen wurden bei Kontrollen zahlreicher Firmen in mehreren Bundesländern hunderte Tonnen verdorbenen Fleisches sicher gestellt. Die Kölner Boulevardzeitung EXPRESS reagierte empört:

"Ekliges vergammeltes Fleisch, als frisch weiter verarbeitet. Und wahrscheinlich längst aufgegessen. Pfui! Die Machenschaften einiger Unternehmen in dieser lukrativen Branche sind nur mit einem Wort zu bezeichnen: kriminell. Deswegen gleich Vegetarier werden, wäre überflüssig. Denn nach wie vor sind es nur ganz wenige Unternehmen, die bewusst verdorbene Ware weiter verhökern. Leid können einem da aber die Kontrolleure tun."

Der MANNHEIMER MORGEN stellt fest:

"Der harte Wettbewerb - nirgendwo in Europa sind die Lebensmittel- Preise so niedrig wie in Deutschland - verlockt die kriminellen Betrüger dazu, dem Verbraucher verdorbene Ware auf dem Teller zu präsentieren. Schon deshalb ist es ein Rätsel, warum die Verantwortlichen nicht stärker gegen diesen Missbrauch vorgehen. In einem Land, in dem es für jede im Handel angebotene Schraube eine Norm gibt, landen Lebensmittel «frisch» auf dem Tisch, die zum Himmel stinken. Wenn die Kontrolleure dann doch zuschlagen, vertrösten sie die Konsumenten damit, dass die Ware garantiert nicht gesundheitsschädlich sei. Na dann guten Appetit!"

Kritisch setzen sich die STUTTGARTER NACHRICHTEN mit dem Verhalten der Konsumenten auseinander:

"Empörung angesichts der Praktiken ist verständlich. Ehrlich ist sie nicht. Nur wenige Verbraucher sind bereit, für ein gutes Stück Fleisch gutes Geld auszugeben. Der Deutsche knausert gerade beim Essen. Zwölf Prozent seines Einkommens sind dem Verbraucher heute seine Lebensmittel wert, in den 70er Jahren waren es 30 Prozent. Wie hoch jedoch der Preis ist, den er für Billiges zahlt, machen die jüngsten Skandale wieder einmal deutlich. Um Milch billiger herzustellen als Wasser, muss man zaubern können - oder man betrügt."

Die in Berlin erscheinende TAZ meint:

"Die diversen Fleischskandale, oder sagen wir lieber: DER große Fleischskandal ist die logische Konsequenz einer Branche, die alle ethischen Maßstäbe verloren hat, die Billigfleisch produziert wie andere Leute Ziegelsteine. Wann vergeht uns endlich der Appetit?"

Und die BADISCHEN NEUESTEN NACHRICHTEN aus Kasrlsruhe raten:

"Der Verbraucher kann in diesem düsteren Szenario nur mit dem Mittel gegensteuern, das vor fünf Jahren von 70 Prozent aller Bundesbürger als feste Absicht bezeichnet wurde, aber längst vergessen scheint: Nämlich mehr Geld für Lebensmittel auszugeben. Nur so ließe sich eine wirksame Regionalisierung der Märkte durchsetzen, die höhere Transparenz gewährleistet und eine Lebensmittelproduktion, die schon bei der artgerechten Tierhaltung ansetzt."

  • Datum 23.11.2005
  • Autorin/Autor Hans-Bernd Zirkel
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  • Permalink http://p.dw.com/p/7Vcx
  • Datum 23.11.2005
  • Autorin/Autor Hans-Bernd Zirkel
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