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Politik

Pressestimmen von Donnerstag, 16. März 2006

Streik der Mediziner / Wettskandale

Bei Urabstimmungen im Tarifstreit an den deutschen Universitätskliniken hat eine überwältigende Mehrheit der beteiligten Mediziner für einen Streik gestimmt. Die Entscheidung der Mediziner ist Anlass zahlreicher Kommentare in deutschen Tageszeitungen. Ein weiteres Thema sind die Wettskandale im deutschen Fußball.

Die BERLINER ZEITUNG zeigt Verständnis für die Entscheidung zum Streik der Mediziner:

"Die Wut der Ärzte ist durchaus nachzuvollziehen. Denn die Arbeitsbedingungen auf vielen Stationen sind schlicht eine Zumutung: Auf Nachtschichten folgt vielfach kein Feierabend, sondern die nächste Schicht. Unzählige Überstunden bleiben unbezahlt. Aber, so sehr man den Doktoren wünscht, dass sie erträgliche Arbeitsbedingungen erstreiken, so sehr sollte man sich möglicher Folgen bewusst sein. Annähernd drei Milliarden Euro müsste das Gesundheitswesen zusätzlich schultern, wenn sich die Ärzte mit allen Forderungen durchsetzen würden."

Auch die STUTTGARTER NACHRICHTEN betrachten die Forderungen der Mediziner als berechtigt:

"Der Spruch der Weißkittel, jeder Patient werde nach 24 Stunden Dauerdienst zum Feind des Arztes, hat sich zwischenzeitlich auch außerhalb der Kliniken herumgesprochen. Niemand kann von ihnen erwarten, dass sie mit ihrem persönlichen Einsatz ein unterfinanziertes System am Leben erhalten. Wer das dennoch tut, vertreibt irgendwann den letzten Arzt ins Ausland."

Im Gegensatz dazu wertet die FRANKFURTER RUNDSCHAU die Ärzteforderung als überzogen:

"Jetzt sollen Kranke auch noch auf geplante Operationen warten, weil der Herr Doktor im Ausstand ist. Die Forderung der am Arbeitsplatz ohnehin privilegierten Klinikärzte von 30 Prozent mehr Gehalt dürfte kaum zu Solidaritätserklärungen aus der Bevölkerung führen. Und doch: Die Aktionen der Ärzte sind nachvollziehbar. Vieles haben sie in der Vergangenheit erdulden müssen. Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen machen ihnen zu schaffen. Das geht auch zu Lasten der Patienten, nicht nur der Ärzte."

Auch die KÖLNISCHE RUNDSCHAU kritisiert die Streikentscheidung der Ärzte und verweist auf das Mediziner-Ethos:

"Die Ärzte müssen sich fragen lassen, ob diese Zuspitzung klug ist. Was ist an Universitätskliniken eigentlich nicht notwendig, was wird also verschoben? Hier geht es doch nicht um Faltenunterspritzung, sondern um die Befreiung von heftigen Schmerzen durch eine Hüftprothese, von Todesangst durch eine Krebsoperation. Ärzte gehen hier an die Grenze dessen, was sich mit ihrem Berufsbild verträgt - hoffentlich nicht darüber hinaus. Sie sollten ihren Streik klug dosieren und mit den Arbeitgebern nach einer bezahlbaren Lösung suchen"

Ein weiteres Thema sind Meldungen über Wettskandale im deutschen Fußball. Der Anlass dazu ist das Treffen am Mittwochabend von Bundeskanzlerin Merkel mit dem Präsidenten des Organisationskomitees für die Weltmeisterschaft, Franz Beckenbauer, und der sportlichen Leitung um Jürgen Klinsmann, um sich über die WM-Vorbereitungen zu informieren.

Die ESSLINGER ZEITUNG meint:

"Der Fußball im Land des WM-Gastgebers gibt ein Image schädigendes und skandalöses Bild ab. Die Skandale reihen sich aneinander wie die Glieder einer Kette: Wettaffäre um den Schiedsrichter Hoyzer, Verärgerung im Umgang mit den WM-Optionstickets, Absage der Eröffnungsgala, Bericht der Stiftung Warentest zum Sicherheitszustand der Stadien und und und. Pleiten, Pech und Pannen sind nicht dazu angetan, das ohnehin angeschlagene Image Deutschlands aufzupolieren."

Die LANDSHUTER ZEITUNG aus Straubing zieht eine noch finstere Bilanz:

"Schlimmer geht's nimmer. Erst spielen die Italiener die deutsche Nationalelf beim Testspiel in Florenz in Grund und Boden, dann die Querelen um Teamchef Jürgen Klinsmann und der über die Medien ausgetragenen Disput zwischen ihm und Kicker-Ikone Franz Beckenbauer und nun der Super-Gau für den deutschen Fußball? Bundesligaprofis und sogar ein Nationalspieler, die mit der Wettmafia zusammengearbeitet haben? Fußball-Deutschland versteht die Welt nicht mehr, das Image ist ramponiert."

Die FREIE PRESSE aus Chemnitz rät, die Vorfälle möglichst schnell zu klären, um weiteren Schaden zu vermeiden:

"Wenn sich die ans Tageslicht beförderten Fakten auch nur ansatzweise bewahrheiten, dann muss das gesamte Spielsystem des deutschen Fußballs - wie das anderer Länder aber wohl auch - einer blitzschnellen und umfassenden Reinigungskur unterzogen werden. Ein regelrechtes Netz von Paten, quer durch Europa gezogen, mit vorzüglichen Kontakten zu Profi-Fußballern - allein derartige Vorstellungen sind der blanke Horror. Jeder noch so kleinen Spur muss rigoros nachgegangen werden."

Das OFFENBURGER TAGEBLATT stimmt mildere Töne an und setzt darauf, dass die Fußballbegeisterung am Ende siegen wird:

"Die aktuelle Nervosität um Klinsmann, den deutschen Fußball, um Wörns und die Torhüterfrage zeigt lediglich, welch hohen Stellenwert das Ereignis Fußball-WM in Deutschland hat. Die Schlagzeilen dazu werden in den nächsten Wochen deshalb auch nicht abreißen. Genau genommen bis zum 9. Juni. Dann wird Angela Merkel in langen Hosen auf der Tribüne sitzen, Klinsmanns Jungstars werden sich in kurzen Hosen vor Ehrgeiz zerreißen, und die ganze Nation wird hinter "unserer Mannschaft" stehen und sich unbändig auf die nächsten vier Wochen freuen. Alles andere wird Schnee von gestern sein."

  • Datum 15.03.2006
  • Autorin/Autor Günther Birkenstock
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  • Permalink http://p.dw.com/p/87Qk
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