1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik

Pressestimmen von Donnerstag, 12. Juli 2007

Freilassung im Irak / Todesstrafe für bulgarische Krankenschwestern

Die Freude ist geteilt. Die deutsche Geisel im Irak, Hannelore Krause, ist frei. Ihr Sohn wird aber weiter festgehalten. Das ist ein Thema, das die Kommentatoren der deutschen Tageszeitungen aufgreifen. Ein weiteres ist die Bestätigung der Todesstrafe für die in Libyen gefangenen Krankenschwestern aus Bulgarien. Doch zunächst Stimmen zur Freilassung im Irak.

Der BONNER GENERALANZEIGER schreibt:

'Hannelore Krause mag körperlich in Freiheit sein. Solange ihr Sohn Sinan als Faustpfand für islamistische Entführer-Drohungen gegenüber der Bundesregierung herhalten muss, ist sie von den Geiselnehmern weiterhin vollständig abhängig, wie ihr Fernseh-Interview bedrückend demonstriert hat. Die so genannten «Rechtschaffenheits»-Brigaden haben eine Marionette gefunden, mit der man die Forderungen nach dem Afghanistan-Rückzug der deutschen Soldaten wirkungsvoller als in hinhaltenden Gesprächskontakten präsentieren kann. Aber die Strategie ist zum Scheitern verurteilt. Denn Berlin lässt keinen Zweifel daran, dass es zu keinen Zugeständnissen an die Forderungen der Entführer kommen wird.'

Die ESSLINGER ZEITUNG sieht viele offene Fragen:

'Die Lage für Sinan Krause ist kritischer denn je. Haben die Entführer seine Mutter nur freigelassen, um ihren Forderungen besonders perfide Nachdruck zu verleihen? Handelt es sich um eine politische Gruppe oder um Kriminelle, die nur eine mögliche Lösegeldzahlung hochtreiben wollen? Viele Fragen sind offen, daher sollte der Krisenstab weiter im Hintergrund arbeiten. Alles andere könnte das Leben der zweiten Geisel zusätzlich gefährden.'

Über die Kaltschnäuzigkeit der Entführer wundert sich die THÜRINGER ALLGEMEINE aus Erfurt:

'Nichts ist ihnen heilig. Hochtrabend bezeichnen sich die irakischen Kidnapper als Brigade der Pfeile der Rechtschaffenheit. Wenn sie, wie nach außen ständig heißblütig versichert, wirklich gottesgläubig sind, müssten ihnen bei ihren Taten vor Angst die Knie schlottern. 155 Tage haben sie Hannelore Krause, die vor Jahren ihrem irakischen Mann nach Bagdad folgte, in Todesängsten gehalten. Sie muss sich weiter sorgen um ihren Sohn Sinan, mit dessen Leben ein weiterer Preis erpresst werden soll. Man kann beiden nicht mal vorwerfen, sich unvorsichtig verhalten zu haben. Der Überfall erfolgte in ihrer Wohnung, dem Heim eines Medizin-Professors. Wirklich nichts ist den Kriminellen heilig.'

Die KÖLNISCHE RUNDSCHAU macht sich Gedanken über die Hintergründe der Freilassung:

'Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich die Hintergründe der Freilassung zusammen zu reimen. Politische Forderungen hat die Bundesregierung nicht erfüllt, sie kann das auch gar nicht. Ein Staat, der sein Handeln nach den Drohungen von Vermummten ausrichtet, gibt sich auf. Zudem spricht eine Menge dafür, dass es in Wahrheit wieder mal gar nicht um solche Dinge wie die Befreiung' Afghanistans geht, die von den Kidnappern wiederholt per Video beschworen wurde, sondern um schnöde Bereicherung. Menschenhandel und Geiselgeschäfte sind heutzutage im Irak eine wichtige Einkommensquelle. Zu hoffen bleibt, dass auch die zweite Geisel bald frei kommt. Die letzte Entführung aber, so ist zu befürchten, war dies sicher nicht.'

In Libyen wurden die Todesurteile gegen fünf bulgarische Krankenschwestern und einen bulgarisch-palästinensischen Arzt bestätigt. Ihnen wird vorgeworfen, Kinder absichtlich mit dem Aids-Virus infiziert zu haben.

Für das HAMBURGER ABENDBLATT ist die Lage klar:

'Der Vorwurf: absurd. Der Prozess: eine Farce. Die Geständnisse: erpresst. Die kleinen Patienten wurden Opfer katastrophaler hygienischer Verhältnisse in den Krankenhäusern. Und das im ölreichen Libyen. Als politisches Faustpfand aber waren die Verurteilten Staatschef Gaddafi hochwillkommen. Das ist eine Art Geiselnahme. Der nun eingefädelte Handel - Blutgeld gegen Begnadigung - lässt den Wüstendespoten zudem innenpolitisch das Gesicht wahren: als Landesvater, der sich um die Hinterbliebenen kümmert. Wie grotesk.'

Die LANDESZEITUNG aus Lüneburg rät zu Gelassenheit:

'Der Henker wird vergeblich auf die bulgarischen Krankenschwestern und den Arzt warten. Tripolis wird das Urteil kippen. Zu gewichtig ist Gaddafis Interesse an weiterer Entspannung. Gaddafis Verwandlung vom Terrorpaten zu Europas erstem Grenzschützer bringt ihm internationale Reputation. Für sein Regime ist überlebenswichtig, dass die Sanktionen aufgehoben bleiben. Nur so kann Gaddafi mit den Öl-Erträgen den sozialen Sprengstoff in seinem Land entschärfen, dessen Bevölkerung sich in 30 Jahren verdoppelt hat. Seine Lehre aus dem Saddam-Sturz lautet: Der Westen akzeptiert nur Tyrannen, die kooperieren. Und die Toleranz des Westens wächst, wenn dieser Tyrann ihm Flüchtlinge von den Grenzen fernhält und ihm zugleich das immer kostbarere Erdöl in die Raffinerien pumpt.'

Auch aus Sicht der FRANKFURTER RUNDSCHAU wird das Gefangenendrama positiv enden:

'Sorge, Mitgefühl, Hoffnung etwas fehlt in der Bewertung des deutschen Außenministers: Empörung. Frank-Walter Steinmeier hat sich bewusst zurückhaltend über die Bestätigung des Todesurteils gegen die fünf bulgarischen Krankenschwestern und den palästinensischen Arzt durch das höchste libysche Gericht geäußert. Auch von der EU sind sehr moderate Töne zu vernehmen. Die Gründe für die Mäßigung sind nicht schwer zu erschließen: Über das Schicksal der sechs entscheidet am Ende kein Richter, wie hoch er auch angesiedelt sein mag. Es entscheidet der Allerhöchste im Land: Muammar el Gaddafi. Es wird Geld fließen. Aber das ist offenbar nicht das allein Ausschlaggebende. Da unterscheiden sich maghrebinische Despoten nicht von deutschen Lokomotivführern: Sie wollen Anerkennung.'

Die Weichen sind also für eine politsche Lösung gestellt. Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG aus München merkt an:

'So könnte man von einem guten Ende sprechen, wenn solch eine abgedroschene Phrase nach acht Jahren unschuldiger Angst Haft und Todesangst in libyschen Gefängnissen noch erlaubt ist. Und wenn nicht die infizierten Kinder wären, von denen 56 schon gestorben sind.'