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Politik

Pressestimmen von Donnerstag, 12. April 2007

Anschläge in Algier / Muslime gründen Koordinationsrat

Nach einem blutigen Bürgerkrieg war der Weg zur inneren Versöhnung für Algerien mühsam genug. Nun ist er noch schwieriger geworden. Bei den schwersten Bombenanschlägen seit Jahren wurden in Algier mehr als 20 Menschen getötet. Die Bekenner sprachen im Namen von El Kaida. Ein weiteres Thema dieser Presseschau ist die Gründung eines muslimischen Dachverbands in Deutschland.

Der Bremer WESER-KURIER meint zum Terror in Algerien:

"Eine weitgehende Amnestie für inhaftierte Islamisten sollte den inneren Frieden wieder herstellen. Doch nun wird in aller Brutalität deutlich, dass es keinen Verhandlungsfrieden geben kann mit Leuten, die im Namen einer Religion morden und dabei sogar ihr eigenes Leben wegwerfen. Das Wortpaar «Verhandlung» und «Erfolg» existiert für Islamisten nicht - sie kennen allein die Kombination «Verhandlung» und «Verrat». Und bei der Vergeltung für «Verrat» wird auch jedes unschuldige Opfer in Kauf genommen."

Die KÖLNISCHE RUNDSCHAU schreibt:

"Die Tat muss als Kampfansage an den algerischen Staat verstanden werden. Der Anschlag zeigt erneut: Der Terror extremistischer Muslime ist nicht in erster Linie ein Kulturkampf mit der abendländisch-westlichen Welt. Die Front verläuft vielmehr zwischen denen, die im Sinne der Aufklärung Religion als Privatsache des Menschen ansehen, Staat und Religion also trennen, und denen, die Religion politisch instrumentalisieren, sie absolut setzen, einen «Gottesstaat» anstreben und diesen gewaltsam durchsetzen wollen."

Die LANDESZEITUNG aus Lüneburg sieht die Kluft zwischen Abendland und islamischer Welt dagegen tiefer:

"Der Westen täte gut daran, dieses Mal die Gewalt nicht zu ignorieren, wie es zwischen 1992 und 1999 weitgehend der Fall war. Damals tobte in Algerien ein Kampf um die Macht zwischen Islamisten und Staat. Heute bomben islamistische Terroristen, um sich in Nordafrika einen Stützpunkt zu schaffen, von dem aus Europa ins Visier genommen werden kann. Die El-Kaida-Ableger hoffen bei der perspektivlosen Bevölkerung auf einen Robin-Hood-Effekt. Diesen kann die EU verhindern, wenn sie die Euro-Mediterrane Partnerschaft - die Schaffung eines sicheren Wohlstandsraumes rund ums Mittelmeer - mit Leben füllt."

Und in der STUTTGARTER ZEITUNG heißt es zur Rolle von El Kaida:

"Die Unterstützung für den gewaltbereiten islamistischen Fundamentalismus hat weltweit zugenommen, als zunächst der Westen in Afghanistan die Herrschaft der Taliban stürzte und daraufhin die USA mit ihren Verbündeten in den Irak einmarschierten. Seither sind überall regionale Terrorgruppen entstanden, die sich gegenseitig beflügeln und die selbstständig handeln. Osama bin Laden ist nicht mehr der Drahtzieher. Aber er verkörpert den Mythos des unbesiegbaren Kämpfers."

Themenwechsel: Der organisierte Islam in Deutschland verändert sein Gesicht. Die vier muslimischen Spitzenverbände haben einen 'Koordinierungsrat der Muslime' als Dachverband gegründet.

Die HEILBRONNER STIMME kommentiertt:

"Bund, Länder und Kommunen benötigen ein Gegenüber, wenn das Verhältnis zum Islam über informelle Gespräche hinaus auch vertraglich geregelt werden soll. Vor diesem Hintergrund bedeutet die Bildung eines Koordinierungsrats der vier großen Muslimverbände jetzt einen Durchbruch in der Beziehung von Staat und Islam in Deutschland. Allerdings vertreten die vier Organisationen überwiegend einen konservativen Islam. Die liberalen Gläubigen finden künftig noch weniger Gehör als zuvor. Aber längst hätten sie selbst einen Verband gründen sollen."

Der MANNHEIMER MORGEN schreibt:

"Ein Gesprächspartner für die drängenden Fragen hat über Jahrzehnte spürbar gefehlt. Jetzt beansprucht der Koordinierungsrat diese Rolle. Seine Botschaft lautet: Wir Muslime sind Teil dieser Gesellschaft und wollen sie mitgestalten. Dazu muss der Rat um Akzeptanz nach außen und besonders innen ringen, damit er vielleicht einmal verlässliche und starke Signale aussenden kann. Auf dem Weg dorthin wird es weniger um Detailfragen als um Einfluss gehen. Die vier Parteien wollen mit einer Stimme sprechen, die sie erst einmal formen müssen. Hinter den Kulissen dürfte daher noch laut diskutiert werden."

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG meint:

"Ganz gleich, ob es um islamischen Religionsunterricht oder um das Schächten ging, die Ministerien haben immer nach einer Repräsentanz gerufen, die «dem Islam» so wenig angemessen ist wie «dem Christentum». Insofern handelt es sich bei dem jetzigen Zusammenschluss um eine Organisation, die der muslimischen Lehre nicht eigentlich entspricht, aber schnell institutionellen Charakter annehmen kann. Welche Einflussmöglichkeiten der Koordinierungsrat gewinnt, hängt wesentlich von ihm selbst und von seiner Integrationsfähigkeit ab. Nur wenn sich die Mehrheit der Muslime mit ihm identifizieren kann, wird er sich auf Dauer bewähren."

Und in der ALLGEMEINEN ZEITUNG aus Mainz heißt es:

"Den weit über drei Millionen Menschen, die sich in Deutschland zum Islam bekennen, schlägt oft unverhohlene Abneigung entegegen. Daran sind die Musime nicht unschuldig, denn viele bleiben lieber unter sich. Hier wird also ein Schwerpunkt der Arbeit der neuen Organisation liegen müssen: Den Muslimen zu zeigen, dass sie nur dann in Deutschland Verständnis finden, wenn sie sich der großen Mehrheit der Gesellschaft öffnen und glasklar belegen, dass Mord und Totschlag wie im Nahen Osten niemals ihre Billigung finden."