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Politik

Pressestimmen von Dienstag, 30.Juli 2002

Freier Flug für Gysi / Bertelsmann und der Rücktritt Middelhoffs

Den von Gregor Gysi privat genutzten Bonus-Meilen im Flugverkehr schenken die meisten Tageszeitungen an diesem Dienstag in ihren Kommentaren Aufmerksamkeit. Weiteres Thema ist der überraschende Führungswechsel bei Bertelsmann.

Zur Flugaffäre um den PDS-Politiker Gysi und den Grünen Özdemir der WESTFÄLISCHE ANZEIGER aus Hamm:

"In einem Berufsstand, der von Amts wegen auf Kosten anderer lebt, entsteht endlich auch in vermeintlich unwichtigen Dingen so etwas wie Unrechtsbewusstsein. Es geschieht allemal ziemlich spät. Weder Cem Özdemir noch Gregor Gysi können glaubhaft versichern, dass es sich bei all den Pannen mit ihren Flugkosten nur um ein Versehen gehandelt hat. Über Flüge von Politikern und ihre Bezahlung wird nun schon seit Jahren gestritten. Wer trotzdem schummelt, schummelt ganz bewusst wie der Arbeitnehmer, der sich seine Fahrtkostenaufstellung ein wenig schön rechnet. Der Bund der Steuerzahler hat vermutlich recht: Die Dunkelziffer ist noch ziemlich hoch. Wer spendet als nächster?"


Die ALLGEMEINE ZEITUNG aus Mainz fragt:

"Gerät Gregor Gysi als nächster 'Freiflieger' in politische
Turbulenzen? Seine Lage ist misslich, hat doch der Grünen-
Abgeordnete Cem Özdemir durch seinen konsequenten Rücktritt ein Signal gesetzt, das weder der Berliner PDS-Wirtschaftssenator noch andere Politiker werden übersehen können. Denn dass noch mehr Abgeordnete dienstliche Bonusmeilen in Privatflüge umgemünzt haben, scheint beim Steuerzahlerbund nachgerade aktenkundig zu sein. Hagelt
es jetzt dutzendweise Abstürze? Es wird allerhöchste Zeit, dass Politiker, die die Trennung zwischen privatem Leben und dem vom Bürger auf Zeit verliehenen öffentlichen Amt missachten, aus ihren höheren Sphären auf den Boden der Realität zurückholt werden."

Die B.Z. aus Berlin schreibt:

"Nach Özdemir nun also Gysi. Der Vorzeigemann der SED-Nachfolger hat sich und seine Familie als Bundestagsabgeordneter mit Lufthansa-Bonusmeilen versorgt, obwohl das vom Bundestag ausdrücklich verboten worden ist. ... Eine windige Doppelmoral: Man nimmt mit, was man kriegen kann. Kurz bevor die Enthüllungsstory in den Medien ist, geht man scheinbar in die Offensive - und spendet die eingesackten Gelder für einen guten Zweck. Nun sollte Gysi auch die gleichen Konsequenzen ziehen wie Özdemir - und seinen Hut nehmen."

Im EXPRESS aus Köln lesen wir:

"Falsch informiert sei er gewesen. Ausgerechnet Gysi, die
Galionsfigur der SED-Nachfolgepartei. Er scheint den alten Marx gründlich missverstanden zu haben. Der predigte nämlich nicht:
Abkassierer aller Parlamente vereinigt euch! ... Ihm bleibt nur eines: Abflug von allen Posten - und zwar ohne Bonuskarte.
Andernfalls könnte man ja gleich einen Beichtstuhl mit Spendenbüchse und Absolutions-Persilscheinen für Politiker mit mangelndem Unrechtsbewußtsein in Berlin aufstellen."

Der Führungswechel beim Medien-Riesen Bertelsmann ist Thema der LEIPZIGER VOLKSZEITUNG:

"Welchen Kurs genau Bertelsmann einschlagen wird, ist ungewiss.
Zumal der Führungswechsel zu einer Zeit stattfindet, in der sich die Medienbranche ohnehin im Umbruch befindet und dieser Konzern fast bei allen Weichenstellungen mitmischt. Eines aber scheint festzustehen: Die Firmenphilosophie wird sich wieder mehr an Gütersloh als an New York orientieren. Es wird, um es bildlich auszudrücken, mehr westfälischen Schinken als amerikanisches Fastfood geben. Dies muss kein schlechtes Rezept sein."

Die BERLINER ZEITUNG kommentiert:

"Wer, wie Middelhoff und Ron Sommer bei der Telekom, in seinem Unternehmen den Anspruch auf Alleinherrschaft erhebt, wer von Eigentümern, Aufsichtsräten, Mitarbeitern und Öffentlichkeit nur noch Zustimmung erwartet, der hebt vom Boden der Tatsachen ab, bis er schließlich aus allen Wolken fällt."

Abschließend ein Blick in die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG:

"In Gütersloh stand bisher das Verlagshaus der Zukunft, dort wurden bestechende Blaupausen entworfen für den ersten weltweit agierenden Medienkonzern made in Germany. Der jugendlich wirkende Vorstandschef Thomas Middelhoff war die personifizierte New Economy, die Haare nach hinten gegelt, die Haut straff und schön braun, Körper und Sprache
durchtrainiert, ein Raubtier im Medienmarkt, voller Tatendrang und immer auf dem Sprung. Doch am Ende ist der Jäger zum Gejagten geworden, und der Fangschuss kam kurz und brutal."

  • Datum 29.07.2002
  • Autorin/Autor Ulrike Quast.
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  • Permalink http://p.dw.com/p/2W5F
  • Datum 29.07.2002
  • Autorin/Autor Ulrike Quast.
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