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Politik

Pressestimmen von Dienstag, 27. Dezember 2005

Jahrestag der Tsunami-Katastrophe

Den ersten Jahrestag der Tsunami-Katastrophe in Südasien nehmen die Kommentatoren der deutschen Tagespresse zum Anlass, eine erste Bilanz des Wiederaufbaus auch dank der einmaligen Spendenbereitschaft zu ziehen.

Die WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE aus Essen schreibt:

"Der Katastrophe folgte die Sternstunde: Fast elf Milliarden Euro wurden gespendet. Eine gigantische Summe, die mehr als ausreichen wird. Grotesk ist sie aber nicht: 500 Millionen kostet allein der Wiederaufbau der Häuser Sri Lankas...Nur erleben wir, dass die Hilfe schlechtgeredet wird. Als verschwände der größte Teil in einem Strudel aus Misswirtschaft, Korruption und gut gemeinter, aber übereilter Hilfe. Das ist Unsinn...Das Geld für die erste Hilfe war gut angelegt. Es gab keine Seuchen, es gab schnell keinen Hunger mehr und keinen Wassermangel. Man wird sich aber daran gewöhnen müssen, dass der Wiederaufbau dauert."

Die in Berlin erscheinende TAZ merkt kritisch an:

"Hilfe, die nicht die strukturellen Ursachen von Not und Elend im Blick hat, verkümmert zur begrenzten «guten Tat», die über den permanenten Mangel an Gerechtigkeit hinwegtrösten soll. Statt den Ursachen und Auswirkungen von Katastrophen vorzubeugen und mit politischen Initiativen auf die Warnungen von Klimaforschern und Entwicklungsexperten zu reagieren, gerät solche Hilfe mehr und mehr zum Substitut fehlender Politik. Die Welt aber leidet nicht etwa an zu wenig Hilfe, sondern an Verhältnissen, die immer mehr Hilfe erforderlich machen."

Die HEILBRONNER STIMME meint:

"Zur Bilanz nach einem Jahr des Wiederaufbaus gehört auch, dass viel Gutwilligkeit im bürokratischen Machtgerangel verebbt ist. Eigeninitiative wurde abgewürgt, weil ausländische Helfer «viel bessere Häuser» bauen können. Deshalb ist es richtig, dass mit der Spendenflut verstärkt langfristig kontrollierte Projekte zur Selbsthilfe finanziert werden. Auch Touristen können mit dem guten Gefühl nach Indonesien, Thailand oder Sri Lanka reisen, dass sie den Betroffenen wieder Arbeit und Kunden bringen. Ihr Ausbleiben wurde in der Tsunami-Region als «dritte Zerstörungswelle» betrachtet."

Und das HAMBURGER ABENDBLATT mahnt:

"Die Flutwelle in Asien war wochenlang in unseren Wohnzimmern zu sehen, den Untergang von New Orleans im Hurrikan «Katrina» konnten wir am Fernsehgerät fast live erleben - die Hungerkatastrophe in West-Afrika oder das Erdbeben in Pakistan mit mehr als 80.000 Toten hingegen scheinen weit entfernt. Es mangelt an Spenden - weil die Bilder fehlen, die uns berühren. Wir müssen versuchen, unsere Hilfsbereitschaft wieder unabhängiger zu machen von den Fernseh- kameras und Fotoobjektiven dieser Welt. Wir müssen versuchen, dorthin zu schauen, wo die Welt nicht hinsieht."

Die in Würzburg erscheinende MAIN-POST merkt an:

"Allein in Deutschland gaben Privatleute nach der verheerenden Flutwelle für die Menschen in Südostasien weit über eine halbe Milliarde Euro. Und nicht nur die Wohlhabenden in diesem Land, sondern Mitbürger, die selbst mit jedem Euro rechnen müssen. Wir wähnen uns im Jammertal, versinken im eigenen Leid, klagen über den Zustand der Republik und gehören doch, wenn irgendwo auf der Welt die Katastrophe hereinbricht, zu den Spendenfreudigsten."

Die BADISCHE NEUESTE NACHRICHTEN kommentieren:

"Natürlich mag auch eine Rolle gespielt haben, dass die Flut ausgerechnet über Weihnachten kam. Die Natur hat keine Rücksicht genommen auf die Friedenssehnsucht, die an diesen Tagen in den Wohnstuben herrscht. Und manch ein Zeitgenosse hat so begriffen, welche Gnade im Angesicht von Katastrophen und Kriegen eine friedvolle Weihnacht vor vollen Tellern bedeutet. Das eigene kleine Glück in seiner wahren Größe erkannt zu haben, ist ein überzeugendes Motiv für Großherzigkeit."

In der NORDWEST-ZEITUNG aus Oldenburg lesen wir:

"Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, Zusammenhalt sind heute genauso wichtig wie nach Weihnachten 2004 nicht nur in Südasien. In vielen Teilen der Welt warten Menschen auf Zuwendung und Unterstützung. Es sollte nicht wieder einer Naturkatastrophe bedürfen, damit wir uns an unsere Verantwortung für andere erinnern."

Die THÜRINGER ALLGEMEINE aus Erfurt mahnt:

"Zur Bilanz gehört jedoch auch, dass die weltweite Hilfe vornehmlich dadurch ausgelöst wurde, weil viele ausländische Touristen das Leid der Einheimischen teilten. Die Verzweiflung dagegen, die das Erdbeben vor zwei Monaten in Pakistan und Indien hinterließ, verbirgt sich wieder im Stillen. Kaum eine Kamera fängt das Los der Kinder ein, die bei Eiseskälte kaum ausreichend bekleidet in Zelten vegetieren. Zu ihnen findet die Hilfe wiederum lnur tropfenweise."

Und schließlich ein Blick in die NÜRNBERGER NACHRICHTEN:

"Viele Menschen würden wahrscheinlich noch leben, wenn der Umweltschutz nicht dem Profit geopfert worden wäre. Überall dort beispielsweise, wo nicht blindwütig Mangrovenwälder für Hotelkomplexe abgeholzt oder Korallenriffe zerstört wurden, konnte die Flut weit weniger Schaden anrichten als auf den touristengerecht platt gewalzten Stränden...Bildung, Umweltschutz und Entwicklung können Naturkatastrophen natürlich nicht verhindern, aber die Folgen mildern. Dazu bedarf es Geld, das noch reichlich vorhanden ist. Und viel Geduld bei Spendern und Opfern."
  • Datum 27.12.2005
  • Autorin/Autor Barbara Zwirner
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  • Permalink http://p.dw.com/p/7i7O
  • Datum 27.12.2005
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