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Politik

Pressestimmen von Dienstag, 26. Juni 2006

Gesundheitsreform / Bärenjagd

Die geplante Reform des Gesundheitswesens sorgt nicht nur innerhalb der großen Koalition für Zündstoff sondern beschäftigt auch die Kommentatoren der Tageszeitungen:

Die WESTDEUTSCHE ZEITUNG aus Düsseldorf zeichnet ein düsteres Bild:

"Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Gesundheitsreform ein hässliches Monster wird: Mit noch mehr Staat wird noch mehr umverteilt, statt die Eigenverantwortung der Menschen zu stärken. Die große Chance,sie kostentransparenter zu machen und dort für mehr Marktwirtschaft zu sorgen, wo mächtige Verbände jeden Wettbewerb im Keim ersticken, bleibt wohl ungenutzt. Zudem wächst die Gefahr, durch die Steuerfinanzierung eine Gesundheitsversorgung nach Kassenlage zu bekommen".

Die in Hamburg erscheinende FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND analysiert:

"Es gibt einige Möglichkeiten, das bestehende System zu verbessern, ohne es vollständig umzukrempeln: Eine davon ist die stärkere Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung aus Steuermitteln, auf die sich die große Koalition nun im Grundsatz verständigt hat. Dabei kommt der bessere Vorschlag von der Union. Sie will einen klar definierten Posten, um die beitragsfreie Krankenversicherung von Kindern künftig aus Steuermitteln zu finanzieren. Die Argumentation leuchtet ein: Die Familienförderung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die vom Staat geschultert werden muss, nicht vom begrenzten Kreis der Beitragszahler."

Die BERLINER ZEITUNG schreibt:

"Diesmal stand am Anfang das Kanzlerinnenwort, dass Gesundheit künftig teurer werde, prompt war auch schon ein Fondsmodell zur Hand, um die absehbar üppigeren Finanzströme verwaltungstechnisch zu beherrschen. Und noch bevor irgendein Detail klar wäre, wie man durch echte Strukturreformen beispielsweise die satten Renditen von Pharmaindustrie oder Apothekern ein wenig schmälern könnte, steht nun fest: die Steuern werden weiter kräftig steigen, obgleich Union und SPD gerade erst die größte Steuererhöhung der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte beschlossen haben. Ihr Leitbild, verkündet Merkel via Internet, sei der mündige Patient, der für sich die passende Gesundheitsversorgung aussuchen kann. Aber fürchtet die Kanzlerin gar nicht den mündigen Bürger und Wähler?"

Im OFFENBURGER TAGEBLATT heißt es zur Gesundheitsreform:

"Ob sich Union und SPD, wie es ehrgeizig immer noch heißt, bis zum Sonntag einig sind, ist dabei eine absolut zweitrangige Frage. Wichtig ist, dass die Reform durchdacht und durchgerechnet ist und nicht nur ein Einnahmen-Umschichtungsmodell bringt, mit dem die Mehrkosten notdürftig verschleiert werden können."

Themenwechsel. Die tödliche Bärenjagd in den bayerischen Alpen hat die ganze Republik erschüttert und zu einem kräftigen Rauschen im Blätterwald geführt:

Die ALLGEMEINE ZEITUNG aus Mainz spricht von einer Untat:

"Bär tot. Problem gelöst. - Der Schuss auf das vorwitzige Zotteltier ist eine Untat und eine bedrückende Verschwendung von Leben zugleich. Aber es war vorherzusehen: Wenn ein Tier, an dessen Ausbreitung eigentlich jedermann gelegen sein muss, erst einmal zum Problem stilisiert wurde, ist es halt zur Hysterie nicht mehr weit. Dann entscheiden Bürokraten, im konkreten Fall inspiriert vom bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber, der in der ihm eigenen Redeweise nicht nur den 'Problembär' kreierte, sondern den 'Schadbär' gleich dazu. So etwas konnte das Tier auf Dauer gar nicht überleben."

In der MAIN-POST aus Würzburg lesen wir:

"Bruno ist tot, aber das Problem ist nicht gelöst. Aus der Sicht des Naturschutzes und der Erhaltung der Arten ist es wünschenswert, Bären, Luchse, Wölfe und Biber wieder im Lande zu haben. Dann muss aber auch ein Konzept her? wer trägt etwaige Schäden, wie kann die Bevölkerung geschützt werden, darf die Zahl der Tiere notfalls durch Jagd reguliert werden? Deutschland muss da noch viel lernen: Tierliebe und vernünftigen Umgang mit Tieren und ihren Verhaltensweisen ins Gleichgewicht zu bringen."

Der Kölner EXPRESS meint:

"Jetzt ist er tot: Bruno, der Bär, der uns seit fünf Wochen in Atem hielt. Kurz nachdem auf mysteriöse Weise die Abschussgenehmigung in Kraft trat, ist Bruno nun im Bärenhimmel. Der Schuss, der den zweijährigen Braunbären niederstreckte, scheucht die Republik auf. Und Tierschützer reagieren völlig überzogen mit Morddrohungen gegen Jäger und Bayerns Umweltminister Schnappauf. Natürlich ist es schade, dass der erste Bär, der seit 170 Jahren durch Bayern streifte, nur zwei Jahre alt werden durfte."

Der Kommentator der in Heidelberg erscheinenden RHEIN-NECKAR-ZEITUNG schreibt:

"Das Halbfinale gegen die zahlenmäßig weit überlegenen Finnen hat er noch gewonnen. Doch das Endspiel gegen die bayerischen Gebirgsschützen endete, man muss es so hart sagen, mit einem Desaster für Bruno. Wir hatten ihn, gegen alle Vernunft, lieb gewonnen, unseren Bruno. Bei dem sich wieder einmal bestätigte: Auch Worte können töten: Denn was mit dem Begriff Problembär begann, endete tragisch."

Abschließend noch ein Blick in die PFORZHEIMER ZEITUNG:

"Bedenklich ist, dass dem Freistaat die Beseitigung des vermeintlichen Problems offenbar wichtiger war als der Naturschutz - und das, obwohl der Bär tatsächlich noch keinem einzigen Menschen gefährlich geworden war. Die traurige Botschaft des Todesschusses ist klar. Sie lautet: Wilde Natur hat in Bayern nichts verloren."

  • Datum 26.06.2006
  • Autorin/Autor Bernhard Kuemmerling
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  • Permalink http://p.dw.com/p/8gHn
  • Datum 26.06.2006
  • Autorin/Autor Bernhard Kuemmerling
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