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Politik

Pressestimmen von Dienstag, 16. Mai 2006

Regierung verbietet BND-Aktivitäten/ Bundestrainer Klinsmann stellt WM-Kader vor

Am Montag entschied die Bundesregierung, dem Bundesnachrichtendienst mit sofortiger Wirkung zu untersagen, Journalisten als Spitzel einzusetzen. Die Regierung zog damit erste Konsequenzen aus der Affäre um die Beschattung von Reportern durch den BND. Ehemals hochrangige BND-Mitarbeiter stehen im Verdacht, Journalisten auf deren Kollegen angesetzt zu haben, um undichte Stellen in den eigenen Reihen ausfindig zu machen und unliebsame Berichte zu verhindern. Die Entscheidung der Regierung ist für viele Kommentatoren Anlass, zum Vorgehen des BND Stellung zu nehmen. Ein weiteres Kommentar-Thema in deutschen Tageszeitungen ist die Auswahl der deutschen WM-Spieler durch Bundestrainer Jürgen Klinsmann.

Die NEUE WESTFÄLISCHE aus Bielefeld schreibt zur Regierungsentscheidung beim Bundesnachrichtendienst:

"Es ist ein Unterschied, ob es bei der Nachrichtenbeschaffung darum geht, die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland gegen Angriffe von außen zu garantieren oder ob missliebige eigene Mitarbeiter ausgeschaltet werden sollen, die nur Journalisten mit Informationen versorgt haben. Bei der Beantwortung dieser Frage bewegen sich die Beteiligten in einer Grauzone. Die Dienste werden im Zweifel immer für sich in Anspruch nehmen, es gehe um elementare Sicherheitsinteressen. Geht es aber nicht immer. Da ist es Aufgabe der Bundesregierung und des Parlamentes den BND zu kontrollieren. Geheimdienstarbeit ist wichtig, aber in Deutschland nicht im rechtsfreien Raum zu dulden."

DER NEUE TAG aus dem bayrischen Weiden lenkt den Blick auf jene, die sich als Spitzel benutzen ließen:

"Auch Journalisten haben sich in dieser Affäre offenbar zu schweren Verfehlungen hinreißen lassen. Ob aus Geltungsdrang oder gegen harte Währung sie haben Redaktionsgeheimnisse verletzt und die Arbeit von Kollegen sabotiert. Auch das darf sich nicht wiederholen. Ein Grund mehr, dass alle Fakten zu dem jüngsten Skandal auf den Tisch kommen müssen."

Die Münchener Zeitung TZ betont, die aktuelle Regierungsentscheidung allein reiche nicht aus:

"Wenn jetzt das Kanzleramt den BND anweist, künftig keine Journalisten mehr als Quellen zu benutzen, ist das ein schwacher Trost. Was ist mit Anwälten, Priestern, Abgeordneten? Und hier geht es ja um den Auslandsgeheimdienst BND: Was ist mit dem fürs Inland zuständigen Verfassungsschutz? Der Terror des 11. September hat selbst viele notorische Geheimdienst-Kritiker davon überzeugt: Auch ein Rechtsstaat braucht verdeckte Ermittler. Doch die Grenze zwischen berechtigtem Selbstschutz und zynischem Schnüffelstaat ist schnell überschritten - wenn der Staat diese Grenze nicht achtet, hat der Terror gesiegt."

Und die FRANKFURTER RUNDSCHAU betont den Widerspruch der Staatschützer, Freiheiten einzuschränken, um Bürgerfreiheiten zu wahren:

"Welches Verhältnis zur Pressefreiheit müssen Staatsorgane, geführt von höchster Regierungsstelle, haben, wenn sie diese Freiheit auf der Jagd nach undichten Stellen mit Füßen treten? In dem richtigen Schritt der Bundesregierung, diese Methoden jetzt zu verbieten, steckt schließlich auch ein fatales Eingeständnis: Sie waren bisher zumindest geduldet."

Ein weiteres Thema für die deutschen Zeitungskommentatoren ist die Präsentation der Spieler-Auswahl für die Fußball-Weltmeisterschaft durch Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Für Überraschung sorgte die Aufnahme des Dortmunders David Odonkor in den Kader. Auch die weiteren Entscheidungen sorgten dafür, dass die Auswahl des Bundestrainers von vielen Zeitungen kommentiert wird.

Die RHEIN-NECKAR-ZEITUNG aus Heidelberg schreibt:

"Odo ... wer? Oder was? Jürgen Klinsmann verblüfft abermals mit seiner Personalpolitik. Erst hatte er die gesamte Nationalmannschaftsführung vom Manager bis zum Torwarttrainer ausgetauscht, nun der Paukenschlag bei der Bekanntgabe des WM-Kaders. Ein Debütanten-Ball auf großer Bühne erstaunt das Publikum: Odonkor hat noch kein einziges Länderspiel bestritten. Der Bundestrainer handelt wie ein Generalmusikdirektor, der kurz vor der Premiere das halbe Orchester umbesetzt."

Die LÜBECKER NACHRICHTEN sehen in Klinsmanns Entscheidung eine gewisse Kontinuität:

"Klinsmann topp, Klinsmann flopp. Das sind grob skizziert die Extreme, zwischen denen sich die Pendel der deutschen Gemütslage knapp vier Wochen vor dem ersten WM-Spiel bewegen. Und der Bundestrainer scheint bemüht, beide Lager zu bedienen. Er bleibt sich treu, scheut kein Risiko und zieht immer noch irgendeine Überraschung aus dem Ärmel, man weiß nur nie, ob es ein As ist oder eine Niete. Mit der Nominierung eines Grünschnabels wie David Odonkor hat er Kritiker wie Weggefährten gleichermaßen überrumpelt."

Die VOLKSSTIMME aus Magdeburg kritisiert die Spielerauswahl als unverständlich:

"Jürgen Klinsmann war schon immer für Überraschungen gut. Da taucht plötzlich der Dortmunder Odonkor auf. Klinsmann bezeichnet den 22-Jährigen als Riesentalent mit Schnelligkeit und Übersicht. Aber warum hat er ihn vorher nicht wenigstens einmal getestet? Auch der Wolfsburger Hanke ist dabei, der eine höchst durchwachsene Saison gespielt und zudem eine Sperre von zwei WM-Spielen abzubrummen hat. Dafür fehlen Kuranyi und Ernst. All diese Personalentscheidungen sind nur schwer nachvollziehbar."

Die NORDWEST-ZEITUNG aus Oldenburg hingegen betont, es notwendig Entscheidungen zu fällen. Das habe Klinsmann getan.

"Die Fußball-WM ist überall. Experten sagen der Veranstaltung im Sommer weltweit 33 Milliarden Medienkontakte voraus. 3,2 Millionen Stadionbesucher werden erwartet. Klarheit herrscht seit gestern nun darüber, welche 23 Fußballer Deutschland sportlich zum Imagegewinn verhelfen sollen. Bundestrainer Jürgen Klinsmann schritt zur Tat, drosch den Ball mit Wucht in den Strafraum und zauberte David Odonkor aus dem Hut. Solche Überraschungsmomente braucht der Fußball. Nun wird man über den WM- Kader trefflich streiten können. Tatsache aber ist: Das Team steht."

  • Datum 15.05.2006
  • Autorin/Autor Günther Birkenstock
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  • Permalink http://p.dw.com/p/8Ny7
  • Datum 15.05.2006
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