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Politik

Presseschau von Freitag, 25. Oktober 2002

Moskaus Geisel-Drama / Beckers Urteil

Moslemischer Terror jetzt auch in Moskau - nach New York, Djerba und Bali befinden sich Hunderte unschuldiger Theater-Besucher in den Händen zu allem entschlossener Gotteskrieger. Hier die ersten Analysen in der deutschen Tagespresse, zum Beispiel in der WELT:

'Mag die Verbindung zu Osama Bin Laden und Al Qaida vorerst noch Vermutung sein: Dass radikale und ferngesteuerte Kräfte an den "blutigen Rändern des Islam", wie es Samuel Huntington formulierte, jeden Konflikt auszunutzen und in einen Dschihad zu verwandeln suchen, ist keine paranoide Erfindung des Kreml. Man dürfe die
Bedrohung der Gesellschaften durch den Terrorismus nicht hinnehmen, hat der Kanzler an Wladimir Putin geschrieben. Er hat Recht. Wie selten zuvor in der neueren Geschichte ist der Staat in seiner elementaren Rolle herausgefordert, Leib und Leben der Bürger zu schützen.

Hier ein Blick in den MANNHEIMER MORGEN:

'Der Gewaltakt steht mit dem 11. September in einem Zusammenhang insofern, als sich damals eine internationale Anti-Terror-Koalition bildete, in deren Reihen jeder Partner fortan im eigenen Land bekämpfen durfte, was er für Terrorismus hielt. Davon profitiert hat vor allem Präsident Putin, dessen eisenharte Tschetschenien-Politik inklusive der Missachtung sämtlicher Menschenrechte urplötzlich auf bis dahin schmerzlich vermisstes Verständnis stieß. Das rechtfertigt zwar den Terror von Moskau in keiner Weise, doch sollte Putin nach dessen Ursachen forschen, wird er nicht lange suchen müssen. Im Gegensatz zum 11. September wäre diese Tragödie zu vermeiden gewesen.'

Die JUNGE WELT aus Berlin schreibt:

'Der 23. Oktober 2002 hat die weltpolitische Situation erneut
verändert. Wladimir Putin befindet sich in einer Situation, in der er nur verlieren kann. Die Geiselnehmer im Theater verlangen von der russischen Führung nicht weniger als die Kapitulation. Selbst wenn sie es billiger geben sollten, wäre das mit einem ungeheuren Gesichts verlust für den Kreml verbunden. Mehrere hundert Menschen zu opfern, hätte wiederum ein moralisch vernichtendes Urteil zur Folge. Putin säße endgültig in der tschetschenischen Falle. Entlasten könnte ihn dann nur mehr George W. Bush. Doch das hätte seinen Preis: die russische Zustimmung zum Krieg gegen den Irak.

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG meint:

'Der Tschetschenien-Krieg ist fraglos Putins Krieg. Ihn wollen die "Mudschahedin" treffen, deshalb müssen die arglosen Zuschauer eines Musicals leiden. Der Herausgeforderte hat nun zu allererst besonnenes Krisenmanagment zu betreiben. (...) Nach dem Ende der Geiselnahme aber wird der Präsident in Tschetschenien vermutlich härter zuschlagen als je zuvor. Es wird dauern, bis für Putin auch nur die geringste Kompromissbereitschaft wieder in Frage kommt. Nicht ganz zu Unrecht müsste er sonst fürchten, dass sie als Kapitulation vor dem Terror verstanden werden könnte. Das ist das Perfide an der Moskauer Geiselnahme.'

Die Hamburger FINANCIAL TIMES schreibt:

'Aufmerksamkeit haben die Geiselnehmer weltweit auf sich gelenkt, Sympathien werden sie mit ihrer Gewalttat aber nicht gewinnen. Der tschetschenische Freiheitskampf ist von nacktem Terrorismus seit langem kaum noch zu unterscheiden. Mafia-Clans und Warlords beherrschen große Teile des Landes und führen ihre eigenen Kriege.

(...) Er wolle möglichst wenige Opfer bei der Befreiung der Geiseln, erklärte der Präsident gestern. Das lässt vermuten, dass Spezialeinheiten die Halle in den kommenden Tagen stürmen werden. Dass die bislang größte Geiselnahme in Russland aber ohne ein Blutbad zu Ende gehen könnte, erscheint kaum möglich.'

Zu guter Letzt ein Blick mit dem TAGESSPIEGEL aus Berlin auf den zur Bewährung verurteilten Boris Becker:

'Der blamierte Becker, ob wirtschaftlich, ob privat - an den hatten wir uns gewöhnt, weil er so gut passt zu dem Bild von ihm, das entstanden war, als er sich einst in Wimbledon nach ganz oben spielte: ein fröhlich-frecher, manchmal etwas unbedachter Junge vom Dorf, viel zu charming, um ihm lange böse zu sein. Aber ein Boris Becker im Knast - also bitte! Fast hätte es doch so geendet, viel hat nicht gefehlt. Doch so kam er gerade noch mal mit zwei Jahren auf Bewährung davon, viel zahlen muss er obendrein. Becker aber spricht von seinem 'wichtigsten Sieg', ganz so, als hätte er im Endspiel gegen die deutsche Justiz drei Matchbälle im Hechtsprung abgewehrt und dann ein perfektes As gesetzt.'

  • Datum 24.10.2002
  • Autorin/Autor Gerd Winkelmann
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  • Permalink http://p.dw.com/p/2m1v
  • Datum 24.10.2002
  • Autorin/Autor Gerd Winkelmann
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