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Nahost

Presseschau: "Vollendete Tatsachen im Schlachtfeld schaffen"

Arabische und europäische Pressestimmen beschäftigen sich auch am Sonntag (23.7.2006) mit der israelischer Libanon- Offensive und den Hisbollah-Angriffen. Eine diplomatische Lösung wird unterschiedlich bewertet.

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Arabische Pressestimmen

Die regierungsnahe libanesische Tageszeitung "Al-Mustakbal" zweifelt am Erfolge der diplomatischen Versuche, den Krieg zu stoppen:

"Trotz intensiver Anstrengungen der Oberdiplomaten verschiedener Länder - letztlich die Idee, eine internationale Konferenz in Rom nächsten Mittwoch zu organisieren - scheint ein Ende für diesen Krieg nicht in Sicht, jedenfalls nicht in der nahen Zukunft. Denn die beiden Konfliktparteien - Israel und die Hisbollah - versuchen, vollendete Tatsachen im Schlachtfeld zu schaffen, in der Hoffnung später mehr Einfluss auf dem politischen Prozess zu haben. (…) Die libanesische Regierung sieht im Treffen vom Rom keine Konferenz zur Lösung des Konfliktes. Vielmehr werden die Teilnehmer über die humanitären und wirtschaftlichen Folgen dieses Krieges diskutieren. Politisch werden dort einige Gedanken erörtert, um schließlich eine mögliche Lösung zu erkunden, die evtuell eine Grundlage für eine UN-Resolution sein könnte."

Die regierungsnahe libanesische Tageszeitung "Al-Mustakbal" warnt darüber hinaus vor einer Wiederkehr des syrischen Regimes in den Libanon:

"Beobachtet man das Verhalten des syrischen Regimes vor und während der israelischen Offensive, stellt man fest, dass Syrien, dass ja nicht unschuldig an der jetzigen Krise ist, durch die Wiederkehr der Anarchie im Libanon darauf wartet, politische Früchte zu ernten. Das syrische Regime, das seit zehn Tagen nur zuschauend auf internationale Angebote wartet, hofft demnächst auf eine politische Rolle im Libanon."

Die jordanische Zeitung "Al Dostour" fragt sich, warum der Westen die Araber so sehr hasst:

"Hört oder liest man die Erklärungen und Stellungnahmen der Amerikaner, Briten und des Gesamtwesten zum jetzigen Krieg, bekommt man den Eindruck, dass wir hier mit Menschen zu tun haben, für die die Araber gar keine Bedeutung auf der Weltkarte haben und am wenigsten Respekt verdienen. Diese Position vertreten nicht nur die Regierungsmitglieder dieser Länder, sondern auch ihre Abgeordneten, die letztendlich ihre Völker vertreten. (…) Wie sollen wir weiter an die Menschlichkeit dieser Menschen glauben? (…) Wir fühlen uns gezwungen, ihre Zivilisation für tot zu erklären. Keiner von ihnen darf ab heute von dem Fabelwesen 'internationale Gemeinschaft' sprechen; dieses Wesen zeigt sich nur, wenn seine Erscheinung den amerikanischen und westlichen Interessen dienen soll."

Der libanesische Informationsminister Ghazi Aridi stellt in der saudischen Zeitung "Al Riad" dar, wie eine Lösung der Krise aussehen soll:

"Krieg allein wird nie eine Lösung für die Probleme der Region sein, insbesondere wenn er auf dieser Art und Weise geführt wird. Die politische Lösung ist der einzige Ausweg aus der jetzigen Situation, jedoch darf diese Lösung nicht zersplittert sein. Sie soll umfassend sein und ein Ende für alle Konfliktursachen setzen. Anderenfalls wird der Libanon wieder eine Bühne für kriegerische Auseinandersetzungen außer- und innerhalb der Grenze."

Europäische Pressestimmen

Die Turiner Zeitung "La Stampa" beschäftigt sich mit den Hintergründen der neuen Eskalation der Gewalt in Nahost:

"Die Art und Weise, in der der Krieg gegen den Terrorismus seit 2001 geführt wurde, endet damit, dass der schlimmste aller Albträume wahr wurde: Der Staat Israel, der ein Fragment europäischer Geschichte ist, das in die arabisch-islamische Region verpflanzt wurde, ist tatsächlich in Lebensgefahr, in der Region isoliert und abhängig von einer Großmacht, den Vereinigten Staaten, die es sich wiederum nicht erlauben können, ihren Verbündeten zu verlassen, die aber auf der anderen Seite auch nicht über eine Politik verfügen, seine Existenz vollständig zu garantieren. Die USA laufen Gefahr, Israel wie eine Marionette zu gebrauchen: Indem sie Israel in einen Krieg mit der Hisbollah hineintreiben, der in kleinerem Maßstab die sehr viel größere Konfrontation USA-Iran reproduziert. Der Status quo in der Nahost-Region ist in diesen Jahren seit 2001 zerbrochen (...)."

Zum Hintergrund der Krise in Nahost schreibt die britische Sonntagszeitung "Sunday Telegraph":

"Im Iran lebt eine vielköpfige Schlange, und einer ihrer Köpfe ist die Hisbollah. Die radikal-islamische Miliz ist der libanesische Zweig der Islamischen Revolution. Es ist verständlich, dass Israel die Infrastruktur seines Feindes zerstören will. Doch selbst wenn es gelingt, die Hisbollah zu besiegen, wird das nur ein Triumph von kurzer Dauer, solange die Mullahs in Teheran weiter die Fäden in der Hand haben. (...) Die internationale Staatengemeinschaft, allen voran die EU, hat die Mullahs zu lange mit Samthandschuhen angefasst. Man wollte sie dazu überreden, ihre nuklearen Ambitionen aufzugeben, doch diese Politik ist gescheitert. Es ist an der Zeit, Druck auszuüben. Wenn wir Teheran ignorieren, bedeutet das am Ende mehr Organisationen wie die Hisbollah, mehr Terrorismus, und mehr Krieg."

Zum Nahost-Konflikt und zur geplanten internationalen Konferenz in Rom meint die römische Zeitung "La Repubblica":

"Aber leider werden am Verhandlungstisch in Rom (am Mittwoch) weder die Syrer noch die Iraner sitzen. Diese Abwesenheit, vor allem die ausgebliebene Einladung an diese, ist eine nicht gerade unbedeutende Frage. (...) Nicht dass wir damit bereits sagen wollten, dass das Treffen von Rom zum Scheitern verurteilt wäre. Es wäre eine Katastrophe, wenn dies geschehen würde. Und wir behaupten nicht einmal, dass der Friedensplan, der schon jetzt mitunter als 'Plan Condo' bezeichnet wird, nicht ausgeglichen und beeindruckend sein dürfte. Wir sagen lediglich, dass am Verhandlungstisch die islamistische Seite vollständig fehlen wird, also gerade diejenigen, die die Feindseligkeiten gegen Israel begonnen haben."

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