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Nahost

Presseschau: "Umzingelt von Feinden"

Wie kommentiert die internationale Presse den Nahost-Konflikt? DW-WORLD.DE hat eine Auswahl zusammengestellt.

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Israelische Pressestimmen:

Die englisch-sprachige Zeitung "Jerusalem Post" betont in ihrer Online-Ausgabe, der Krieg mit Libanon sei kein Spiel:

"Strategische Interaktionen sind in zwei Kategorien zu unterteilen. Entweder sie ähneln einem 'Spiel', bei dem beide Seiten nach bestimmten Regeln taktieren, oder sie bestehen aus einem Konflikt, in dem es um Leben oder Tod geht, um töten oder getötet werden(...). Auf den Konflikt mit dem Libanon angewendet bedeutet das: Der größte Teil des Westens, die Vereinten Nationen und einige andere Länder sehen den Konflikt als ein 'Spiel'. Diese Art der Wahrnehmung verlangt von Israel, den von der Hisbollah initierten Angriff als einen einmaligen, lokalen Vorfall zu betrachten und mit 'angemessenen' Maßnahmen zu reagieren, beispielsweise mit einem zeitlich begrenzten Gegenangriff, gefolgt von Verhandlungen über einen Gefangenenaustausch.

Seitdem Israel die Ereignisse jedoch zunehmend als einen Konflikt auf Leben und Tod betrachtet und mit groß-angelegten Gegenmaßnahmen reagiert, um die gesamte Bedrohung einzudämmen, wird dies als 'Überreaktion' und 'unverhältnismäßig' verurteilt. Ein sofortiger Waffenstillstand wird verlangt, ungeachtet der langfristigen Konsequenzen.

Israel aber kann sich eine solche kurzfristige Sichtweise nicht erlauben. Die Hisbollah und Hamas, unterstützt von Syrien und dem Iran, sind Erzfeinde und es ist damit zu rechnen, dass diese immer gefährlicher werden, als dass sie ihre fanatische Gesinnung ablegen. Deshalb muss Israels Gegenschlag ein möglichst zerstörerisches Ausmaß haben, um die zunehmende Bedrohung erheblich zu minimieren; und um die Zuschauer zu animieren, gegen die Fanatiker vorzugehen und ihre Unterstützer abzuschrecken."

Arabische Pressestimmen

Die konservative, in London erscheinende transarabische Tageszeitung "Asharqalawsat" zweifelt an der Geburt eines Neuen Nahen Ostens infolge zunehmenden Eskalation:

"Das ursprünglich militärische Ritual wird von vielen führenden amerikanischen Politikern übernommen und verbal gepflegt: Immer wieder, wenn sich eine militärische Zuspitzung im Nahen Osten abzeichnet, behaupten sie vollmundig: Bald werde es einen 'Neuen Nahen Osten' geben. US-Präsident George W. Bush sprach nach der Beseitigung des Saddam-Regimes und der Reinvasion des Iraks vom Reformprojekt des 'Großen Nahen und Mittlern Ostens', von dem er selbst später Abstand genommen hat. Nun spricht Außenministerin Condoleezza Rice wieder von der 'Geburt eines Neuen Nahen Ostens', in dem die Achse Teheran-Damaskus-Hisbollah gesprengt wird. Es ist allerdings zu bezweifeln, ob dies gelingen wird. Denn jedes arabische Opfer verstärkt die arabische Anfälligkeit für Verschwörungstheorien (..) Um die nahöstliche Realität zu verändern, bedarf es einer Langzeitstrategie zur Förderung menschlicher Entwicklung in dieser strategisch wichtigen Region; sonst wird es auch in Zukunft nichts Neues im Nahen Osten geben."

Die in Qatar erscheinende Zeitung "Albayan" kommentiert den 'Stellvertreterkrieg im Libanon':

"Die Entmachtung der Führungselite der Hisbollah wäre nach Meinung der auf fahrlässige Weise Israel unkritischen und unreflektierten Bush-Regierung ein Erfolg in Ihrem globalen, jedoch indifferenten 'Kampf gegen den Terror'. Aus US-Sicht ist deshalb das, was derzeit in Nahost geschieht, keine gewöhnliche Krise. Es ist nach ihrer simplen Logik der Existenzkampf Israels gegen die Hisbollah und damit ein Stellvertreter-Krieg zwischen den USA und Iran. Schon deshalb darf Israel aus amerikanischer Sicht nicht verlieren - auch wenn die USA ihren internationalen Kredit als globale Gestaltungsmacht dabei auf längere Zeit verspielen."

Die moderate, in London erscheinende "Al Hayat" fragt nach den Motiven der amerikanischen Unterstützung für die umfassende israelische Militäroperation im Libanon.

"Die US-amerikanische Administration ist fest entschlossen, dem israelischen Militär genug Zeit für seine Operationen im Libanon zu geben. Washington hofft doch - und hilft Israel deshalb mit der Eillieferung von Präzisionswaffen -, dass Israel durch seine umfassende Militäroperation im Libanon Hisbollah zumindest stark schwächen, wenn nicht zerstören wird. Ein israelischer 'Sieg' muss also her, damit Frau Rice die amerikanischen Bedingungen für eine friedliche Beilegung der Krise so formulieren kann, dass eine Neuordnung der innerlibanesischen Verhältnisse in ihrem Sinne möglich wird."

Europäische Pressestimmen

Zur Frage einer internationalen Friedenstruppe zwischen Israel und dem Libanon schreibt die Turiner Zeitung "La Stampa":

"Die NATO besitzt die militärischen Möglichkeiten und die politische Glaubwürdigkeit, um im Libanon das zu wiederholen, was sie in Afghanistan derzeit macht, nämlich eine Mission der europäischen Verbündeten mit hohem Risiko zum Schutz der Unabhängigkeit einer jungen Demokratie, die von Milizen bedroht wird. Die Taliban stellen für die Regierung in Kabul die gleiche Gefahr dar wie die Hisbollah-Milizen für Beirut: In beiden Fällen handelt es sich um terroristische Gruppen, die ein islamisches Kalifat errichten wollen und die zu jeder Form von Gewalt bereit sind, um ihre Ziele zu erreichen. Aber eine Stationierung der NATO im Libanon mit der Aufgabe, der UN-Resolution 1559 Beachtung zu verschaffen - Souveränität des Libanons, Ende der syrischen Einmischung sowie Entwaffnung der Hisbollah - kann nur mit einem breiten Übereinkommen zwischen den gemäßigten arabischen Staaten (Jordanien, Ägypten und Saudi-Arabien) und den Europäern gelingen, die aufgerufen sind, die Mehrheit der Truppen zu stellen."

Zum selben Thema schreibt die Pariser "Libération":

"In der Diplomatie ist die Idee einer internationalen

Interventionstruppe Millimeter für Millimeter vorangekommen. (...) Doch auch mit einem Mandat des Weltsicherheitsrates ist es schwer, die Konsequenz eines solchen Engagements vorauszusehen - zumal dieses über viele Jahre anhalten müsste (...). Dieser Umriss einer diplomatischen Lösung kündigt kein rasches Ende der Kämpfe an. Angesichts eines solchen Auswegs aus der Krise versucht jeder, die bestmögliche Position vor Ort zu erreichen, mit militärischen oder politischen Mitteln. Vielleicht wird die Reise von Condoleeza Rice die Dinge ja vorantreiben? Vielleicht auch nicht. Jedenfalls wird in den kommenden Tagen die Liste der Opfer und die der Evakuierten noch länger werden. Dies ist sicher.'

Die russische Tageszeitung "Kommersant" aus Moskau berfürchtet eine erneute Spaltung des Libanons:

"Die Einheit des Libanons und der Mythos Hisbollah halten nur für die Zeit des Krieges. Danach wird eine quälende Suche nach der Antwort auf die Frage einsetzen, wer die Schuld an diesem Krieg trägt. Es werden sich wohl auch diejenigen zu Wort melden, die in der Hisbollah keine Verteidiger des Libanons, sondern Terroristen sehen, die den Konflikt mit Israel erst provoziert haben. Durch diese Erkenntnis drohen der libanesischen Gesellschaft neue Erschütterungen. Dabei hatte sie gerade erst nach langem Bürgerkrieg zur Einheit gefunden."

Die konservative Wiener Zeitung "Die Presse"

bemängelt eine Jerusalem-Hörigkeit der US-Regierung in Washington:

"Eigenständige Argumente jedenfalls hat man aus Washington in den vergangenen Tagen keine gehört, nur Wiederholungen all dessen, was zuvor schon in Jerusalem behauptet wurde. Ach ja, Condoleezza Rice zählte den jetzigen Libanonkrieg auch noch zu den 'Geburtswehen eines neuen Nahen Ostens'. Wenn ihr Bild tatsächlich zutreffen sollte, dann muss sie damit rechnen, das aus der jetzigen Krise ein Monster geboren wird - eines, das auch den USA noch schwer zu schaffen machen wird. Frühere Krisen haben amerikanische Außenminister noch durch unermüdliche Pendelmissionen in US-freundlichen und weniger freundlichen Hauptstädten zu lösen versucht. Jetzt zeigen die USA und Israel zwar wild fuchtelnd auf Syrien und Iran, weil diese beiden Staaten die Förderer der Hisbollah seien. Freilich, reden, verhandeln will man mit Damaskus und Teheran nicht."

Die "Thüringer Allgemeine" kommentiert die Lage im Nahost so:

"Alle wünschen sich Frieden. Aber wünscht sich jemand auch die Hisbollah oder die Hamas als Nachbarn? Wohl kaum. Und das ist das Problem. Die Israelis sind die Einzigen, die es sich nicht aussuchen können. Umzingelt von Feinden wissen sie, dass Vernunft als Feigheit, Humanität als Schwäche ausgelegt wird. Dementsprechend die Härte ihres Einsatzes, selbst wenn es Unschuldige trifft. Doch auch dieser Waffengang wird in eine Waffenruhe und dann in einen waffenstarrenden Nicht-Krieg münden.

Bis zum nächsten Mal. So ist es nur folgerichtig, dass auch Deutschland nach Kräften bemüht ist, zur Beruhigung beizutragen. Auch wenn Außenminister Steinmeier nicht damit rechnen durfte, etwas Fassbares auf dem Rückweg im Gepäck zu haben."

Amerikansiche Pressestimmen:

Die nordamerikanische Zeitung "Los Angeles Times" schreibt:

"Nachdem die israelischen Streitkräfte den Libanon mit aller Kraft ununterbrochen bombardieren, wird immer deutlicher, dass Israels Militärstrategie keine Rettungsaktion oder eine Bestrafung ist. Israel übt sich in weitreichendenden Präventivmaßnahmen, die auf die Hisbollah und ihren Sponsor, den Iran, zielt. Es gibt immer mehr Beweise, dass Israel versucht, seine Position in diesem Konflikt zu verbessern - auch wenn es Wochen, Monate oder Jahre dauert - um gegen die iranische Atomanlagen vorzugehen."

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  • Datum 24.07.2006
  • Autorin/Autor Zusammengestellt von Sarah Faupel und Loay Mudhoon
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  • Permalink http://p.dw.com/p/8qVv
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