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Politik

Presseschau Karadzic: Nero in Ketten

'Serbischer Saddam gefasst' - 'Bosnischer Nero in Ketten' - 'Karadzic gegen Fahrschein nach Europa' getauscht - so die Reaktion in zahlreichen europäischen Zeitungen.

Mehrere internationale Zeitungen aufgefächert

Die rumänische Tageszeitung ROMANIA LIBERA meint:

"Das nationalistische Christentum hat im Laufe der Geschichte viel Schlimmes angerichtet. Wir wollen hoffen, dass Radovan Karadzic das letzte Produkt eines so gefährlichen Hybrids war. So wie er (Karadzic) aussah, als er verhaftet wurde, sah er aus wie Saddam (Hussein). Letztendlich sind alle Diktatoren gleich."

Die serbische Zeitung DANAS begrüßt, dass "der Staat mutig und entschieden aufgetreten ist. Als Staat, der ....agiert ohne Rücksicht darauf, ob es sich um einen Dieb, einen Drogenverkäufer oder einen Massenmörder handelt." Die Behörden müssten jetzt eine Antwort darauf finden, "wer während all dieser Jahre den Präsidenten eines selbst ernannten Staates einiger bosnischer Serben gedeckt hat, welche einflussreichen Personen ihm geholfen haben, seiner Verantwortung zu entgehen und mit den Anklagen konfrontiert zu werden."

Serbien 'erkauft' sich 'Europa-Fahrschein'

Mehr als zehn Jahre war Karadzic untergetaucht, mehrere Festnahme-Versuche scheiterten, Serbien stellte sich lange quer, ein Assoziierungsabkommen mit der EU wurde auf Eis gelegt - nun kam überraschend die Festnahme. Anlass für einige Kommentatoren zur Suche nach dem Grund.

Ihr Fazit: Serbien habe - wie die bulgarische Zeitung STANDART schreibt - "Radovan Karadzic gegen einen Fahrschein nach Europa eingetauscht." Die effektvolle Aktion vergrößere nun die Chancen Serbiens auf seinem Weg in die EU. Viele Medien, so der STANDART, kommentierten bereits, dass alles abgestimmt gewesen sei. Es habe sich sofort herumgesprochen, dass der Wert des serbischen Dinars im Vergleich zum Euro zulegen werde.

Die russische Tageszeitung KOMMERSANT meint, eigentlich hätten nur Serbiens Nationalisten gegen die Festnahme Karadzics protestiert. Die Regierung habe nun ihre eigenen Interessen verfolgt: "Ungeachtet ihrer mehrdeutigen Beziehung zum Internationalen Gerichtshof in Den Haag scheint die Mehrheit der Serben nicht länger eine Geisel abgehalfterter Politiker sein zu wollen. Sie wünschen offenbar einen Strich unter die Vergangenheit, die Slobodan Milosevic symbolisiert - und zu der auch Radovan Karadzic gehört."

Die in Budapest erscheinende NEPSZABDSAG gibt zu bedenken, Karadzic habe "gewiss nicht damit gerechnet, dass er am Ende Opfer einer Regierungskoalition werden würde, in welcher die sozialistische Partei seines einstigen Mentors Milosevic eine Schlüsselrolle einnimmt. Dass jene, die ihn bis gestern schützten, heute die "Wende" in der eigenen Partei vollziehen. Weil auch ihnen Europa wichtiger ist als er." Für die NEPSZABDSAG, ist "der letzte Mohikaner aus der Reihe der verräterischen Intellektuellen, der bosnisch-serbische Nero, in Ketten gelegt." Und das sei gut so.

Traum zerronnen

Für die französische LE MONDE wurde der serbisch-nationalistische Dichter Karadzic in die Realität zurückgeholt: "Radovan Karadzic hat den serbischen Nationalismus in Reinkultur verkörpert. Der Nationalsozialist Milosevic strebte nach absoluter Macht, der Soldat Ratko Mladic träumte von Blut und Eroberungen, und Karadzic lebte in seinem Universum epischer Gedichte, fasziniert von seiner "Kriegerkaste", wie er sie nannte, und umringt von orthodoxen Priestern und Ideologen, die nicht begriffen hatten, dass Europa sich seit dem Ende der Ottomanen-Herrschaft weiterentwickelt hat...Seine Verhaftung ist das beste Beispiel dafür, dass sein Traum eines reinrassigen und mittelalterlichen Groß-Serbiens zerronnen ist."

Für die italienische Zeitung LA STAMPA stand Karadzic letzten Endes genauso isoliert da wie Saddam Hussein und war Serbiens politisches Opfer: Er sei "seinem Schicksal überlassen worden...Der Kopf des größten serbischen Verbrechers im Gegenzug für eine baldige Öffnung der Europäischen Union für das neue Serbien." (hy)

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