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Amerika

Presseschau: "Gott ist ein Kumpel"

Die Welt hielt den Atem an, als am Mittwoch nacheinander 33 Männer mit der Rettungskapsel "Phönix" zurück auf der Erdoberfläche landeten. Wie wurde das "Wunder von San José" in der internationalen Presse kommentiert?

Presseschau Chile (Foto: DW)

Chile auf den Titelblättern

Die Rettung der Bergleute am Mittwoch (13.10.2010) - für die chilenische Presse ist nun zuerst einmal der Moment großer nationaler Gefühle und der Appelle an den Glauben zu Gott. "El Mercurio", Chiles wichtigste Tageszeitung, appelliert in verschiedenen Blog-Einträgen vor allem auch an den Glauben zu Gott und bedankt sich im Editorial bei allen Unterstützern der Rettungsaktion:

"Wir wurden Zeuge einer Heldentat und Heldentaten muss man nicht kommentieren, sie sprechen für sich. "El Mercurio" verbeugt sich, wie alle Chilenen, voller Respekt, Bewunderung und Dankbarkeit vor Ausmaß und Großmut des Einsatzes, der sich hier entfaltet hat, mit einhelliger nationaler Unterstützung, der weltweiten Solidarität und der Zusammenarbeit zwischen Ländern, zwischen chilenischen und ausländischen Unternehmen, genauso wie zwischen zahlreichen Männern und Frauen, deren Namen nicht bekannt sind und es vielleicht niemals werden. (…) Es ist nur legitim, stolz zu sein auf diesen erfolg eines abgelegenen Landes, das in vielen Aspekten noch unterentwickelt ist, fähig jedoch, ein solches Resultat zu erzielen. Es ist das Werk aller sozialen Sektoren dieses Landes, hier wurde ein neues Blatt in der chilenischen Geschichte geschrieben"

Der rechtsliberale Mailänder "Corriere della Sera" lobt Chile als Vorzeigeland in Lateinamerika:

"Chile feiert sich selbst und das mit Fug und Recht. Es war seine Technologie und es waren seine Männer im Einsatz. Das ist ein kleines Land, das nicht aufhört, Schlagzeilen zu machen, und dies fast immer im positiven Sinne. In diesem Jahre vollendet es 200 Jahre Geschichte und hat gerade auf normalem Wege die Folgen eines Erdbebens samt eines Tsunamis bewältigt, das um ein Vielfaches stärker war als der Erdstoß in Haiti: Nur knapp 500 Tote, denn die Häuser waren stabil gebaut, und der Wiederaufbau wird jetzt bereits abgeschlossen. Es wird da doch einiges mehr an Zeit brauchen, bis die Panik und die Freude rund um die Mine in der Wüste in Vergessenheit geraten."

Bolivien verbeugt sich vor der Rettungsaktion in Chile. Die Zeitung "El Diario" sieht nationalen Zusammenhalt als Zeichen der Stärke des Nachbarlandes:

"Die Botschaft, die die chilenische Regierung und das chilenische Volk durch die Rettung der Minenarbeiter von San José gesendet haben, ist die Hochschätzung und den Wert, den sie dem Leben gegenüber bringen. Daran sollten wir, mit unserer langen Geschichte von sozialen Konflikten, uns ein Beispiel nehmen.(…) Allerdings muss gesagt sein, dass die Atacama-Wüste bolivianisches Gebiet ist, das sich Chile durch den Pazifikkrieg unrechtmäßig aneignete. Welche Botschaft wollte uns Pachamama, "die Mutter Erde", mit dem Unglück in San José schicken?"

"Clarín", die größte Tageszeitung des Nachbarlandes Argentinien, nimmt die Rolle des chilenischen Präsidenten während der Rettungsaktion in den Blick:

"Neun Monate nachdem er in den Moneda-Palast einzog, erlebte er eine Art Wiedergeburt in diesem Schlüsselmoment seiner Regierungszeit, aber auch seines Lebens. Denn nichts wird mehr sein wie zuvor. Er war die Stimme der Geretteten, derjenigen, die sonst immer vergessen wurden, er gab den Rhythmus vor, zwischen den Umarmungen, den Küssen, den Tränen, den Freudenschreien und der Liebe, die nur die geben können, die wenig oder nichts haben. In diesem Klima fühlte sich Piñera so wohl wie nie (…). Wie weggeblasen war die übliche Plumpheit des Mannes, der zwar in zahlen und Nummern sieht, was sonst keiner sieht, aber ungeschickt ist, wenn es darum geht, Emotionen zu zeigen (…) Der Unternehmer, der im Januar, als er die Präsidentschaftswahlen gewann, davon träumte die chilenische Rechte und den Staat zu erneuern, ist in die Geschichte eingegangen. Jedoch auf einem Weg, den er selbst nicht für möglich gehalten hatte: Hand in Hand mit den Minenarbeitern und einem Team aus Ingenieuren, Sanitätern und Rettern, deren Arbeitgeber kein privates, sondern ein staatliches Unternehmen ist."

Die linksliberale Madrider Tageszeitung "El País" hofft, dass entsprechende Lehren aus der Bergung gezogen werden:

"Die Chilenen haben diese Herausforderung bestens gemeistert und erneut bewiesen, dass ihre Institutionen solide und ihre Fachleute kompetent sind. Trotz der vielen Aufgaben, die sich während der Rettungsaktion Tag für Tag ergaben, haben sie stets dem Hauptziel

Vorrang gegeben, nie ihren eigenen Interessen. Die Solidarität war der Treibstoff, um eine Herausforderung zu meistern, über die sie auch leicht die Kontrolle hätten verlieren können. Chile ist zum Vorbild geworden, nicht nur für seine Nachbarn, sondern für die ganze Welt (…) Nach dem glücklichen Ausgang kommen die Fragen. Was nun? Die Rückkehr zur monotonen Normalität verlangt auch, die Vorsichtsmaßnahmen zu verbessern. Wenn nur ein Teil des Geldes, das für die Rettung ausgegeben wurde, in mehr Sicherheit investiert worden wäre, hätte es dieses Unglück möglicherweise nie gegeben."

Die "Welt" titelt "Gott hat gewonnen", "Es lebe Chile, verdammte Scheiße" die "taz". Die "Bild" schriebt einfach nur "Gerettet!", der "Berliner Kurier" toppt mit: "Gott ist ein Kumpel". Die "Süddeutsche Zeitung" analysiert zudem am Beispiel Chile, wie Politiker Katastrophen zur Selbstdarstellung nutzen:

"Werden Katastrophen professionell und zugleich menschlich gehandhabt, können sie viel zur nationalen Mythenbildung beitragen. Die Rettungsaktion von San José wird als Wunder von Chile in die Geschichte eingehen. Allerdings bergen erfolgreiche Inszenierungen die Gefahr, dass das Wesentliche zu kurz kommt: die Suche nach den Ursachen - und ihre Behebung. Werden in den kommenden Monaten in Chile erneut Minenarbeiter verschüttet und hat die Regierung bis dahin die Sicherheitsauflagen nicht verschärft, dürfte die Freude der Chilenen in Wut umschlagen."

Die linksliberale britische Zeitung "Independent" erhebt, nach einem großen Lob für die unglaubliche Rettungsaktion, direkt den Zeigefinger:

"Die chilenische Regierung hat eine Menge Geld in die Rettungsaktion gesteckt. Auch die Mittel für das staatliche Büro für die Sicherheit in den Bergwerken wurden aufgestockt. Doch es gibt Zweifel, ob die Gelder auch nach dem Abzug der internationalen Medien weiter fließen. Es wurden auch Zweifel laut, ob die Rettungsaktion so energisch betrieben worden wäre, wenn statt 33 Kumpel nur einige wenige Bergleute eingeschlossen worden wären. Die meisten Bergleute der Mine San José werden wieder herabsteigen, weil es für sie kaum eine andere Verdienstmöglichkeit gibt. Arbeit in den Minen wird immer gefährlich bleiben. Doch wir können zumindest Druck auf Minenbesitzer und Regierungen ausüben, damit die Sicherheit der Minenarbeiter nicht vernachlässigt wird."

Zusammengestellt von Anne Herrberg
Redaktion: Oliver Pieper