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Nahost

Presseschau: "Der Preis ist zu hoch"

Die internationale Presse zum Verlauf der israelischen Offensive und zum Angebot der libanesischen Regierung, Truppen im Süden des Landes zu stationieren.

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Die Madrider Zeitung "ABC" begrüßt das Angebot des Libanon, Soldaten im Süden zu stationieren:

"Das Vorhaben der Regierung des Libanon, 15.000 Soldaten in den Süden des Landes zu verlegen, könnte einen Ausweg aus einer unhaltbar gewordenen Situation bringen. Damit bliebe die Souveränität des Libanon gewahrt, an deren Schwächung niemandem außer den Extremisten der Hisbollah-Miliz gelegen ist. Auf diese Weise könnte auch die Sicherheit Israels gewährleistet werden. Allerdings hätte der Libanon diese Entscheidung schon vor Jahren treffen müssen, als die Vereinten Nationen von Beirut verlangt hatten, dem Treiben der schiitischen Miliz Einhalt zu gebieten. Auch Israel sollte an einem stabilen Libanon gelegen sein. Früher oder später könnte es mit dem Nachbarn eine Verständigung finden."

Die britische Tageszeitung " Daily Telegraph" zweifelt an den Möglichkeiten der libanesischen Armee:

"Das Angebot des libanesischen Kabinetts, 15.000 Soldaten in den Süden des Landes zu verlegen, ist zu begrüßen. Aber das allein wird nicht ausreichen, um zu garantieren, dass die Hisbollah-Miliz aufgelöst und entwaffnet werden kann. Die libanesische Armee, (See- oder Luftwaffe gibt es kaum) ist eine Wehrpflichtigenarmee, die immer noch mit den tiefen religiösen Gräben des Bürgerkriegs leben muss und der Milizenkultur, die daraus hervorging. Bislang war sie unfähig, die von Syrien und vom Iran unterstützte Hisbollah daran zu hindern, einen Staat im Staat aufzubauen. Allein ist sie nicht in der Lage, die Hisbollah in Schach zu halten."

Die Pariser Tageszeitung "Libération" zieht eine durchgehend negative Zwischenbilanz des Konflikts aus israelischer Sicht:

"Noch sind jene Stimmen in Israel in der Minderheit, doch einige schätzen, dass sie in die Falle gegangen sind, die ihnen die 'Gottespartei' Hisbollah und hinter ihr Damaskus und Teheran gestellt haben. (...) Mit seinem offenen Krieg im Libanon hat Israel das Kunststück fertig gebracht, in den Augen der Welt vom Opfer zum Angreifer zu werden, aus der Hisbollah den zwielichtigen Helden der arabischen Welt, einschließlich der Palästinenser, zu machen, Syrien wieder ins Spiel im Libanon zu bringen und sich selbst dazu zu verdammen, den Krieg fortzusetzen, bis der hebräische Staat ein Minimum von Sieg beanspruchen kann. Eine Bilanz, die für sich selbst spricht."

Die Wiener "Presse" hält die Kosten des israelischen Libanon-Krieges für zu hoch:

"Der Krieg, den Israel im Libanon führt, ist deshalb bei allen guten Gründen, die es ins Treffen führt, in dieser Dimension unnötig. Hätte Israel eine wirklich gezielte und begrenzte Militäraktion gegen die Hisbollah durchgeführt, dann wäre es - außer bei notorischen Kritikern - auf Verständnis gestoßen. Doch leider trifft Israel nicht nur fanatische islamistische Kämpfer. Knapp eine Million Libanesen auf der Flucht, gewaltige Sachschäden und hunderte getötete Zivilsten: Dieser Preis ist einfach zu hoch. (...) Düsterer noch wirkt die Bilanz, wenn man bedenkt, dass es Israel bisher nicht gelungen ist, die Hisbollah entscheidend zu schwächen. Der Krieg war miserabel geplant und wird schlecht durchgeführt. Das Ziel, die Hisbollah militärisch zu zerschlagen, wird Israel nicht erreichen."

Der Wiener "Standard" befürchtet, dass sich der Streit zwischen Sunniten und Schiiten zu einem "muslimischen Bürgerkrieg" auswachsen könnte:

"Die arabischen Verurteilungen der Hisbollah deuten darauf hin, dass sich die Kluft zwischen den muslimischen Konfessionen, die in der täglichen Gewalt im Irak bereits deutlich wird, im gesamten Nahen Osten vertieft und intensiviert. Präsident George W. Bushs Wunsch, die erstarrten Gesellschaften der arabischen Welt zu erschüttern, sollte die Modernisierungskräfte gegen die traditionellen Elemente in den arabischen und islamischen Gesellschaften antreten lassen. Stattdessen scheint er die atavistischsten Kräfte der Region entfesselt zu haben. Das Öffnen dieser Büchse der Pandora könnte eine neue und noch hässlichere Ära der allgemeinen Gewalt eingeläutet haben: Vielleicht kann sie nur als 'muslimischer Bürgerkrieg' bezeichnet werden."

Die "Neue Zürcher Zeitung" zieht eine Parallele zwischen den Kampfhandlungen in Nahen Osten und dem Konflikt in der sudanesischen Provinz Darfur:

"Nur in Israel soll es weniger tote Zivilisten als Mitglieder der Armee geben, in Libanon und im Sudan sind die zivilen Opfer hingegen in der überwältigenden Mehrheit. Außerdem sind in Darfur seit Beginn des Konflikts vor dreieinhalb Jahren rund 2 Millionen Menschen, ein Drittel der Bewohner, vertrieben worden. In Libanon ist seit Beginn der größeren Kampfhandlungen vor bald einem Monat bereits eine knappe Million Personen, also fast ein Viertel der Bevölkerung, geflohen. Auch in Israel verlassen immer mehr Menschen den bedrohten Norden. In der Grausamkeit gegen Zivilisten gleichen sich die Kriege der Gegenwart immer mehr."

Die Kopenhagener Tageszeitung "Information" meint zu Israels Position vier Wochen nach Beginn des Krieges gegen die Hisbollah:

"Nach vier Wochen Krieg ist klar, dass Israels Militäroffensive die eigenen Bürger nicht sichern kann und das Ziel der Hisbollah, Israel auszulöschen, eine Utopie bleibt. (...) Sowohl praktisch wie politisch ist Israels Militäroffensive gescheitert. Die Erkenntnis der letzten Jahre aus dem Irak und Afghanistan lautet, dass die Anwendung harter Macht auch von weicher Macht flankiert werden muss. Konstruktive Staatsbildung ist wichtiger als destruktive militärische Zerstörung. Der militärische Kampf hat nur eine Chance, wenn darauf das folgt, was die Amerikaner 'Kampf um die Herzen und den Verstand' nennen. Diesen Kampf verlieren die Israelis gerade. Nichts kann die Hisbollah rechtfertigen. Aber das peinliche Zögern im UN-Sicherheitsrat und die Militäroffensive Israels sind dabei, Hisbollah als diejenige Gruppe aufzuwerten, die einen total überlegenen und an sich unbesiegbaren Feind treffen kann."

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