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Presseschau: Amoklauf

Der Amoklauf von Winnenden wird unter verschiedenen Aspekten in den deutschen Tageszeitungen kommentiert. Auch im Ausland wurde die Tat stark beachtet.

Symbolbild Presseschau

Pressestimmen zum Amoklauf in Baden-Württemberg

Für die "Heilbronner Stimme" bedeutet der Amoklauf von Winnenden eine neue Dimension der Gewalt:

"Das unfassbare Geschehen verschlägt zunächst einmal die Sprache. Selbst starke Wörter wie 'grausam' und 'grauenvoll' wirken blass wie schockbleiche Gesichter. Der Amoklauf im beschaulichen Winnenden bedeutet eine neue Dimension von erschütternder Gewalt. Denn dem - Erfurt vergleichbaren - Blutbad in der Schule folgte eine Flucht mit Geiselnahme und Schießerei an einem zweiten Schauplatz. Das hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Viele Fragen stellen sich. Die Debatten um Polizeikonzepte, Waffengesetze und Medienwirkungen laufen bereits an - wie nach jedem Amoklauf. Zu Recht. Sie müssen geführt werden. Schon um alles Menschenmögliche gegen einen weiteren Fall zu tun. Und doch hinterlassen solche Diskussionen ein ungutes Gefühl."

Das "Westfalen-Blatt" in Bielefeld weist darauf hin, dass in Deutschland immer noch zu viele Waffen frei zugänglich sind:

"Das Leid ist unermesslich. Wir werden Tim K. nicht mehr fragen können, was ihn getrieben hat. Doch es gibt Fragen, die beantwortet werden können. Warum wurde es dem Täter so leicht gemacht, an das Todeswerkzeug zu gelangen? Mehr als ein Dutzend Waffen soll Tims Vater in seinem Haus gehortet haben. Wozu? Noch immer sind in Deutschland etwa zehn Millionen Pistolen, Revolver und Gewehre registriert. Deshalb müssen sich Jäger, Sportschützen und alle anderen Waffenbesitzer fragen lassen, ob sie wirklich alles dafür tun, dass ihr Arsenal unter Verschluss bleibt. Vor allem aber müssen sich die Behörden fragen, ob sie die Waffenbesitzer wirklich ausreichend kontrollieren. Wer leichtfertig mit solchem Todeswerkzeug umgeht, muss entwaffnet und bestraft werden."

Neben relativ leicht zugänglichen Waffen werden oft auch Computerspiele als Grund für den Ausbruch von Gewalt genannt. Der "Kölner Stadt-Anzeiger" sieht dies nicht so:

"Glücklicherweise haben Politiker bis jetzt darauf verzichtet, 'Killerspiele' zu verbieten. Nicht Spiele machen Jugendliche zu Tätern. Es sind Defizite in der Familie und in ihrem Umfeld, die sie in die Welt der Spiele und der monströsen Selbstdarstellungen im Internet flüchten lassen, wo sie den Rächer spielen können. Nicht der 'Sog des Bösen' zieht junge Menschen in eine solche Scheinwelt, sondern ein Mangel an Selbstwertgefühl und gleichzeitig eine abnorme Selbstüberschätzung."

Die "Stuttgarter Zeitung" will die Tat nicht isoliert sehen:

"Der Amoklauf von Winnenden ist eine Exzesstat und hat nur sehr wenig mit der alltäglichen Gewalt in den Schulen zu tun. Aber eine Tat, die fast alle Menschen aufrüttelt, kann sehr wohl Anlass dafür sein, endlich wieder einmal darüber zu sprechen, wohin Gewalt, wohin Gleichgültigkeit gegenüber Gewalt und wohin die Verherrlichung von Gewalt führen kann. Die Betreuung der Schüler würde zu kurz greifen, wenn sie nur Entsetzen über eine Tat und Abscheu gegenüber dem Täter thematisieren würde. Es sollte in diesen Tagen schon auch über unser aller Verhältnis zur Gewalt gleich welcher Art gesprochen werden."

Mit dem Täterprofil setzt sich der "Trierische Volksfreund" auseinander:

"Der Amoklauf von Tim K. hinterlässt nicht nur Zorn und Verzweiflung, sondern auch tiefe Verunsicherung. Spätestens nach Erfurt hatten wir uns ein Täter-Profil für solche Wahnsinnstaten zurechtgelegt: Der schräge Einzelgänger in düsteren Klamotten, der seine Zeit einsam mit Gewaltspielen vor dem Computer zubringt, eine gescheiterte Außenseiter-Existenz, den sein Hass auf die Schule, die er nicht geschafft hat, an die Waffe treibt. Und nun dreht einer durch, der seine Schule abgeschlossen hat, gerade eine Ausbildung absolviert, aus gutem Haus kommt, als unauffällig und umgänglich gilt. Es ist diese Unberechenbarkeit, die einem Angst macht."

Abschließend noch eine Stimme aus dem Ausland. Die Wiener Zeitung "Der Standard" bemängelt, dass in Deutschland bereits nach dem ersten Amoklauf an einer Schule nicht genügend zur Verhinderung weiterer Taten unternommen wurde:

"Es ist ja nicht so, dass nach dem Massaker von Erfurt in Deutschland gar nichts passiert ist. Die Waffengesetze wurden verschärft, der Kauf von Computerspielen wurde erschwert. Denn ein Amoklauf war plötzlich nichts mehr, das bloß irgendwo in den USA geschieht. Vieles aber wurde nicht gemacht. Einen Psychologen wollte der damalige Innenminister Otto Schily (SPD) in jede Schule schicken. Der Vorsatz jedoch blieb nur ein Vorsatz. Ob es im Fall Winnenden etwas genützt hätte, kann ohnehin keiner beantworten. Schmerzhaft klar ist hingegen nun, dass Deutschland sieben Jahre nach Erfurt mit der Präventionsarbeit wieder von vorne anfangen muss."

(La/kle/dpa)