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Deutschland

Presserat verzeichnet Beschwerde-Rekord

Er wacht über die Einhaltung journalistischer Standards: der Deutsche Presserat. In diesem Jahr verzeichnete das Selbstkontrollorgan einen Rekordwert an Leserbeschwerden.

Deutsche Tageszeitungen (Foto: dpa)

Der Presserat kontrolliert ausschließlich Printmedien und ihre Online-Ableger

Es war eine Tragödie, die die Medien in Deutschland tagelang beschäftigte: der Amoklauf von Winnenden. Am 11. März 2009 stürmte ein 17-jähriger Schüler in seine Schule in dem kleinen Ort bei Stuttgart und erschoss 15 Menschen, Lehrerinnen und Mitschüler. Er selbst starb nach stundenlanger Verfolgungsjagd im Schusswechsel mit der Polizei.

Warum steht auf einem Stück Papier in Winnenden bei Stuttgart vor der Albertville Realschule (Archivfoto: AP)

Nicht nur der Amoklauf von Winnenden schockierte Deutschland - sondern auch die Berichterstattung darüber

Eine deutsche Boulevardzeitung veröffentlichte daraufhin auf ihrer Titelseite ein Bild des jugendlichen Täters im Kampfanzug und mit Waffe im Anschlag. Dies war eine unzulässige Darstellung, erklärte der Sprecher des Deutschen Presserates, Manfred Protze, bei der Vorstellung des Jahrbuchs 2009 in Berlin. Denn die Redaktion habe den Täter in der heroisierenden Pose eines aggressiven Angreifers abgebildet. Dies gehe zu Lasten der Opfer, so der Deutsche Presserat in seiner Rüge an die Zeitung. Zudem könnten derartige Darstellungen Nachahmungstäter zu ähnlichen Verbrechen zu animieren. Das Foto war außerdem eine Montage, nur das Gesicht des Täters stimmte.

Die Rüge als schärfste Waffe

79 Beschwerden gingen im Zusammenhang mit dem Amoklauf von Winnenden beim Presserat ein. Sie richteten sich gegen die Verletzung der Privatsphäre von Opfern und Täter, gegen Zeichnungen und 3D-Darstellungen und gegen Fotostrecken im Internet. Nicht alle Beschwerden wurden vom Presserat angenommen. So wurde das von einem Leser beanstandete Titelbild eines Nachrichtenmagazins, das ein Foto des Täters zeigte, nicht gerügt, weil es den Täter nicht heroisierte.

Insgesamt gingen bis Oktober 2009 schon mehr als 1000 Beschwerden ein, fast 50 Prozent mehr als im gesamten Vorjahr. Immer häufiger richten sich die Beschwerden auch gegen Veröffentlichungen im Internet, die gegen den Pressekodex verstoßen. Der Kodex verbietet beispielsweise die unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, die Vermischung von Werbung und journalistischen Beiträgen und die Diskriminierung einzelner Gruppen. Wirksame Strafen allerdings kann der Presserat nicht verhängen. Seine schärfste Waffe ist die öffentliche Rüge, die dann, so sieht es die Selbstverpflichtung der Presse vor, von der gerügten Zeitung abgedruckt werden sollte. Durchsetzen kann der Presserat dies jedoch nicht.

Keine Kontrolle der elektronischen Medien

Ist das Selbstkontrollorgan der Presse also ein zahnloser Tiger? Sprecher Manfred Protze sieht es gelassen. Nicht alle, die eine Rüge kassiert hätten, seien damit einverstanden gewesen. Dies sei schon seit Beginn der Bearbeitung von Beschwerden so. Damit müsse man genau so leben wie die Gerichte, die sich damit abfinden müssten, dass die unterlegene Seite in einem Rechtsstreit häufig den Richter nicht positiv bewerte.

Gegründet wurde der Deutsche Presserat im Jahr 1956. Er wird getragen von den großen Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen und den beiden größten Journalisten-Organisationen. Seine Aufgabe ist es, für die Pressefreiheit in Deutschland einzutreten und Leserbeschwerden nachzugehen. Das Modell der Selbstregulierung macht auch in anderen Ländern Schule. In 22 von 27 EU-Mitgliedsstaaten gibt es inzwischen einen Presserat und in rund 30 von 47 Mitgliedsländern des Europarates. Sie sind zusammengeschlossen in der Allianz der Presseräte, die sich jedes Jahr an einem anderen Ort trifft, um sich auszutauschen und über Problemlösungen zu beraten. In Deutschland ist der Presserat, anders als in manchen anderen Ländern, nur für die Printmedien und ihre Online-Ableger zuständig. Die elektronischen Medien kontrolliert er nicht.

Autorin: Bettina Marx

Redaktion: Dеnnis Stutе