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Deutschland

Presse in Panik: Das Sommerloch ist da

Worüber sollen die Medien berichten, wenn es keine wichtigen politischen Entscheidungen mehr gibt und alle Promis Ferien machen? Dann ist journalistische Höchstleistung gefragt.

Das Ortsschild der Gemeinde Sommerloch in Rheinland-Pfalz (Foto: dpa)

Im Sommerloch findet man sogar Orte, die so heißen

Pünktlich zum Ferienbeginn fällt die Republik in ein Loch. Zugegebenermaßen ist es kein unangenehmes Loch. Es ist nicht dunkel, feucht und kalt - es ist nur leer, genauer gesagt: nachrichtenleer.

In der Ferienzeit sind aber auch alle weg. Politiker, Promis, Stars und Sternchen, Sportler und Adelsfamilien. Alle sind weg, fast alle. Denn die Journalisten haben keine Ferien. Sie müssen dafür sorgen, dass jeden Tag etwas in der Zeitung steht, dass im Radio was zu hören, im Fernsehen etwas zu sehen und im Netz etwas zu klicken ist. Journalisten müssen die Welt mit Informationen füttern - auch wenn sie keine Informationen haben. Wie das geht? Ganz einfach.

Stehsatz ausmisten

Ja, Sie lesen richtig: Stehsatz ausmisten. In den Redaktionen gibt es Bestände von zeitlos schönen Themen, die in normalen Zeiten keinen Platz finden, die aber im Sommerloch mit Kusshand genommen werden.

So kann es passieren, dass ein Radiosender das Goldschürfen an der Mosel zu einem interessanten und unbedingt hörenswerten Schwerpunkt macht, auch wenn noch keine nennenswert großen Brocken aus dem Fluss gezogen wurden.

Enten und andere erfolgreiche Tiergeschichten

Brillenkaiman Sammy (Archivbild von 1994, Foto: dpa)

Sammy wurde geschnappt und fand ein neues Zuhause im Zoo

Tiere sind immer auch ein dankbares Thema. Das jüngste Beispiel ist das Tintenfisch-Orakel Paul, der in einem Oberhausener Aquarium die Ergebnisse der Fußball-WM-Spiele vorausgesagt hatte. Paul ist mit dem Ende der WM allerdings direkt mit ins Sommerloch gefallen. Jetzt, wo Paul nicht mehr tippt, kann auch der kreativste Journalist nichts mehr mit dem Kraken anfangen.

Auch beliebt sind exotische Tiere, die aus ihrer gewohnten Umgebung ausbüchsen und sich dann in deutschen Flüssen und Badeseen tummeln. Egal ob ein Hunde schluckender Riesenwels oder ein Schafe reißender Problembär, exotische Ausreißer beflügeln bevorzugt in den nachrichtenarmen Sommerwochen die Fantasie. 2001 zum Beispiel sorgte ein großes Krokodil am Mittelrhein für Aufregung. Das Tier wurde nie gefunden, füllte aber tagelang die Titelseiten der Boulevardblätter.

Der sagenumwobene Rhein ist generell ein beliebter Fluss für allerlei fremdartiges Getier - Echsen und Raubfische scheinen sich laut sommerlichen Medienberichten dort sehr wohl zu fühlen. Sogar ein Wal schwamm schon einmal an Köln vorbei.

Andere Beispiele: In einem Baggerloch tauchte der Brillenkaiman Sammy im Sommer 1994 auf. In Niedersachsen hüpfte 1998 ein Känguru durch die Sommerlandschaft, was Journalisten zu Sätzen hinriss wie: "Känguru Manni ist am dritten Tag in Freiheit nach einem Frühstück auf einem Rübenfeld bei Aerzen in Niedersachsen wieder abgetaucht." (gefunden bei "zeit-online").

Ungeheuer von Loch Ness (Bild: AP)

Ist Nessie eine Schlange, ein Dinosaurier oder ein Elefant?

Das bekannteste und älteste Sommerloch-Tier ist das Ungeheuer von Loch Ness, genannt Nessie, das in einem schottischen See sein Unwesen treibt. Darf man der Internet-Enzyklopädie Wikipedia Glauben schenken, so ist das Monster schon sehr alt. 1527 soll das Tier zum ersten Mal gesichtet worden sein - ein Mann erblickte am Ufer des Loch Ness ein schreckliches Ungeheuer. Seinen ersten Zeitungsartikel bekam das Ungeheuer im Mai 1933 und ist bis heute ein Dauerbrenner. Es ist zwar nach wie vor nicht geklärt, um welche Lebensform es sich im tiefen Wasser handelt - doch jedes Jahr im Sommer taucht Nessie in den Schlagzeilen auf, weil wieder irgendjemand eine Kamera auf den See gehalten und tatsächlich einen Schatten auf dem Bild entdeckt hat.

Wissenschaftliche Studien und lustige Vorschläge

Immer wieder gern genommen sind auch Forschungsergebnisse aller Art. Im Sommer 2005 hat die BBC folgende Studie zitiert: "Erkenntnissen des Marktforschungsinstitutes The Leading Question zufolge hören Musikinteressierte mehr Musik als Menschen, die sich nicht so sehr für Musik begeistern. Dabei laden sie mitunter Musik aus illegalen Tauschbörsen." Wie gut, dass wir das jetzt auch wissen.

Sangriatrinken am Ballermann auf Mallorca (Foto: DW)

Deutsche Urlauber am "Ballermann" auf Mallorca

1993 erregte das Massenblatt "Bild" die Gemüter mit der Nachricht, dass nach dem Willen eines bayerischen Politikers Mallorca das 17. Bundesland Deutschlands werden sollte. Mallorca ist zwar die beliebteste Ferieninsel der Deutschen und in den Sommermonaten wird auf der Insel viel deutsch gesprochen, doch diese aus Jux und Dollerei hervorgebrachte Äußerung eines CSU-Hinterbänklers sorgte dennoch für eine Menge Aufregung.

Themen, die uns schon immer bewegten

Und hier kommen wir zu den wahren Nutznießern des Sommerlochs: Den Politikern aus den hinteren Reihen. Die können jetzt mal so richtig loslegen und Themen diskutieren wie "Rettet die deutsche Dialektvielfalt". Die ehemalige CSU-Politikerin Gabriele Pauli wurde mit ihrem Vorschlag, die Ehe auf Zeit einzuführen, auf einen Schlag berühmt in Deutschland.

Außerdem helfen Journalisten auch gerne, wenn sich Politiker gegenseitig in die Pfanne hauen. So waren sie hautnah dabei, als die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt im Sommer 2009 erklären musste, wo denn ihr Dienstwagen abgeblieben sei und sich herausstellte, dass das Auto in Spanien geklaut wurde. Ebenso genüsslich berichteten sie über das Abendessen im Kanzleramt, wo Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann auf Staatskosten mit einigen anderen fürstlich gespeist hatte.

Popsängerin Lady Gaga (Foto: dpa)

Männlein oder Weiblein? Beides, sagt Lady Gaga über sich

Wenn Promis etwas zu verbergen haben, seien Sie sicher: Die vom Sommerloch geplagten Journalisten werden es finden. Vor allem die Fotojournalisten. So stellte sich nach Aufsehen erregenden Paparazzi-Fotos im vergangenen Jahr 2009 die Frage, ob Popsängerin Lady Gaga einen Penis hat oder nicht - oder ob die US-amerikanische First Lady, Michelle Obama, beim Wanderausflug kurze Hosen tragen darf.

Es ist erst der Anfang

In Deutschland hat sich das Sommerloch 2010 gerade erst aufgetan. Einen großen Artikel hat am Freitag (16.07.2010) schon die "Bild"-Zeitung geliefert: Unter der Schlagzeile: "Ich habe hier noch keine hübsche Frau gesehen" schreibt das Blatt über den neuen Stürmer beim Bundesligisten 1. FC Köln, Alexandru Ionita. Ein Schocker, ein Hammerspruch, mit dem er Kölns geballte Weiblichkeit nun geschlossen gegen sich hat. Wenn's weiter nichts zu berichten gibt - wie zum Beispiel über das Phänomen Sommerloch...

Autorin: Silke Wünsch
Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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