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Politik & Gesellschaft

Prenzlauer Berg - Labor der Deutschen Einheit

Über wohl keinen anderen Stadtteil in Deutschland wurde nach 1990 so viel geschrieben wie über den Prenzlauer Berg in Berlin. Hier wuchs zusammen, was zusammengehört - oder auch nicht. Nun kommen neue Herausforderungen.

Die Hausbesetzer der Schönhauser Allee 20 forderten 1990 'Selbstverwaltung' (Foto: dpa)

Häuserkampf Anfang der 90er-Jahre in der Schönhauser Allee

Katrin Rohnstock (Foto: Rohnstock Biografien)

Katrin Rohnstock - Gründerin und Inhaberin von Rohnstock-Biografien

Ihre Agentur liegt in einer eleganten Villa am Anfang der Schönhauser Allee - sozusagen an der Auffahrt zum Prenzlauer Berg aus Richtung Stadtmitte. Katrin Rohnstock, Jahrgang 1960, ist eine natürlich gebliebene Powerfrau. Sie zählt zu den Gewinnern der Wende. Mit ihrer Idee, aufzuschreiben, was normale Menschen über ihr Leben erzählen und das als Buch herauszugeben, hat sie beruflichen Erfolg und viele Einblicke in deutsch-deutsche Befindlichkeiten.

Wenn sie aus dem Fenster ihres großzügigen Salons schaut, dann sieht sie viele der inzwischen zu einem Lifestyle-Markenzeichen avancierten Latte-Macchiato-Mütter auf den wunderschön sanierten Straßen rund um den Kollwitzplatz.

Drei Frauen mit Kinderwagen im Prenzlauer Berg (Foto: dpa)

Über fehlenden Nachwuchs kann sich hier keiner beschweren

Doch ganz so entspannt, wie es scheint, ist das Leben hier gar nicht, sagt: "Von außen her oder auf Fotos betrachtet sieht alles sehr schön und nach heiler Welt aus. Aber es gibt hier sehr viel Einsamkeit. Es wohnen sehr viele Leute hier, die zuhause arbeiten und Singles sind." Das sei eine bedrohte Gruppe mit vielen psychischen Problemen, wie sie selbst in ihrem Wohnsalon, den sie veranstaltet, erfahren konnte. Je ein Drittel Singles, Alleinerziehende und Familien - so sei die Sozialstruktur hier.

Jede Zeit hat ihre Atmosphäre

Damals, im Jahr 1985, als sie in den Prenzlauer Berg zog, gab es auch Einsamkeit, aber nur bei alten Leuten. Auf den Fotos von damals sehe aus heutiger Perspektive alles aus wie Bruchbude. "Wir sind aber heute auch ästhetisch anspruchsvoller geworden", meint sie.

Der Prenzlauer Berg 1989 - in der Mitte Katrin Rohnstock (Foto: Katrin Rohnstock, privat)

Der Prenzlauer Berg 1989 - in der Mitte Katrin Rohnstock

Wichtiger sei die Atmosphäre gewesen, die Kreativität durch die vielen Künstler, die hier wohnten, und auch das Subversive. "Man traf sich in den Wohnungen und es gab zwei, drei Cafés. Alles war wie ein Dorf, man kannte sich und fand schnell Kontakt zu Gleichgesinnten."

Das Wohnhaus, in dem sie seit damals wohnt, liegt am anderen Ende der Schönhauser Allee, im raueren Teil des Prenzlauer Bergs. Hier im Nordosten hat auch Michael Schaarschmidt seinen Blumenladen mit Café. Durch die großen Fenster zur Straße beobachtet der gebürtige Prenzelberger seit 1993 aufmerksam den Wandel seines Kiezes.

Blumenhändller Michael Schaarschmidt an der Schönhauser Allee (Foto: DW)

Eine Institution an der Schönhauser Allee ist der Blumenladen von Michael Schaarschmidt

"Es ist nicht mehr ganz so gemütlich wie vor vielen Jahren, die Leute sind schon teilweise ziemlich unflätig geworden. Wie die Radfahrer hier manchmal langheizen, das ist einfach unverantwortlich." Dabei seien das doch studierte Leute oder Leute, die gerade studieren. Von denen würde er sich etwas mehr Geist wünschen.

Neue Probleme: Kampfradler und Billigtouristen

Die Radwege im Prenzlauer Berg sind zu schmal geworden für die vielen Radfahrer, die sich inzwischen die Schönhauser Allee hoch und runter drängeln. Es gebe häufig Unfälle mit Fußgängern - besonders mit den wenigen übrig gebliebenen alten Bewohner, erzählt Michael Schaarschmidt. Und ganz generell habe der neue Prenzlauer Berg ein Problem mit den Alten: "Wenn heutzutage eine Oma mit Nylonschürze und ihrem Pudel die Straße lang läuft, wird sie ja schon als Fremdkörper wahrgenommen." Auch Katrin Rohnstock würde sich mehr Alte wünschen, schließlich seien sie die Geschichtenerzähler von damals. Zudem wäre es für die vielen Kinder gut zu sehen, dass es auch alte, gebrechliche Leute und den Tod gibt.

Party-Touristen vor dem Brandenburger Tor (Foto: dpa)

Viele Berliner ärgern sich über den Wochenendvandalismus der Partytouristen

Eines der neuen Probleme im Prenzlauer Berg macht Michael Schaarschmidt viel Kopfzerbrechen. Es ist der Preisdruck, der mit dem Tourismusboom zu tun hat. "Berlin rühmt sich ja des tollen Tourismus. Aber wenn man mal genauer hinschaut, dann sind das alles billig angeflogene Leute, die dann irgendwie für billig Geld unterkommen und für billig Geld Saufen und Fressen." Die Nachhaltigkeit sei dabei absolut in Frage zu stellen. Dass Qualität ihren Preis hat, diese Regel gehe dabei verloren. So müsse er sich immer häufiger die Frage gefallen lassen, warum er so teuer sei - und das in einem Bezirk, in dem die Autos größer und die Wohnungen viel teurer geworden sind.

Grenzen der neuen Bürgerlichkeit

Auch über manche junge Zugezogene ärgert er sich: Er habe manchmal den Eindruck, dass die Leute aus behüteten Verhältnissen nach Berlin kommen, um mal richtig die Sau rauszulassen - um Dinge zu tun, die sie in ihrem Heimatort nicht hätten machen dürfen. Irgendwie sei das für ihn aber auch typisch bürgerlich - ein Prädikat, was viele dem neuen Prenzlauer Berg derzeit geben wollen. "Bürgerlichkeit hat ja immer auch was mit Schein zu tun. Nach außen hin wahrt man immer, was man unter der Decke raus lässt."

Auch Katrin Rohnstock versucht zu verstehen, wie manche Neu-Prenzelberger so ticken. Sie nennt sie die Erben und die gehobenen Hausfrauen. Mit ihrem Wohlstand seien auch eine gewisse Spießigkeit und Oberflächlichkeit gekommen. "Ich glaube, dass hier viele Leute sind, die es nötig haben, sich so aufzuspielen. Weil - wenn ich ein erfülltes Leben habe, dann muss ich mich nicht darüber aufregen, dass es diese oder jene Milch nicht gibt oder dass dies oder das gerade nicht da ist. Dann esse ich irgendein Brötchen, wenn ich Hunger habe und freue mich daran, dass die Sonne scheint."

Alte Traditionen

Doch für sie selbst als Mutter und für viele andere habe der Prenzlauer Berg große Vorteile: "Viele Frauen aus ganz Westeuropa kommen in den Prenzlauer Berg, weil sie hier von dem Ostfrauenbild profitieren. Weil es hier selbstverständlich ist, Beruf und Kinder zu vereinbaren. Die Infrastruktur ist einfach so."

Orangefarbene Gerbera (Foto: dpa)

Gerberas waren lange Zeit politisch inkorrekte Blumen

Auch Blumenhändler Michael Schaarschmidt sieht Reste der alten Ostkultur wiederbelebt, sagt er schmunzelnd. Die alten DDR-Blumen Nelken und Gerbera, die nach der Wende keiner mehr wollte, seien inzwischen rehabilitiert und würden wieder gekauft. Doch unter den Käufern seien nur wenige Ur-Einwohner, die mussten nämlich wegziehen, weil die Mieten so gestiegen seien, erzählt er.

Der Prenzlauer Berg ist sehr dicht besiedelt, auch deshalb treffen hier so viele Probleme aufeinander. Trotz der Probleme lebt er gerne hier, resümiert Michael Schaarschmidt. "Die Ecke hier ist von einer großen Vielfalt geprägt. Hier siehst du so viel verschiedenes Volk und keiner haut sich wirklich auf' s Maul. Das kannst du in Berlin wirklich suchen."

Neue Dimensionen

Auch Katrin Rohnstock liebt ihren Prenzlauer Berg weiterhin. "Wenn ich hier jeden Tag die Kollwitzstraße lang fahre, dann denke ich, es ist ja Wahnsinn, so schön ist es." Bei ihren eigenen Kindern könne sie sehen, dass die Ost-West-Diskussion von einer anderen Diskussion abgelöst werde. Auf der Schule seien Kinder mit Eltern aus Kasachstan, Aserbaidschan, Kosovo, Italien oder Griechenland - da würden schließlich noch ganz andere kulturelle Unterschiede aufeinander prallen. Vielleicht liegt ja hier die nächste große Herausforderung für den Prenzlauer Berg. Wenn nicht, wie manche befürchten, die Jungen wegziehen und aus dem Szene-Bezirk ein großes Altenheim wird.

Autor: Kay-Alexander Scholz
Redaktion: Hartmut Lüning

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