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Deutschland

Prantl: "Hoeneß-Prozess explodiert"

Der Präsident des FC Bayern, Uli Hoeneß, muss sich wegen Steuerhinterziehung vor Gericht verantworten. An einer Haftstrafe führe kein Weg vorbei, meint der Jurist und Journalist Heribert Prantl.

Deutsche Welle: Uli Hoeneß soll mehr als 27 Millionen Euro an Steuern hinterzogen haben. Wie wird sich das voraussichtlich auf das Strafmaß auswirken?

Heribert Prantl: Er muss mit Haft rechnen. Die Hoffnung der Verteidigung ist sicherlich, dass man mit radikalen Geständnissen, der Aufdeckung aller Konten und aller Steuerhinterziehungen irgendwie noch das rettende Ufer der Bewährung erreicht. Allerdings können höhere Strafen als zwei Jahre nicht zur Bewährung ausgesetzt werden. Bei dieser ungeheuerlichen Summe an hinterzogenen Steuern sind wir beim Strafmaß der schweren Steuerhinterziehung. Darauf steht eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren.

Ist er damit als Präsident des FC Bayern untragbar geworden?

Natürlich ist es nicht hinzunehmen, dass an der Spitze eines so bedeutenden Unternehmens jemand steht, der sich einer Steuerhinterziehung dieses Ausmaßes schuldig gemacht hat. Der Aufsichtsrat hat Hoeneß bisher in seinen Ämtern belassen, weil er im ganzen vergangenen Jahr beteuert hatte, dass seine Selbstanzeige vom Januar 2013 mit bestem Wissen und Gewissen gemacht worden sei. Es gibt die Regelung, dass sich Steuerstraftäter durch eine umfassende Selbstanzeige der Strafbarkeit entziehen können. Uli Hoeneß hat bisher immer so getan, als ob er fest davon ausgeht, dass er mit seiner Selbstanzeige seine Strafbefreiung verdient hat. Schon aufgrund seiner eigenen Aussage am ersten Prozesstag hat sich aber gezeigt, dass die Selbstanzeige nur einen Bruchteil der hinterzogenen Steuern ausmacht. Damit ist die Strafbefreiung geplatzt.

Wie kann denn jemand, der in der Öffentlichkeit oftmals eine so große Vorbildfunktion einnimmt, auf einmal dieser Rolle auf so radikale Weise widersprechen ?

Uli Hoeneß hat zwei Gesichter: Auf der einen Seite das Gesicht des liebenswürdigen, auch sozial engagierten Uli Hoeneß, wie ihn ganz viele Menschen mögen - auf der anderen aber das zweite Gesicht des Zockers, des gierigen Ulrich Hoeneß. Letzteres zeigt sich in diesen Steuerstraftaten. Das ist fast wie die Geschichte von Doktor Jekyll und Mister Hyde.

Uli Hoeneß hat sich ja vor Prozessbeginn sehr überrascht darüber gezeigt, wie die Staatsanwaltschaft mit ihm verfährt. Meinen Sie, er begreift jetzt, wie ernst seine Lage ist?

Ich habe es noch nie erlebt, dass sich ein Vorwurf innerhalb von nur zwei Tagen so entwickelt. Vor Prozessbeginn am Montag (10.03.2014) ging man davon aus, er habe Steuern im Wert von 3,5 Millionen Euro hinterzogen. Jetzt sind wir bei gut 27 Millionen: Damit explodiert der Prozess regelrecht.

Ich denke, jetzt wird Uli Hoeneß der Ernst seiner Situation richtig deutlich: Spätestens seit dem Zeitpunkt, als ihn sein eigener Verteidiger gerüffelt hat - mit dem fast schon denkwürdigen Satz "Erzählen Sie uns doch keine Geschichte vom Pferd". Ich habe selten eine Situation erlebt, wo der eigene Verteidiger sich seinen Mandanten in einer öffentlichen Verhandlung derart zur Brust nimmt. Es war ein letzter Akt, einem bockigen Mandanten deutlich zu machen, dass jetzt die Zeit des Ausweichens und der Ausflüchte vorbei ist.

Ist damit auch die Annahme hinfällig, dass der Prozess schon am Donnerstag vorbei sein wird?

Alle Talkshows gehen noch davon aus, dass am Donnerstag das Urteil gesprochen wird und haben ihre Abendsendungen entsprechend geplant. Ich gehe nicht mehr davon aus. Das Gericht ist völlig überrascht von den neuen Dimensionen. Man kann nicht Hunderttausende von Kontobewegungen jetzt innerhalb von wenigen Tagen nachvollziehen. Und die Gesamtsumme soll die Grundlage für die Bemessung von Schuld und Strafe sein. Letztendlich muss sich da ein Sachverständigenbüro daran setzen, das sich wochen-, wenn nicht monatelang mit den Details beschäftigt. Meines Erachtens müsste der Richter das Verfahren aussetzen.

Da können einem die Talkshowredakteure fast leid tun.

Genau. Und der Richter tut mir leid. Der Staatsanwalt tut mir auch leid und irgendwo tut einem auch Uli Hoeneß leid, der durchaus seine Verdienste hat und die Mannschaft des FC Bayern München zu einer der weltbesten Mannschaften gemacht hat, sich aber zugleich selber so sehr in die Bredouille gebracht hat, dass es einem graust.

Woran wird man sich denn bei Uli Hoeneß erinnern: an den Prozess oder an seine Verdienste beim FC Bayern ?

Beide Gesichter des Uli Hoeneß werden übrig bleiben: Der Mann, der aus Bayern München eine Weltmannschaft gemacht hat und der sich zugleich selbst ins extreme Abseits befördert hat.

Der promovierte Jurist Heribert Prantl leitet das Ressort für Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung in München und ist seit 2011 Mitglied der Chefredaktion. Er war selbst jahrelang als Staatsanwalt und Richter tätig.

Das Interview führte Daniel Heinrich.

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