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Ostmitteleuropa

Prager Ausstellung präsentiert Geschichte des Heydrich-Attentats 1942

- Wie tschechoslowakische Fallschirmjäger vor sechzig Jahren den Terror des stellvertretenden Reichsprotektors rächten

Köln, 27.5.2002, RADIO PRAG

RADIO PRAG, deutsch, 27.5.2002

Im Prager Militärmuseum beginnt am heutigen Montag (27.5.) die bisher umfangreichste Ausstellung über die Hintergründe des tödlichen Attentats auf den "Stellvertretenden Reichsprotektor" Reinhard Heydrich. Vor 60 Jahren, am 27. Mai 1942, hatten Widerstandskämpfer in Prag eine Granate in den Mercedes des ranghohen Vertreters der Nationalsozialisten geworfen. Die bis Ende 2003 laufende Ausstellung zeigt neben dem Wagen von Heydrich zahlreiche Dokumente der SS sowie blutgetränkte Kleider der Attentäter, die am 18. Juni 1942, von der Gestapo gestellt, in einer Prager Kirchenkrypta Selbstmord verübt hatten. Die etwa 1,5 Millionen Kronen (50 000 Euro) teure Dokumentation zeigt auch die Geschichte des Widerstands im "Protektorat Böhmen und Mähren" und der Massaker in den Dörfern Lidice und Lezaky, die die Nazis als Vergeltung des Attentats 1942 zerstörten. Um die Bedeutung der Ausstellung hervorzuheben, haben sich Ministerpräsident Milos Zeman und Verteidigungsminister Jaroslav Tvrdik zur Eröffnung angesagt. (ykk)

PRAGER ZEITUNG, deutsch, 22.5.2002, Uwe Müller

Der 27. Mai 1942 war ein sonniger Tag. Der stellvertretende Reichsprotektor Reinhard Heydrich verabschiedete sich von Frau und Kindern im erst frisch bezogenen Schloss "Panenske Brezany" bei Prag. Sein Chauffeur Klein wartete schon im Wagen. Heydrich liebte die morgendliche Fahrt im offenen Mercedes-Kabriolett.

Der zweite Mann in der SS-Hierarchie hinter Heinrich Himmler fühlte sich im Protektorat sicher. Dafür hatte er seit Amtsantritt am 27. September 1941 mit der ihm eigenen kaltblütigen Brutalität gesorgt. Heydrich verkündete den zivilen Ausnahmezustand. Verhaftungen und Hinrichtungen gehörten zur Tagesordnung. Warnungen aus der Prager Gestapo-Zentrale, dass ein Attentat nicht auszuschließen sei, nahm Heydrich nicht ernst. "Den Tschechen" traute er das einfach nicht zu.

Das Attentat

Gegen 10.30 Uhr bog der Wagen auf der Fahrt zur Prager Burg, dem Amtssitz Heydrichs, in die Straße "V Holesovickach" im Prager Stadtteil "Liben." Chauffeur Klein musste vom Gaspedal runter. Da stand plötzlich ein Mann auf der Straße und zielte mit einer Maschinenpistole auf den stellvertretenden Reichsprotektor. Doch es löste sich kein Schuss. Klein hielt an, anstatt - wie es die Vorschriften in einem solchen Fall vorsahen - auf’s Gas zu treten und mit seinem Chef schleunigst wegzufahren.

Aus dem Schatten eines Hauses löste sich in diesem Moment ein zweiter Mann und warf eine 40 Zentimeter lange Bombe auf das Auto. Die Explosion erschütterte den Wagen, Heydrich wurde in der Nierengegend von Splittern getroffen. Die Attentäter flüchteten. Klein sprang aus dem Wagen und verfolgte einen der Attentäter. Dieser zog seine Pistole und traf Klein ins Bein. Die Attentäter entkamen. Heydrich wurde wenig später in das nahe Krankenhaus "Bulovka" gebracht. Die Ärzte operierten den Getroffenen, Himmler schickte seinen Leibarzt nach Prag.

Heydrichs Lage stabilisierte sich, er begann vom Krankenhausbett sogar wieder seine Amtsgeschäfte aufzunehmen. Am 4. Juni kollabierte plötzlich Heydrichs Organismus, am gleichen Tag starb der 38-Jährige.

Die deutschen Besatzer entfesselten einen Terror ungeahnter Ausmaße. Die Dörfer Lidice und Lezaky wurden dem Erdboden gleichgemacht, die männliche Bevölkerung erschossen, Frauen und Kinder in Konzentrationslager verschleppt, wo sie in der Mehrzahl umkamen. Die Gestapo suchte nach den Attentätern und bestrafte jeden, der ihnen geholfen hatte mit dem Tod. Bis Ende 1942 wurden 1.800 Todesurteile vollstreckt.

Entscheidung in London

Jiri Solc ist Historiker und hat sich mit der Vorgeschichte des Attentats intensiv beschäftigt. Als nach der Wende von 1989 die Archive des Innenministeriums und der vom Staatssicherheitsdienst gehüteten Unterlagen über das Attentat für die Forschung endlich freigegeben wurden, gehörte er zu den ersten, die Mosaikstein zu Mosaikstein fügten.

Die Entscheidung für das Attentat fiel in London Anfang Oktober 1941, berichtet der Historiker. In der britischen Hauptstadt hielten sich der tschechoslowakische Präsident Edvard Benes sowie die wichtigsten Exil-Vertreter der Tschechoslowakei auf. Einer der engsten Vertrauten des Präsidenten war Oberst Frantisek Moravec, der Chef der militärischen Abwehr. Am 3. Oktober 1941 erläuterte er den Soldaten Gabcik und Svoboda das Ziel ihres Auftrags. Der Jahrestag der Staatsgründung am 28. Oktober 1918 sollte durch eine besondere Tat hervorgehoben werden.

In die Geschichte solle diese Tat ebenso eingehen, wie das "sinnlose Morden der Besten unter den Besten durch die Deutschen", erklärte Moravec. Zwei Männer stünden stellvertretend für das Morden im Protektorat: Der Sudetendeutsche Karl Hermann Frank und Reinhard Heydrich. Einer müsse das mit dem Leben bezahlen. Gabcik und Svoboda sollten um den 10. Oktober 1941 nachts über dem Protektorat abspringen und das Attentat in einer der folgenden Wochen ausfuhren.

Die beiden Soldaten absolvierten in Schottland einige Übungsabsprünge bei Nacht. Dabei verletzte sich Svoboda, an seine Stelle rückte Gabciks persönlicher Freund Kubis. Nun kam es zu einem plötzlichen Umschwung. Am 7. Oktober 1941 erklärte Moravec, die Aktion sei "storniert." Benes wolle nicht ohne Absprache mit dem Heimatwiderstand handeln. "Wenn das platzen sollte, und herauskäme, dass es London gemacht hat, könnten die Deutschen noch mehr Leute erschießen und über Rundfunk erklären, dass dies die Antwort an London sei", liest Solc aus den persönlichen Aufzeichnungen eines der engsten Mitarbeiter des tschechoslowakischen Abwehrchefs.

Benes stoppt Aktion

Anstoß für das Umdenken bei Benes war die Tatsache, dass am 3. Oktober 1941 die letzte noch sendende Funkstation des Widerstands von der Gestapo ausgehoben worden war. London hatte nun keine Verbindungen mehr in die Heimat.

Anfang Dezember 1941 unterschrieben Kubis und Gabcik trotzdem den schriftlich formulierten Auftrag, der allerdings im Unterschied zu den ursprünglich sehr konkreten Hinweisen von Oberst Moravec sehr allgemein blieb. Die beiden Fallschirmspringer verpflichteten sich, "zu einem Zeitpunkt, an einem Ort und zu einer Situation, die sich nach ihrer Überprüfung vor Ort und unter den gegebenen Umständen als die günstigste erweist, eine Sabotage- oder Terroraktion durchzuführen, die nicht nur zu Hause sondern auch über die Grenze der Tschechoslowakischen Republik hinaus für Aufsehen sorgen wird", zitiert Solc aus einem Dokument, dass Kubis persönlich unterschrieben hatte. Namentlich wurden nun weder Frank noch Heydrich erwähnt.

Kurz vor Silvester 1941 sprangen die beiden Soldaten über dem Protektorat ab, gefolgt von zwei weiteren Gruppen, die den Auftrag hatten, die Funkverbindung nach London wieder herzustellen. Das gelang auch. Allerdings, so Solc, rückte der ursprüngliche Auftrag für Kubis und Gabcik in den Hintergrund. In London hatte sich Benes entschlossen, die Briten bei der Bombardierung von Rüstungsbetrieben im Protektorat zu unterstützen. Einer internen Absprache zufolge sollten die tschechoslowakischen Piloten das Sudetengebiet bombardieren, die englischen tschechisches Gebiet.

Erste Ziele waren Karlsbad und Chomutov sowie die Skoda-Werke in Pilsen. Im April 1942 sprang eine Gruppe tschechoslowakischer Fallschirmjäger unter dem Kommando von Oberleutnant Opalka über dem Protektorat ab. Ihre Aufgabe war es, mit einem Funkpeilgerät die britischen Bomberstaffeln auf die Rüstungswerke Skoda zu navigieren. Doch wurde das Gerät weitab von den Männern um Opalka abgeworfen.

Dorfbewohner fanden es und übergaben die Ausrüstung der Polizei. Opalka, ein begeisterter Patriot, war unglücklich, weil er die Aufgabe nicht ausführen konnte. Kubis und Gabcik hatten sich inzwischen in Prag gut eingerichtet und führten ein recht ungebundenes Leben. Beide hatten Freundinnen gefunden, berichtet Solc. Opalka erzählten sie von ihrer ursprünglichen Aufgabe. Dieser beschloss noch im April die Durchführung.

Widerstand warnte

In dieser Zeit verlegte Heydrich seinen Wohnsitz von der Prager Burg in den Norden der Stadt nach Schloss "Panenske Brezany." Kubis und Gabcik fuhren mit dem Fahrrad die tägliche Wegstrecke des stellvertretenden Reichsprotektors ab, bis sie den günstigsten Punkt für das Attentat ausgemacht hatten. Der Heimatwiderstand erfuhr Anfang Mai von den Vorbereitungen und forderte am 12. Mai 1942 London auf, das Attentat auf Heydrich nicht auszuführen. Die Folgen konnten katastrophal sein, heißt es in der Depesche an London: "Das würde Tausende Leben fordern und auch die letzten Reste jeglicher (Widerstands-) Organisation hinwegfegen."

Benes erhielt die Depesche. Die tschechoslowakische Exilspitze war sich mehrheitlich einig, dass der Heimatwiderstand respektiert werden müsse. Abwehrchef Moravec schickte daraufhin eine Depesche ins Protektorat. In London würde man die Situation genauso beurteilen wie in der Heimat. "Auch für uns kommt eine Aktion gegen eine offizielle reichsdeutsche Persönlichkeit in dieser Situation nicht in Frage", sendete Moravec am 14. Mai 1942 an den Heimatwiderstand. Der Empfänger befand sich jedoch in Südböhmen, die Nachricht kam nie bei Kubis, Gabcik und Opalka an. (ykk)

PRAGER ZEITUNG, deutsch, 23.5.2002, Anneke Müller

Vor sechzig Jahren verübten Widerstandskämpfer das Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich. Ihr Versteck, die Krypta der orthodoxen Kirche Cyrill und Methodius ist heute eine Gedenkstätte. Das ganze Jahr über rennen die meisten Menschen ahnungslos an der orthodoxen Kirche Cyrill und Methodius vorbei. Kaum einer weiß, was sich hier vor 60 Jahren zugetragen hat.

Am 27. Mai 1942 versuchten die Widerstandskampfer Jozef Gabcik und Jan Kubis den seit September 1941 als stellvertretenden Reichsprotektor im Amt stehenden Reinhard Heydrich zu töten. Sie gehörten der Fallschirmspringergruppe "Antropoid" an, die Ende Dezember 1941 in der Tschechoslowakei gelandet war, um das Attentat vorzubereiten. Mit Hilfe der Briten waren tschechoslowakische Widerstandskampfer in Schottland für diese Aufgabe geschult worden.

In einer Biegung der heute vielbefahrenen Straße "V Holesovickach" in Prag-Liben traf eine von Kubis geworfene Spezial-Bombe das Hinterrad des Autos, in dem Heydrich chauffiert wurde. Ein zuvor abgegebener Schuss aus der Maschinenpistole Gabciks hatte sich nicht gelöst. Heydrich erlag seinen durch die Granatsplitter hervorgerufenen Verletzungen schließlich am 4. Juni 1942.

Mit weiteren fünf Fallschirmspringern versuchten Gabcik und Kubis in der Krypta der orthodoxen Kirche vorübergehend unterzutauchen. Doch ein anderer Fallschirmspringer, Karel Curda, der sich der Gestapo am 5. Juni gestellt hatte, verriet seine Kollegen und gab Informationen preis, welche die Gestapo schließlich zur Krypta führten.

Mit mehr als 350 Angehörigen des Prager SS-Wachbataillons sollten die Attentäter in ihrem Versteck gestellt werden. Sowohl die drei Fallschirmspringer, die auf dem Chor Nachtwache hielten, als auch ihre Kollegen in der Krypta leisteten erbitterten Widerstand, bis schließlich die Feuerwehr durch die Lüftungsluke den unterirdischen Raum zu überschwemmen begann. Als es keinen Ausweg für die Widerstandskämpfer gab und ihnen die Munition ausging, entschieden sie sich durch einen letzten Schuss für den Freitod.

Besucher der Krypta sehen heute noch die Spuren des verzweifelten Kampfes. Einschusslöcher in den Wanden und Geröll, das bei dem Versuch, durch die Kanalisation zu entkommen, aus der Wand geschlagen wurde, dokumentieren die Tragik des Schicksals bis heute sehr lebendig. Im Raum vor der Krypta erinnern Bilder an die Gastgeber der Fallschirmspringer. Die orthodoxen Geistlichen der Kirche wurden verhaftet und erschossen. Insgesamt wurden 252 Personen, die den Attentätern Hilfe geleistet haben, hingerichtet. (ykk)

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