Prag zieht Massen an - das ist sein Problem | DW Reise | DW | 18.12.2017
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Reise

Prag zieht Massen an - das ist sein Problem

Seit weite Teile der Goldenen Stadt an der Moldau zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurden, wurde aus Prag ein Tummelplatz für Touristen und Investoren. Das Nachsehen haben die Einheimischen.

"Wenn ich Gäste habe, die mit mir abends ins Prager Zentrum wollen, dann schicke ich sie lieber allein los. Ich tue mir das nur äußerst ungern an", sagte schon vor Jahren der tschechische Schriftsteller Ivan Klima in einem seiner seltenen Interviews. Er müsse dieses "Freilichtmuseum" nicht haben. Klima ist bei weitem nicht der einzige Prager, der so denkt. Wer nicht im Zentrum arbeitet, meidet die Altstadt und überlässt sie den Massen von Bier- und bestenfalls Architektur-Touristen.

Tchechien Prag (picture-alliance/picturedesk.com/K. Schöndorfer )

Karlsbrücke

Als die erweiterte Altstadt und die barocke Kleinseite vor 25 Jahren - also relativ kurz nach der Wende - zum UNESCO-Weltkulturerbe wurden, gab das Prag einen damals nötigen Schub. Zu sozialistischen Zeiten fehlte es vor allem am Geld, um Touristen anzulocken und die Stadt nicht ganzjährig grau aussehen zu lassen wie im typischen Prager Novembernebel.

Zeitenwende nach dem Sozialismus

Das änderte sich, als fast alle Wohngebäude ihren früheren Besitzern zurückgegeben wurden. Die begannen, ihr alt-neues Eigentum aufzuhübschen, so sie denn ein finanzielles Polster hatten. Viele verkauften die Häuser auch gleich weiter. Und es gab manche, die mit dem Erbe nichts anfangen konnten. Da sie die vom Gesetz geschützten lächerlich geringen Mieten nicht erhöhen durften, bekamen sie keine Mittel zur Sanierung. Viele der plötzlichen Hausbesitzer sahen den einzigen Ausweg im Suizid. Solche Geschichten sind Legende im an Legenden nie armen Prag.

Tchechien Grandhotel Europa in Prag (picture-alliance/akg-images/J. Kalmár)

Prags berühmtestes Hotel

Mit der Zeit kamen ausländische Investoren und kauften ganze Häuserzeilen. Italiener etwa interessierten sich für das älteste Viertel, das "Ungelt" gleich hinter der Teyn-Kirche am Altstädter Ring. Das kleine Viertel stand äußerlich kurz vor dem Zusammenbruch. Innen aber beherbergten die Häuser häufig wertvolle typische Prager hölzerne Kastendecken. Die Italiener rissen diese architektonischen Kleinodien brachial heraus und zogen dafür Glasdecken ein - auf besonderen Wunsch ebenso zahlungskräftiger wie kulturloser künftiger Mieter. Die Denkmalschützer waren außer sich, kamen aber regelmäßig zu spät - oder wurden einfach bestochen.

Tchechien Stadtrundfahrt mit Oldtimer in Prag (picture-alliance/chromorange/K.-H. Spremberg)

Stadtrundfahrt im Oldtimer

Wo sich Altmieter lukrativer Wohngebäude nahe am Wenzelsplatz weigerten, in triste Plattenbauten am Stadtrand umzuziehen, sperrte man ihnen Wasser, Gas und Strom, bis sie irgendwann freiwillig den Möbelwagen bestellten. Danach wurden aus einstigen Wohnungen etwa in der Nobelmeile Pariser Straße sündteure Büros. Die erkennt man heute daran, dass hinter den perfekt sanierten Fassaden abends kein Leben mehr ist, kein Licht mehr brennt.

Tchechien Denkmal am Prager Wenzelsplatz (picture-alliance/picturedesk.com/H. Ringhofer )

Wenzelsplatz mit Nationalmuseum

Riskiert Prag den Verlust des Welterbetitels?

Wenn Jiri Skalicky, Chef des Denkmalschutzamtes, im Gespräch mit Radio Prag stolz erzählt, dass die Innenstadt "das zweitgrößte zusammenhängende Denkmalschutzgebiet Europas" sei, dann ist das nur die halbe Wahrheit. Würde die UNESCO ihre Experten genauer nachsehen lassen, stünde der Welterbetitel wegen massiver Veränderungen wohl auf der Kippe.

Doch der Titel wankt auch aus anderen Gründen. Ein Blick von der Prager Burg zeigt in wenigen Kilometern Entfernung schauerliche, völlig unpassende Hochhäuser. Im Stadtteil Pankrac stehen Hoteltürme, eine Investment-Ruine des Radios und anderes. Daneben wachsen derzeit Wohngebäude in den Himmel, deren Höhe in Sichtweite vom Zentrum überhaupt nicht erlaubt ist. Sie wachsen trotzdem.

In Smichov, das sich an die Kleinseite anschließt, wird trotz massiver Proteste noch immer ein Riesenrad direkt an der Moldau geplant, das kein Mensch braucht. Prag hat bereits seit Jahr und Tag ein hübsches Riesenrad. Mit dem Welterbe vertragen sich solche und ähnliche Pläne nicht.

Tchechien Prag (picture-alliance/dpa/TASS/A. Novoderezhkin)

Touristen in der Prager Altstadt

Das größte Problem aber ist, wie man die jährlich wachsende Zahl von Millionen Touristen aus Altstadt und Kleinseite in andere, nicht minder schöne Ecken Prags locken kann. Die früheren Arbeiterviertel Zizkov, Karlin, Holesovice oder das schon immer mondäne Vinohrady sind mit ihrer vielfältigen Kneipen- und sonstigen Kultur hipp wie Kreuzberg oder der Prenzlauer Berg in Berlin oder die Dresdner Neustadt.

Doch kaum ein Tourist weiß darum. Für ihn steht und fällt Prag mit der (zweifellos einzigartigen) Karlsbrücke, dem Burgareal, wo man überall teuren Eintritt bezahlen muss, oder dem Wenzelsplatz, der vor allem abends mit Drogendealern und Bordellen zum größten Schandfleck der Stadt mutiert.

Einen Ausweg verspricht ausgerechnet ein anderswo heftig umstrittener neuer Gewerbezweig: die Vermietung von Privatwohnungen an Touristen über das Online-Portal Airbnb. Barbora Hruba von der städtischen Agentur Prague City Tourism sagte zu Radio Prag: "Wir als Tourismusorganisation sehen darin auch Vorteile. Die Besucher kommen so nämlich zwangsläufig auch in die Randbezirke der Stadt. Damit konzentrieren sich die Touristen nicht mehr so sehr im Zentrum." Wenn sie denn Recht damit hat, dass "die Besucher die Stadt mit den Augen der Bewohner sehen wollen" - und nicht doch mit Metro, Bus oder Tram ins Zentrum fahren.

Tschechien Prag Altstaedter Ring, Aussicht vom Rathausturm (picture-alliance/blickwinkel/McPHOTO/BilderBox)

Blick vom Prager Rathausturm auf den Altstädter Ring

Die zahllosen Werbefilmchen fürs Ausland zeigen leider nicht Zizkov, Karlin, Vinohrady oder Holesovice, sondern wie eh nur die bekannten Höhepunkte der Stadt, wo man als Tourist im wahrsten Sinne des Wortes nur "schrittweise" vorankommt, wo die Einheimischen lieber wegbleiben - und wo das Kulturerbe bedroht ist.

is/ch (kna)
 

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