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Europa

Prachtbau mit trauriger Geschichte

Nach dem Pentagon ist es das zweitgrößte Gebäude der Welt: Der Parlamentspalast in Bukarest. Aber welchen Preis mussten die Rumänen zahlen?

Der Palast des Parlaments

Der Palast des Parlaments hat eine Gesamtfläche von 366.000 Quadratmetern

Anca Petrescu läuft durch eine große, halbdunkle Halle, die mit ihren massiven Säulen wie eine gigantische Gruft wirkt. Die 60jährige Frau lächelt gezwungen, ihre Augen blicken zutiefst misstrauisch. Sie ist seit drei Jahrzehnten Chefarchitektin des riesigen Palastes.

Verteufelt für ein Lebenswerk

Eingangsbereich des Casa Poporului von außen; rumänische Flaggen wehen (Cristian Stefanescu)

Heute hat das Parlament seinen Sitz im "Casa Poporului"

Sie möchte nicht mehr verteufelt werden für ihr Lebenswerk, schließlich hatte sie es schwer genug unter Ceausescu. "Jede Woche wollte der Bauherr wissen, wie die Säle und Räume aussehen werden. Deshalb mussten wir ständig Zeichnungen und Modelle anfertigen und ihm sagen, wie viel Marmor, Holz und andere Materialien wir verwenden würden, damit er Anweisungen für die Produktion geben konnte", erzählt die Architektin. Es sei eine außerordentliche psychische Belastung gewesen, dem Chef ständig Rechenschaft abzulegen, sagt sie weiter.

Es scheint fast so, als sieht sich Anca Petrescu als Opfer. Doch über die wirklichen Leidtragenden spricht die Architektin nicht. Der ehemalige Staatschef Ceausescu ließ einen Großteil der Bukarester Altstadt abreißen, um Platz zu schaffen für sein "Haus des Volkes" und für einen vier Kilometer langen Prachtboulevard. Die Innenstadt von Bukarest wurde Ende der 1970er Jahre dem Erdboden gleich gemacht. Viele Menschen waren verzweifelt und wurden umgesiedelt. Vor allem ältere Menschen trieb die Umsiedlung in den Tod, sie begangen Selbstmord.

Abschließen mit der Geschichte?

Eine überdimensionale Kuppel überspannt den Saal des Senats im Palast des Parlamentes in Bukarest (23.08.1999)

Geräumig auch innen: der Saal des Senats

Jahrelang wurden Milliardensummen in den Bau des Palastes und des neuen Bukarester Stadtzentrums gepumpt - während die Rumänen mit Stromsperren, abgestellten Heizungen und Lebensmittelrationierungen lebten.

Der Hinweis auf diese Geschichte ärgert Anca Petrescu. "Das alles ist schon so lange her, ich erinnere mich gar nicht mehr daran. Ich gehe jetzt andere Wege, und das Haus geht einen anderen Weg. Ich richte den Blick nach vorn und denke nicht mehr daran, was geschehen ist. Es interessiert mich einfach nicht mehr", sagt Petrescu und geht. Sie will keine weiteren Fragen mehr beantworten.

Neue Nutzung erntet Kritik

Der Parlamentspalast bei Regen

"Haus des Volkes" wurde der Bau genannt, für den die Bukarester Altstadt abgerissen wurde

Auf der Rückseite des Palastes laden Arbeiter derweil Stahlträger ab. Hier, in einem Gebäudeteil, der lange leer stand, befindet sich seit Ende 2004 das Museum für zeitgenössische Kunst. Der Leiter des Museums ist Mihai Oroveanu. Im Jahre 2002 fragte ihn der damalige Regierungschef Rumäniens Ion Iliescu, ob er in ungenutzten Sälen des Ceausescu-Palastes ein Museum für moderne Kunst einrichten wolle.

Er sagte sofort zu und erntete Kritik: "Es gibt viele Leute, die es skandalös fanden, dass ich dieses Projekt akzeptiert habe. Natürlich - wenn ich daran denke, was in Bukarest alles abgerissen wurde, dann kann ich keinerlei Sympathie für diesen Palast haben. Aber ich habe versucht, pragmatisch zu sein und nicht sentimental", meint Oroveanu. Wenn immer nur geredet würde, würde sich auch nichts Neues entwickeln. Er wolle dagegen etwas unternehmen, so der Museumsleiter.

Museum in Ceausescus Schlafzimmer

Das Museum wurde ausgerechnet in Ceausescus ehemaligen Privatgemächern eingerichtet - unter anderem in einem 300 Quadratmeter großen Schlafzimmer des Diktators. Hohe Säle wurden durch großflächige Emporen aufgelockert, die Steinfassade des Palastes teilweise aufgerissen und durch eine Glasfassade ersetzt.

Im Museum sind wechselnde Ausstellungen zu sehen, oft solche, die sich mit der Geschichte des Kommunismus oder mit der Stadt Bukarest unter Ceausescu auseinandersetzen. Auch Oroveanu hat sich beim Bau des Museums und dem Diktator beschäftigt - auf eine ganz spezielle Weise, wie er schmunzelnd erzählt: "Es ist eine fantastische Sache, dass ich den Presslufthammer in die kitschigen Wände von Ceausescus Schlafzimmer bohren konnte. Ich habe darauf bestanden, selbst mit dem Presslufthammer zu arbeiten und es war ein großes Vergnügen - muss ich gestehen."

Autor: Keno Verseck
Redaktion: Heidi Engels


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