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Politik

Prügel-Orgie in St. Petersburg

Einen Tag nach den Moskauer Protesten fand auch in St. Petersburg der "Marsch der Unzufriedenen" statt. Trotz Einschüchterung der Sicherheitsbehörden gingen Tausende auf die Straße. Benjamin Bidder berichtet.

Im Vordergrund sind Beine vom Knie abwärts zu sehen. Sie tragen Tarnhosen und schwarze Stiefel. Im Hinergrund sind Männer mit Helmen und Schutzschilder aufgereiht. Quelle: AP

Sicherheitsvorkehrungen in St.Petersburg

Tief über der Stadt kreisen Hubschrauber der Miliz. Schätzungsweise 800 Milizionäre mit Helmen, Gummiknüppeln und Schlagschutzwesten haben auf dem Platz der Pioniere ein Karree abgegrenzt, auf dem die "Demonstration der Unzufriedenen" stattfinden soll. Die Demonstration des Oppositionsbündnisses "Anderes Russland" haben die Behörden an diesem Tag erlaubt – nicht aber den beantragten Marsch durch die Stadt. Trotz der Ankündigung der Miliz, hart gegen Demonstranten vorgehen zu wollen, versammeln sich rund 2000 Oppositionelle, eingekesselt von den Sondereinheiten. Etwa 1000 weitere Menschen mit Transparenten werden nicht mehr durch die Absperrungen auf den Platz gelassen.

In St. Petersburg haben die Sicherheitsbehörden die Innenstadt vor dem "Marsch der Unzufriedenen" in einen Aufmarschplatz verwandelt. Mitte März und am vergangenen Samstag hatten ähnliche Protestkundgebungen in Nischnij Nowgorod und Moskau stattgefunden, die von Polizeikräften gesprengt wurden. In St. Petersburg haben die Sondereinheiten der Miliz bereits in den Morgenstunden den Platz der Pioniere in der Innenstadt in mehreren Ringen umstellt. Gepanzerte Fahrzeuge, Busse und Lastwagen riegeln die Straßen ab.

"Russland ohne Putin"

Garry Kasparow, prominentester Vertreter von "Anderes Russland", tritt nicht auf – er wurde am Samstag in Moskau nach dem dortigen "Marsch der Unzufriedenen" verhaftet. Die Demonstranten rufen "Für freie Wahlen" und "Russland ohne Putin". Sie fordern den Rücktritt von Walentina Matwijenko, der kreml-treuen Gouverneurin von St. Petersburg. Anderthalb Stunden dauert die friedliche Kundgebung. Zum Abschluss bitten die Veranstalter die Teilnehmer, nach Hause zu gehen – sie kapitulieren vor der erdrückenden Übermacht der Miliz.

Straßenschlacht mit Demonstranten und Schaulustigen

zwei Männer in uniformen führen einen dritten Mann ab. Quelle: AP

Sergei Gulyayev verhaftet

Mehrere Hundert Regimegegner um den ehemaligen Abgeordneten des Stadtparlaments Sergei Gulyayev marschieren den Sagorodnij Prospekt in Richtung des Witebsker Bahnhofs, versuchen dort dennoch einen Durchbruch. Sie werfen sich mit Fahnen und Transparenten gegen den Schildwall der Milizeinheiten. Ein aussichtsloses Unterfangen. Der Gegenschlag der Miliz folgt unmittelbar – und hart. In mehreren Wellen fallen sie über die Demonstranten her. Ein Ausweichen ist unmöglich. Es ist der Beginn einer Straßenschlacht. Die Milizionäre, viele in schwarzen Kampfanzügen und mit abgedunkelten Visieren, machen keinen Unterschied: Skandierende Aktivisten und Pensionäre, Frauen und Teenager - auf alle sausen die Knüppel nieder. "Unglaublich, was hier mit uns passiert", sagt eine Frau. "Das zeigt doch, dass unsere Regierung Angst vor dem eigenen Volk hat".

Nach einer Stunde ist der Bahnhofsvorplatz geräumt. Auf dem Asphalt liegen zerrissene Transparente, eine zerbrochene Brille, eine abgerissene Armbanduhr. Die Truppen machen kehrt – und wenden sich jetzt den Schaulustigen und versprengten Demonstranten auf der anderen Straßenseite zu. Drohend hämmern sie gegen ihre Schilder, brüllen "Zurück!". Wieder schlagen sie zu – ein Mann bricht zusammen und muss in einem Krankenwagen versorgt werden.

"Diese Aktion war von den Sicherheitsbehörden vornherein geplant", kommentiert Organisator Sergei Gulyayev später gegenüber der Zeitung Kommersant das Vorgehen der Behörden. "Sie wollten uns für die Zukunft einschüchtern." Nach offiziellen Angaben wurden 120 Personen verhaftet.

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