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Europa

Prüfung aus dem Glockenturm

In Deutschland kennt es fast niemand, in den Beneluxländern gibt es fast in jeder Stadt eins: ein Carillon, ein Glockenspiel. Der Spieler sitzt in einer Kammer im Glockenturm und haut mit den Fäusten auf große Tasten.

Geert Hellemanns beim Carillon-Spiel (Nina Plonka, Juni 2009)

Prüfling Geert Hellemanns beim Carillon-Spiel

400 Stufen muss Geert zu seinem Übungsplatz in der Kathedrale hinaufsteigen. Der Belgier studiert seit zehn Jahren in seiner Freizeit das Carillonspielen. Im belgischen Mechelen ist eine der berühmtesten und ältesten Glockenspiel-Schulen. Am Ende des Studiums wartet eine Prüfung auf die Studenten – und erst dann dürfen sie sich staatlich geprüfte Glockenspieler nennen.

Der Ritterschlag für die Carilloneure

Carillon Glocken in Mechelen, Belgien (Nina Plonka, Juni 2009)

Carillon-Glocken im belgischen Mechelen

Am Morgen haben Geert und seine Kommilitonen aus Australien, Hongkong und Russland bereits ihre theoretische Prüfung abgelegt. Das Examen an der Königlichen Carillon Schule in Mechelen zu bestehen ist so etwas wie ein Ritterschlag für einen Glockenspieler – oder auch Carilloneur genannt. Kein Wunder, dass Geert nervös ist, doch je näher er den Glocken kommt, desto wohler fühlt er sich.

Der 33-jährige Lehrer will bei der praktischen Prüfung eine gute Figur machen. Das Einspielen sei dabei das A und O, denn jedes Carillon sei anders. "Das Gewicht der Glocken ist anders und damit auch die Kraft, die man aufwenden muss." Deshalb wolle er das Carillon vor seiner Prüfung fühlen. "Es ist wichtig, genau zu wissen, wie es sich anfühlen muss, hier zu spielen."

In der Holzkammer angekommen setzt sich Geert auf die breite Bank. Kräftig haut er mit den Fäusten auf die Holztasten. Sie sind über Seile mit den Glocken verbunden. Diese können bis zu mehreren Tonnen wiegen. Anfangs könne das Spielen sehr wehtun, sagt Isaac Wong, ebenfalls Prüfling der Carillon-Schule. "Mit der Zeit findet man aber den Punkt, den man treffen muss, damit man den besten Klang aus den Glocken herausholt, ohne sich wehzutun."

Der 28-jährige Australier ist für einen einjährigen Intensivkurs nach Mechelen gekommen. Zuvor hat er in Sydney die Grundlagen des Instruments gelernt. "Man ist den Glocken körperlich sehr nah, man kann die Vibration spüren und wird Teil dieser Umgebung. Es hat etwas Therapeutisches für mich, es macht mich sehr ruhig und ich fühle mich gut", erzählt er.

Von Popmusik bis zu den Klassikern

Auf einem Platz in einiger Entfernung vom Turm haben sich die Dozenten versammelt. Hier können die sechs Männer und eine Frau den Klang der Glocken optimal hören. Der Direktor eröffnet die Prüfung. Die 20 Zuhörer sind mucksmäuschenstill. Jeder Student muss in 45 Minuten klassische und moderne Stücke sowie seine eigene Komposition vorspielen.

Das Carillon sei kein altmodisches Instrument, obwohl es schon seit Jahrhunderten gespielt werde, sagt Isaac. Er habe darauf bereits asiatische Popsongs arrangiert. Heute gehe er allerdings kein Risiko ein. Dass die Studenten die Prüfung bestehen werden, daran zweifeln sie nicht - doch reicht die Darbietung für eine Auszeichnung?

Spielen aus Leidenschaft

Am späten Nachmittag ziehen sich die Dozenten zur Beratung zurück. Die Studenten warten – bis der Direktor feierlich vor die Menge tritt. Alle vier Studenten haben die Prüfung bestanden, Isaac und Geert sogar mit besonderer Auszeichnung. Viel Geld werden sie damit nicht verdienen: Die meisten Carilloneure sind Teilzeit-Spieler.

Isaac will nach Sydney zurückkehren und sein Wissen dort weitergeben. Geert hofft darauf, die Carillons in Belgien ausprobieren zu dürfen. Immerhin ist er nun staatlich geprüfter Glockenspieler.

Autorin: Nina Plonka
Redaktion: Julia Kuckelkorn / Mareike Röwekamp

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