1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Islamismus

Präventionsexperte: "Glaubwürdig ist nur der langsame Ausstieg"

Jeder dritte Dschihadist aus Deutschland ist inzwischen wieder zurückgekehrt. Die Aussicht, Rückkehrer zu resozialisieren, sei hier besser als in anderen Ländern, meint der Pädagoge Thomas Mücke im DW-Interview.

Deutschland Prozessauftakt gegen mutmaßliches IS-Mitglied (picture-alliance/dpa/B. Marks)

Harry S. (l.) muss sich im Juni 2016 in Hamburg als mutmaßliches IS-Mitglied vor Gericht verantworten

Ein Viertel der Rückkehrer aus Dschihad-Kampfgebieten arbeitet mit den deutschen Sicherheitsbehörden zusammen: Das ist nur eine Erkenntnis aus einer als Verschlusssache eingestuften Studie zu Radikalisierungsgründen, über die die Zeitung  "Die Welt" berichtete. In der Studie, erstellt vom Hessischen Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus (HKE), dem Bundeskriminalamt (BKA) und dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), seien fast 800 Lebensläufe von Islamisten zwischen 13 und 62 Jahren untersucht worden, die sich von Deutschland aus Terrorgruppen im Ausland angeschlossen hätten.

DW: Jeder vierte Islamist, der nach Deutschland zurückgekehrt ist, kooperiert mit den Behörden, nur jeder zehnte kommt desillusioniert und frustriert wieder. Das klingt nicht nach einer positiven Bilanz.

Thomas Mücke: Man kann diese Zahl nur sehr schwierig einordnen. Mit Sicherheitsorganen zusammenzuarbeiten, kann ja auch taktisches Verhalten sein, wenn man Straftaten begangen hat. Davon lässt sich nicht ableiten, ob sich jemand tatsächlich von einer extremistischen Ideologie gelöst hat. Wir merken allerdings im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, dass wir in Deutschland sehr intensiv und systematisch mit den sogenannten Syrien-Rückkehrern arbeiten können, in einzelnen Bundesländern läuft es besonders gut, und diese Chance sollten wir nutzen. Man muss versuchen, jeden Menschen, der zurückgekommen ist, durch pädagogische Arbeit aus dieser Szene herauszubringen, ob in der Freizeit oder im Vollzug. Wir müssen mit ihnen reden. Im Einzelfall ist das schon erfolgreich, in der Breite wird man das sicher erst in zwei, drei Jahren sagen können.

Warum ziehen Ihrer Erfahrung nach junge Menschen aus Deutschland in den vermeintlichen Glaubenskrieg?

Politologe und Pädagoge Thomas Mücke (VPN/Klages)

"Man muss jedem Betroffenen ein Gesprächsangebot machen", sagt Thomas Mücke

Die Gründe können sehr unterschiedlich sein, den klassischen Radikalisierungsverlauf gibt es nicht. Es kann sein, dass diese Jugendlichen in der salafistischen Szene angesprochen worden sind, wo man ihre emotionalen Bedürfnisse nach Geborgenheit, Halt und Identität befriedigt hat. In dieser Szene entsteht ein moralischer Druck: 'Du musst etwas tun. Dort werden deine Brüder und Schwestern ermordet.' Ein anderer Grund kann sein, dass man so weit von der Gesellschaft entfremdet worden ist, dass man glaubt, man muss einen Neustart versuchen. Und dann gibt es natürlich auch Menschen, die schon mit sehr viel Hass in sich ausgereist sind, um ihre Gewaltfantasien dort umsetzen zu können.

Aus der Studie von HKE, BKA und BfV geht nach Angaben der "Welt" hervor, dass Islamisten in Deutschland vor allem im Freundeskreis und in salafistischen Moscheen radikalisiert werden. Erst an dritter Stelle wird das Internet als Radikalisierungsfaktor genannt. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Das Internet und die sozialen Netzwerke spielen erst innerhalb der Szene eine große Rolle. Angesprochen werden junge Menschen aber weitgehend von Gleichaltrigen. Extremisten versuchen, einen Spalt zwischen dem Jugendlichen und seiner sozialen Umgebung herbeizuführen, damit sie ihn stärker manipulieren können. Man braucht für Deradikalisierung also immer den Kontakt von Mensch zu Mensch. Das passiert nicht selten auch in der Haft, die Rückkehrer zum Beispiel wegen Unterstützung einer terroristischen Organisation absitzen.

Die bisherige Erfahrung hat gezeigt, dass man dort über einen längeren Zeitraum mit ihnen arbeiten kann und sie sich langsam von der Ideologie loslösen. Das geht nicht von heute auf morgen. Wenn jemand aus einem Kampfgebiet zurückkehrt und mir sagt, er habe sich von allem distanziert, ist das nicht glaubwürdig. Glaubwürdig ist immer nur der langsame Ausstiegsprozess."

Sieben Prozent der aus Deutschland ausgereisten Islamisten sind der Studie zufolge minderjährig. Sie arbeiten vor allem mit Jugendlichen zusammen. Sind junge Menschen besonders anfällig für Radikalisierung?

Extremisten suchen sich immer Bevölkerungsgruppen, die besonders leicht zu beeinflussen sind. Das sind junge Menschen aufgrund ihres Alters, weil sie auf Identitätssuche sind, weil sie mit ihrem sozialen Umfeld Konflikte haben. Viele radikalisieren sich schon ab dem 14. Lebensjahr, die größte Altersgruppe ist die der 18-19/20-Jährigen.

Was den Bildungshintergrund angeht, muss man vorsichtig sein: Es sind nicht nur Menschen aus prekären Lebensverhältnissen, es kann praktisch jede Familie treffen, dass ihr Kind von einer extremistischen Szene angesprochen wird. Es kann aber auch allen anderen Menschen passieren, die schutzbedürftig sind. Extremisten versuchen ja auch auf Flüchtlinge zuzugehen oder auf psychisch labile Personen, bei denen sie die Hoffnung haben, irgendwo andocken zu können, um sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Der Studie zufolge ist die Zahl der Ausreisen nach Syrien oder den Irak zurückgegangen. Nimmt auch die Radikalisierung in Deutschland ab?

Nein. Dass die Ausreisen in Kampfgebiete zurückgegangen sind, ist nachvollziehbar, denn die militärischen Auseinandersetzungen sind sehr intensiv, und der Übergang über die Grenzen ist nicht mehr so einfach möglich wie noch vor ein, zwei Jahren. Das heißt aber nicht, dass das Extremismus-Phänomen rückläufig wäre. Im Gegenteil können wir feststellen, dass es in der salafistischen Szene ebenso wie im Rechtsextremismus Zuläufe gibt. Gott sei Dank nimmt auch die Zahl der Beratungsstellen zu, aber die sind noch nicht so weit ausgebaut, dass sie in der gesamten Breite agieren können.

Thomas Mücke arbeitet als Geschäftsführer des Violence Prevention Network unter anderem mit Rückkehrern aus Dschihad-Kampfgebieten zusammen. Die Organisation unterstützt vor allem junge Menschen beim Ausstieg aus dem Extremismus. 

Das Gespräch führte Helena Kaschel.