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Politik

Prävention statt Abschottung

Am Weltflüchtlingstag (20.6.2002) sind ungefähr 50 Millionen Menschen auf der Flucht. UN-Generalsekretär Kofi Annan appeliert an die Industrieländer, die Grenzen nicht zu schließen. Heinrich Bergstresser kommentiert.

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Kaum eine Nachrichtensendung vergeht, in der nicht das Wort Flüchtling vorkommt, wenn auch in verschiedensten Verbindungen: Flüchtlingslager im Westjordanland, Flüchtlingsströme im Kongo, Flüchtlingselend in Kolumbien, Flüchtlingshilfe für Afghanistan, Wirtschaftsflüchtlinge aus Asien, Flüchtlingsdrama auf dem Balkan oder Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen. All diese Wortschöpfungen belegen recht eindringlich, dass Flüchtlinge ein weltweites Phänomen und damit fester Bestandteil unserer sozialen Wirklichkeit sind.

In der Tat sprengen die Größenordnungen die Vorstellungskraft der meisten Menschen. Denn wer kann sich schon 50 Millionen Menschen vorstellen, die zeitweise oder gar ständig auf der Flucht sind, um Krieg, Unterdrückung, Vertreibung und Hunger zu entkommen? Eine Zahl, die etwa der Bevölkerung Italiens oder Großbritanniens entspricht. Die jährliche Zuwachsrate der Flüchtlinge ist mit über 10 Prozent mehr als doppelt so hoch wie die höchsten Bevölkerungszuwächse in den Entwicklungsländern.

Eine absurde Vorstellung, vielleicht! Aber selbst ein kurzer Blick auf die Weltkarte vermittelt einen Eindruck über das Flüchtlingsphänomen und die dahinter liegenden Ursachen. Kriege und Staatszerfall in Asien, Afrika, im Nahen Osten, der Kampf um Territorien und nationale Macht sind die wesentlichen Triebfedern, aus denen sich dieses Phänomen speist.

Und Flüchtlinge, ganz gleich ob sie eine Landesgrenze überschritten haben und damit nach der Genfer Konvention auch als Flüchtlinge anerkannt sind, oder Flüchtlinge im eigenen Land sind, wirken per se destabilisierend. Denn sie sind nur selten, meistens nie, willkommen. Das wiederum dreht die Konfliktschraube weiter.

Europa und die USA versuchen angesichts der latenten Bedrohung eine Festung zum Schutz vor Flüchtlingen aufzubauen. Doch lassen sich damit auf Dauer Flüchtlingsströme nicht aufhalten. Vielmehr müssen die Reichen dieser Welt gemeinsam mit den Betroffenen, den beteiligten Staaten und Regionen an den Ursachen ansetzen. Das kostet Geld, sogar viel Geld. Aber es ist wesentlich kostengünstiger und für die Weltgemeinschaft langfristig sogar profitabler, als den Reichtum für eine neue und sinnlose Runde zur militärischen Aufrüstung zu vergeuden.

Friedensichernde und friedenserhaltende Blauhelm-Einsätze der UN in Krisengebieten sind viel besser als ihr Ruf. Denn die Präsenz der Blauhelme bietet zumindest die Möglichkeit, den jeweiligen Konflikt politisch aufzuarbeiten und dann Schritt für Schritt zu lösen. Sierra Leone, Eritrea/Äthiopien und Ost-Timor sind die jüngsten Erfolgsgeschichten. Vor der Finanzierung konfliktpräventiver und konfliktlösender Maßnahmen wird sich die internationale Gemeinschaft jedoch nicht drücken können.