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Politik

Präsidentenkult, Meister und Bürgermeister

Nicht nur russischen die Wahlergebnisse erscheinen nach klassischem Demokratieverständnis leicht suspekt. Den Personenkult um Wladimir Putin könnte man auch eher einer Monarchie zuordnen.

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Armer Wladimir Wladimirowitsch Putin - sein Volk webt Teppiche mit Präsidentenkonterfei, Girliegroups landen mit Songs wie "Ich will so einen wie Putin" ganz oben in den Charts und sein Kopf wird schon zu Lebzeiten in allen Größen in Gips und Bronze gegossen. Und was denkt der so heiß verehrte Herr im Kreml? Er lässt, bescheiden wie er ist, seine Verehrer wissen, dass ihm der ganze Kult um seine Person gar nicht recht ist. Schließlich möchte der Präsident das Image eines aufgeklärten Demokraten pflegen auch wenn manche liberale Kritiker in Russlands mächtigen Führer eher die Wiederkehr des aufgeklärten Monarchen sehen.

Der vor kurzem erst wieder gewählte russische Präsident hält zwar die Zügel straff in der Hand, doch Putins Macht reicht nicht, um den von ihm so ungeliebten Kult um seine eigene Person Einhalt zu gebieten, auch wenn er noch so absurde Blüten treibt. Ein wahrer Verkaufsrenner sind zum Beispiel in Jekaterinenburg die Stofftier-Hasen, made in China, die den Präsidentensong trällern, so lang die Batterien reichen. Seit einiger Zeit gibt es auch den Präsidenten zum Anbeißen: Wladimir Putin als Zartbitterschokolade. Die 1,5 Kilo-Tafel zum Liebhaberpreis für schlappe 700 Euro.

Zuletzt schlug nun auch Surab Zereteli zu, Bildhauer und Hofkünstler des Moskauer Bürgermeisters Juri Luschkow, vor allem aber Garant des schlechten Geschmacks. Zereteli, siebzigjähriger Maestro mit Hang zum Monumentalen, dürstete es schon seit längerem, den ersten Mann im Staate ganz offiziell und im Auftrag des Kremls in Stein hauen zu dürfen. Im Kreml allerdings stieß der Künstler mit georgischen Wurzeln auf taube Ohren. Doch, was tun, wenn einen die Muse küsst? Zereteli konnte nicht anders, und schuf Putin nun als 3,5 Meter hohe Statue in Bronze, barfüßig und in kitschig-fernöstlichen Kimono - offenbar eine Anspielung an die Leidenschaft Putins für Judo. Der bronzene Putin steht derzeit im Atelier des georgischen Meisters, und dort muss er wohl auch bleiben. Denn dem leibhaftigen Putin sind öffentliche Huldigungen dieser Art zutiefst zuwider.

Zereteli widerum dürfte das weiter nicht stören. Er hat sich daran gewöhnt, dass ihn die Moskauer Künstlgemeinschaft nicht ernst nimmt, sondern eher verabscheut. In seinem Moskauer Atelier stapeln sich Skulpturen und Werke, für die sich kein Abnehmer finden will. Immerhin hat der 70-jährige Bildhauer Dank seiner Nähe und der Männerfreundschaft zu seinem Mäzen, dem Moskauer Bürgermeister Luschkow, in der Hauptstadt längst eine deutliche und atemberaubend hässliche Spur hinterlassen. Der Gipfel der Geschmacklosigkeit - und zweifelsohne Zeretelis Krönung - ist eine bizarre Statue, die Peter den Großen auf einem Segelboot darstellt. Das über sechzig Meter hohe Werk steht seit 1997 auf einer Landzunge im Moskwa-Fluss und wird seit der Errichtung und der ersten Bombendrohung rund um die Uhr bewacht. Böse Zungen behaupten, dass das Ungetüm ursprünglich Kolumbus und der Stadt New York als Geschenk gewidmet war. Erst als die Amerikaner die Annahme verweigert hätten, habe Zereteli den Koloss zu Peter dem Großen umgemodelt und mit Hilfe Luschkows an der Moskwa aufgestellt.

Inzwischen mehren sich die Gerüchte, wonach der Kreml den Moskauer Bürgermeister, dessen Amtszeit bis 2007 läuft, vorzeitig ersetzen möchte. Damit würde der Künstler Zereteli seinen größten Gönner verlieren und der Stadt vermutlich weitere Kitsch-Skulpturen erspart bleiben. Nur die 3,5 Meter hohe Putin-Skulptur sollte man noch irgendwo aufstellen, vielleicht nach Putins Amtszeit im Jahr 2008. Neben Peter dem Großen auf dem Segelboot an der Moskwa wäre noch Platz.