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Amerika

Präsident Obamas Südsee-Wurzeln

"Man kann Barack Obama nur ganz verstehen, wenn man Hawaii versteht", erklärte Michelle Obama, Ehefrau des 44. US-Präsidenten. Denn Obamas Geburtsort unterscheidet sich erheblich vom Rest der USA .

Weißer Strand, kristallklares Wasser, sanfte Musik, dazu bunte Freizeithemden, luxuriöse Hotels und belebte Promenaden, eine Urlaubsidylle im Pazifik: Das ist Hawaii, zumindest für die Touristen. Und da der jüngste der 50 US-Bundesstaaten hauptsächlich vom Tourismus lebt, ist es dieses Bild, das den Besuchern des Strandbezirkes Waikiki gerne vermittelt wird.

Nur knapp zehn Autominuten von Waikiki entfernt, in nördlicher Richtung, sieht Honolulu ganz anders aus. Im Bezirk Kapiolani stehen verrostete Autos vor kleinen, ein- oder zweistöckigen Häusern, auf den Balkonen hängt die Wäsche zum Trocknen. Die Betonwände der Ladenzeilen an der King Street sind mit Graffiti besprüht, die Geschäfte schmuddelig und wenig einladend, zum Teil seit langem geschlossen. Im Hintergrund ragen die Hochhäuser der South Beretania Street in die Höhe. Das ist das Hawaii von Barack Obamas Kindheit.

Obamas Eisladen und Basketballplatz

Das Krankenhaus, in dem Präsident Obama am 4. August 1961 geboren wurde. Kapiolani Medical Center for Women and Children in Honolulu, Hawaii *** alle Fotos von Christina Bergmann, DW Hawaii, November 2011

Das Krankenhaus, in dem Präsident Obama am 4. August 1961 geboren wurde

Geboren wurde der US-Präsident am 4. August 1961 im Kapiolani Krankenhaus, nur einen Straßenzug entfernt, die ersten Lebensjahre verbrachte er in Honolulu. In dem Hochhaus in der South Beretania Street unweit des Krankenhauses hat Obamas Großmutter bis zu ihrem Tod 2008 gewohnt. Auch Obama selbst war hier zuhause, von 1971 bis 1979, nachdem seine Mutter, Stanley Ann Dunham, ihn zwischenzeitlich mit nach Indonesien genommen hatte. Bis zu seiner Oberschule, der renommierten Punahou School, sind es nur ein paar Straßenzüge

Die Nachbarschaft mit ihrer Mischung aus Hoch- sowie ein- und zweistöckigen Häusern habe sich seit Obamas Kindheit nicht viel verändert, erklärt DeSoto Brown. Er ist Historiker am Bishop Museum in Honolulu, das sich mit der Geschichte der Insel beschäftigt. Der Eisladen, in dem sich Obama als Teenager sein Taschengeld verdiente, ist noch immer geöffnet. Auf den Basketballplätzen, wo er seine Würfe übte, trainieren Jugendliche noch heute. Und noch immer verschmelzen hier, wie auf den anderen Inseln des Bundesstaates, chinesische, japanische and andere asiatische Einflüsse mit den polynesischen Traditionen: "Man kann hier nicht aufwachsen, ohne von nicht-europäischen, nicht-amerikanischen Eindrücken beeinflusst zu werden", meint Brown.

Kulturenmix

Auch der Journalist Robert Kay erklärt, Obama "verkörpert in vielerlei Hinsicht das Beste von Hawaii, er ist weder arrogant noch überheblich". Kay lebt seit fast 20 Jahren in Hawaii, er stammt aus San Francisco. Er hat eine Webseite zusammengestellt mit Informationen über "Obamas Nachbarschaft" und seine Familie. Es gebe keinen Zweifel, sagt er, in Hawaii müssen jeder lernen, mit den unterschiedlichsten Kulturen klar zukommen, sich jedem gegenüber respektvoll zu verhalten. Dabei war Obama selbst in Hawaii noch etwas Besonderes: Kinder mit schwarzer Hautfarbe waren in seiner Nachbarschaft die Ausnahme.

Hinzu kamen die Kindheit in Indonesien und die alleinerziehende Mutter: "Er kann gar nicht anders, als eine andere Einstellung zu dem Rest der Welt und anderen Völkern zu haben als jemand, der in einer Umgebung aufgewachsen ist, in der eine einzige Rasse dominiert", meint Historiker DeSoto Brown. Die Ausrichtung der US-Außenpolitik nach Asien unter Barack Obama hat viele Gründe, die nichts mit seiner Biographie zu tun haben - schwer gefallen dürfte sie ihm nicht sein. 

Der Präsident von nebenan

Seine Kindheit unterscheidet sich noch in einer anderen Hinsicht von der bisheriger US-Präsidenten. Barack Obama ist in einer ganz normalen Wohnung aufgewachsen, zwei Schlafzimmer, Balkon, im 10. Stock des Hochhauses in der South Beretania Street. Seine Großmutter Madelyn Dunham ist zwar von der Sekretärin zur Vizepräsidentin der Bank von Hawaii aufgestiegen, hat aber dennoch zeitlebens zur Miete gewohnt. Genauso wie die Großmutter von Arnie Saiki. Auch er hat in dem beigefarbenen Hochhaus mehrere Tage in der Woche bei seiner Oma gewohnt. Arnie ist drei Jahre älter als der US-Präsident und erzählt, dass er zweimal am Tag zu den beiden Supermärkten um die Ecke gehen musste, um die jeweiligen Sonderangebote zu besorgen.

Heruntergekommene Läden in der Nachbarschaft von Punahou *** alle Fotos von Christina Bergmann, DW Hawaii, November 2011

Die Läden in der Nachbarschaft von Punahou sind heruntergekommen -auch wenn sie Shave ice verkaufen, das auch Obama genießt, wenn er zu Besuch ist

Über seine eigene Großmutter sagte Präsident Obama 2008 in Denver, als er die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten annahm: "Sie ist diejenige, die mir beigebracht hat, was harte Arbeit ist. Sie hat auf ein neues Auto oder ein neues Kleid verzichtet, damit ich ein besseres Leben habe." Die Menschen in Hawaii sind fasziniert davon, dass dieser Präsident die gleichen Erfahrungen gemacht hat und die gleiche Schule besucht hat wie sie. Der Historiker DeSoto Brown erklärt: "Die Tatsache, dass ein Präsident, der normalerweise ganz weit weg von dem ist, was ich erfahren habe, tatsächlich genau das gleiche erlebt hat - vielleicht hat er mir ja ein Eis verkauft, vielleicht habe ich ihn auf der Straße gesehen - das finde ich sehr erstaunlich."

Täglich Kompromisse schließen

Arnie Saiki vor dem Hochhaus seiner seiner Großmutter, im gleichen Haus wie Präsident Obama *** alle Fotos von Christina Bergmann, DW Hawaii, November 2011

Arnie Saiki lebte auch oft bei seiner Großmutter, im gleichen Haus wie Präsident Obama

Auch Arnie Saiki kommt auf den ausgeprägten Gemeinschaftssinn auf der Insel zu sprechen. Hier müssen alle zusammenarbeiten, sagt er. "Hawaii ist so ein facettenreicher Ort, und um Dinge zu erreichen, muss man oft Kompromisse schließen, nicht nur was deine Sprache angeht und dein Essen, sondern alles." Jede der Immigrantengruppen brachte die eigene Kultur mit, und zwar innerhalb kürzester Zeit: Chinesen, Japaner, Koreaner, Philippinen, Portugiesen. Der Präsidentschaftskandidat Obama hat 2008 genau diesen Gemeinschaftssinn zu seiner zentralen Botschaft gemacht, erinnert Arnie Saiki: "Es war sehr interessant, denn er hat sich oft auf diese Hawaiianische Idee berufen, dass man Menschen zusammenbringt, Demokraten und Republikaner, als vereinendes Motiv." Obama musste allerdings schnell lernen, dass er im fast 8.000 Kilometer entfernten Washington DC mit dieser Philosophie nicht weit kommt.

Die Beziehung zu Hawaii ist immer noch eng. Die Obamas verbringen, wenn möglich, jedes Jahr ihren Weihnachtsurlaub auf der Insel, und kurz vor der Präsidentschaftswahl besuchte Barack Obama noch einmal seine schwerkranke Großmutter - um sich zu verabschieden. Die Wahl ihres Enkels zum Präsidenten der Vereinigten Staaten hat Madelyn Dunham nicht mehr erlebt, sie starb einen Tag vor der Wahl. Verluste zu erleben, gehört auch zur Kultur Hawaiis, berichtet Arnie Saiki. so viel würde sich ständig ändern: Entwicklung, Kultur, Menschen  - "Das Gefühl des Verlustes ist so unglaublich tiefgreifend hier, dass die Menschen hier sehr besorgt sind", sagt er, und fährt fort: "Denn immer wenn man über die eigene Kultur, die eigene Identität nachdenkt, dann verschwindet sie schnell."

Die "Aloha-Mentalität"

Hochhaus in dem Barack Obama bei seinen Großeltern gewohnt hat *** alle Fotos von Christina Bergmann, DW Hawaii, November 2011

Punahou Ecke South Beretania Street steht das Hochhaus, in dem Barack Obama bei seinen Großeltern gewohnt hat

"Die Hawaiianer haben eine umfangreiche Phase der Selbstfindung durchlaufen und eine Identitätssuche", erzählt DeSoto Bown. Von 1900 bis in die 1960er Jahre hätten sich die meisten Hawaiianer zuerst als Amerikaner, die zufällig Hawaiianischen Ursprungs sind, gesehen. "Aber seit den 70er, 80er Jahren sehen sie sich zunehmend zuerst als Hawaiianer, die auch Amerikaner sind." Und manche sind der Ansicht, dass der Anschluss an die USA gegen den Willen der Einwohner stattgefunden hat.

"Wir sind das Festland", sagt denn auch Senator Brickwood Galuteria im Wahlkampfbüro für Obama in Honolulu, "und wir sind uns der schmerzvollen Geschichte sehr bewusst." Auf Obama sei man sehr stolz, er sei ein "local boy", strahlt Galuteria. Er hofft, dass einmal die traditionelle Bücherei, die nach der Amtszeit eines Präsidenten eingerichtet wird, nach Hawaii kommt - oder zumindest ein Teil davon. Doch es gibt einen starken Konkurrenten: Chicago. Die Metropole im US-Bundesstaat Illinois, wo Obama seine politische Karriere begann - und der sich Obama mindestens so verbunden fühlt wie Hawaii. Er hat früh gelernt, sich anzupassen.

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