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Deutschland

Post für Angela Merkel

Angela Merkel lehnt einen EU-Beitritt der Türkei kategorisch ab, sie will eine "privilegierte Partnerschaft". Das reicht nicht, sagt Baha Güngör in einem fiktiven Brief an die Kanzlerkandidatin.

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Sehr geehrte Frau Dr. Angela Merkel,

sechs Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat Deutschland mit Ihnen erstmals die Chance auf eine Frau als Regierungschefin. Sie werden aller Voraussicht nach nicht nur Deutschland mindestens vier Jahre regieren, sondern auch Europas Zukunft entscheidend mitgestalten.

Nach 45 Jahren in Deutschland und mit den Deutschen wünsche ich mir ein Europa, das Menschen unabhängig von ihren nationalen, kulturellen und religiösen Ursprüngen zueinander führt, das weltpolitisch entscheidend dazu beiträgt, Kriege zu verhindern, Krisen vorzubeugen, Leiden zu minimieren, Wohlstand zu vermehren. Dazu gehört die Ermöglichung einer Begegnung von Kulturen und Religionen als Gegengift gegen den Frontalzusammenstoß zwischen Kulturen und Religionen.

Ängste müssen abgebaut werden

Kein anderes Land als die Türkei mit einer aufrichtigen europäischen Perspektive bietet sich als Prüfstein und Chance für Europa, wenn aus Visionen Wirklichkeit werden soll. Das Land beweist, dass islamische Religion bei zeitgenössischer Auslegung und Demokratie koexistieren können.

Die Deutschen fürchten sich vor der Freizügigkeit, vor "Türkenfluten", vor einem Verlust von Arbeitsplätzen. Gewarnt wird vor einem Abfluss der Gelder in die türkischen Töpfe aus den Töpfen für Aufbau Ost, vor einem Scheitern der angestrebten politischen Union, vor einer Gefährdung der christlich-jüdischen Wurzeln Europas – um nur einige Glieder der Kette der nachvollziehbaren, aber bei richtiger Analyse abbaubaren Ängste vor einem Beitritt der Türkei zur EU zu nennen.

Die Türkei, die weder Almosen - wie einst Deutschland die Rosinenbomber - noch Lehrmeister - wie die einstigen Siegermächte - braucht, ist ein Staat, der in seinen heute noch bestehenden und international unumstrittenen Grenzen 1923 gegründet worden ist. Damit begann ihre Existenz aus dem Schutthaufen des Osmanischen Imperiums zehn Jahre vor der Machtergreifung Hitlers und 15 Jahre vor der Reichskristallnacht und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

Klare Hinwendung an Europa

Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk hatte das Ziel vorgegeben, die Türkei auf das Niveau zeitgenössischer Zivilisationen zu heben. Um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wurden das Kalifat mit dem Schutt des Osmanischen Reichs entsorgt, das lateinische Alphabet eingeführt, Türkinnen mit dem aktiven und passiven Wahlrecht ausgestattet und der Laizismus verankert. 1949 - noch in seinem Gründungsjahr - trat die Türkei zum Europarat bei, gründete die OECD mit und wurde 1952 NATO-Mitglied.

Was die Türkei braucht, sind Ehrlichkeit und das Rückgrat derjenigen Verantwortlichen von heute, deren Vorgänger vor allem seit der Unterzeichnung des Assoziationsabkommens von 1963 bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion mit ihren Satelliten der Türkei zugesichert hatten, dass sie unter Erfüllung von bestimmten Bedingungen in die Wertefamilie Europas aufgenommen wird. Die Türkei hat weiterhin gemeinsame Ziele mit Europa, nämlich die Überbrückung von Gräben zwischen Kulturen und Religionen, zwischen Völkern und politischen Systemen.

Die Türkei und ihre Menschen, deren Vorfahren 1492 Spaniens Juden vor der Inquisition gerettet und während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft Menschen aus Deutschland unabhängig von ihrem Glauben oder ihrem Status Zuflucht geboten haben, gehören zu Europa. Diese Aussage, die Adenauer, Hallstein, von Weizsäcker, Kohl oder Jenninger gemacht haben, überwiegt alle Argumente gegen eine weitere Anbindung der Türkei an Werte und Ziele Europas. Wenn Deutschland und Europa heute mehr Gewicht in der Weltpolitik spielen und mehr Verantwortung als "global player" übernehmen wollen, ist die Türkei ein Prüfstein.

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