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Kultur

Portugals melancholische Botschafter

Zeitgleich zur Fußball-EM bringt die Band Madredeus ein neues Album heraus. Die wehmütigen Klänge könnten den Soundtrack zur verblassenden Größe von Portugals Kickern der "Goldenen Generation" liefern.

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Madredeus: Wehmut mit Zuckerguss

Madredeus sind die kulturellen Botschafter des kleinen Landes am Rande Europas. Das Quintett aus Portugal hat sich in den vergangenen 20 Jahren vom regionalen Act zum globalen Exportschlager gemausert. Ihre Musik verbindet Elemente portugiesischer Folklore mit klassischen Arrangements in modernem Gewand. Drei Gitarren zupfen über sphärischen Synthesizer-Klängen, ganz oben schwebt die süße Stimme der schönen Frontfrau Teresa Salgueiro. Der sakrale Charakter der Musik ist bestimmt nicht ganz unschuldig am Kult-Status der Band im katholischen Portugal. Aber Ausschlag gebend ist etwas anderes.

Das Land der Melancholie

Madredeus: Um Amor Infinito

"Um Amor Infinito": "unendliche Liebe" auch bei EM-Niederlage?

Wie wenige andere Musiker verstehen es Madredeus, das Klischee der portugiesischen "Saudade", der wehmütigen Sehnsucht, zu bedienen, ohne dabei platt zu wirken. Dieser Seelenzustand Portugals zwischen Trauer über die verlorene imperiale Größe und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft hat auch schon den Fado inspiriert. Doch den "portugiesischen Blues" findet man nur noch selten in seiner authentischen Form. Wer sich nicht mit verkitschtem Touristen-Fado begnügen will, muss lange nach einer Bar suchen, in der die Eingeborenen ihre bitterschönen Lieder anstimmen. Und auch Madredeus möchten nicht mit dieser Art Volksmusik in Verbindung gebracht werden. Als sich die Gruppe Mitte der 1980er-Jahre formierte, galt der Fado als reaktionäres Überbleibsel des untergegangenen Militärregimes unter Oliveira Salazar. Und dennoch war es der Fado, der die Band zusammenbrachte.

Die Mutter Gottes startet durch

Der Gitarrist Pedro Ayres Magalhães suchte damals mit seinen Mitstreitern eine Frau, die "Saudade" in der Stimme hatte. Als er zufällig in einem kleinen Lokal in Lissabon einkehrte, traute er seinen Ohren nicht: Die 17jährige Teresa gab dort mit ihrer entrückten Stimme ein Lied zum Besten - einen Fado. Der Rest der Geschichte ist Legende: Um dem Lärm der Straßenbahnen zu entkommen, finden die ersten Proben nachts statt - im Kloster São Francisco im namensgebenden Stadtteil Madre de Deus - "die Mutter Gottes". Die Aufnahmen zum Debüt "Os Dias da Madredeus" bestreitet die Gruppe barfuss. Kein Nebengeräusch sollte die märchenhafte Atmosphäre der Musik beeinträchtigen. Die ersten Alben schlagen sofort hoch oben in den lokalen Charts ein. In den 1990er-Jahren folgen Marathontourneen quer über den Globus. 1994 setzt der Deutsche Regisseur Wim Wenders den Portugiesen im Road-Movie "Lisbon Story" ein Denkmal. Die Besetzung wechselt öfters, der Erfolg bleibt bestehen. Vor zwei Jahren erscheint die Remix-Compilation "Electronico", auf dem sich ein Dutzend europäischer DJs den Werken von Madredeus angenommen hat.

Eine unendliche Liebe

Mit ihrem aktuellen Album "Um Amor Infinito" erfindet sich das Quintett nicht gerade neu. Ernst und weihevoll geht es auch in den 13 neuen Stücken zu. Wen mangelnde Selbstironie und esoterischer Firlefanz nicht stören, kann sich aber durchaus auf atmosphärischen Hörgenuss freuen.

Bleibt die Frage, ob das neue Werk die traurige Kulisse zum endgültigen Scheitern von Portugals "Goldener Generation" bei der Euro 2004 bildet. Die Rede von der letzten Gelegenheit der alternden Fußballstars um Luis Figo, ein wichtiges Turnier zu gewinnen, schlägt den Portugiesen schon wieder schwer aufs Gemüt. Aber wer weiß, vielleicht haben ja am Ende doch ganz andere den Blues - dann, wenn die eigene Mannschaft ausscheidet. Mit Melancholie können sicherlich nicht nur Portugiesen etwas anfangen.

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