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Europa

Portugals Ausbildungs- und Wirtschaftskrise

Portugal gehört zu den ärmsten Länder Westeuropas. Eine Ursache: Versäumnisse in der Ausbildung. Viele Portugiesen haben nicht einmal einen Schulabschluss. Aber auch Absolventen haben Probleme.

Ana Dias und Ruth Cardozo kennen sich seit ihrer Kindheit. Heute arbeiten beide in einem Schuhgeschäft in Lissabon, die eine mit Ausbildung, die andere ohne. "Ach, ich weiß nicht, ich glaube, ich habe die Schule geschmissen, weil ich mein eigenes Geld verdienen und nicht mehr meine Eltern fragen wollte", sagt Cardozo im Interview mit der Deutschen Welle. "Einen Freund suchen, ein Haus kaufen und so was halt."

Ihre Freundin Ana hingegen ist ausgebildete Krankenschwester, findet aber keine geeignete Stelle. "Ich habe Jahre lang für meine Ausbildung gezahlt, und jetzt stehe ich hier und niemand will mich", sagt Dias. Jetzt verkauft sie Schuhe.

Erbe der Militärdiktatur

Spätestens seit klar wurde, dass Portugal ein internationales Rettungspaket braucht, steht das Land unter Druck - die Wirtschaft muss wachsen, damit es seine Schulden begleichen kann. Doch gerade mal jeder dritte Portugiese über 30 Jahre hat einen Schulabschluss. In Deutschland sind es 85 Prozent.

Eine stumzerzauste und kaputte Flagge der Republik Portugal (Foto: Bert Breitenbach)

Auch die Zeiten als erfolgreicher Textilproduzent sind vorüber

Die Ursachen für die heutige Misere liegen lange zurück: Die portugiesische Militärdiktatur der 1970er Jahre legte wenig Wert auf schulische Ausbildung, viele junge Menschen arbeiteten in der Land- oder Textilwirtschaft. "Sie wurden von ihren Eltern gezwungen, auf dem Feld oder in Schuhfabriken zu arbeiten", erinnert sich im Gespräch mit der DW Luis Pais Antunes, ein ehemaliger Abgeordneter, der in dieser Zeit aufwuchs. "Heute zahlen wir immer noch für diese historisch bedingten Begebenheiten."

Textilindustrie, Landwirtschaft oder Weinanbau - wer in den traditionellen portugiesischen Wirtschaftszweigen arbeiten will, braucht bis heute keine spezielle Ausbildung. In anderen Sparten hat Portugal den Anschluss an andere Länder verloren. "In den meisten Ländern Europas war der Übergang von einer landwirtschaftlich geprägten zu einer industriellen Wirtschaft in den Sechziger- und Siebzigerjahren abgeschlossen", so der Historiker Pedro Lains. Und ergänzt, dass dies in Portugal erst Ende des Jahrtausends der Fall war.

Die Krise verstärkt das Problem

Seitdem sind die Ausbildungsansprüche zwar gewachsen und mehr junge Leute haben einen Schulabschluss erlangt. Aber die Wirtschaftskrise sorgt dafür, dass es kaum offene Stellen für sie gibt. "In den vergangenen 20 bis 30 Jahren hat sich die Ausbildungssituation zwar rapide verbessert, aber die Nachfrage richtet sich natürlich nach der Wirtschaftskraft", so Lains. "Und die ist in den letzten 15 Jahren nur sehr langsam gewachsen. In den letzten zwei Jahren ist sie sogar stark gesunken." Die aktuelle Schieflage sei deshalb wenig verwunderlich.

Hinzu kommt, dass in asiatischen Ländern heute preiswerter Textilien hergestellt werden - und Portugals traditionelle Textilindustrie auf dem Weltmarkt auch hier den Anschluss verliert. Neue Hoffnungen ruhen deshalb nun auf erneuerbaren Energien und Hochtechnologien. Dabei gilt es, sowohl ältere, zum Teil schlechter ausgebildete Portugiesen zu beschäftigen als auch jüngere, oft überqualifizierte Jobsuchende. Andere gut Ausgebildete müssen ihr Glück im Ausland suchen.

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