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Wirtschaft

Portugal: Tourismus oder Öl?

In diesem Jahr wird die Zahl der Portugal-Urlauber weiter wachsen - trotz Brexit-Votum in Großbritannien. Doch im Süden wird vor der Küste nach Öl gebohrt. Wie lange geht das gut?

Schon das erste Quartal ließ erahnen, dass 2016 noch mehr Feriengäste ins Land bringen wird als das sehr gute 2015. Am meisten profitierte davon das Sonnenziel Algarve mit seinen bizarren Felsen und breiten Stränden.

Die Tourismus-Staatsekretärin Ana Mendes Godinho berichtete, dass in den ersten vier Monaten des Jahres bereits 20 Prozent mehr Übernachtungen an der Algarve registriert worden seien als im Vorjahreszeitraum. Und für die Sommermonate liegt die Zahl aller Buchungen schon jetzt um die Hälfte höher als 2015, so der Algarve-Tourismusverbands RTA.

Große europäische Reiseveranstalter hätten ihre Reservierungen in anderen Urlaubsregionen storniert und setzten jetzt auf "sichere Destinationen" in der EU, so die Algarve-Touristiker. Von der deutlichen Zurückhaltung gegenüber den Urlaubszielen Türkei und Nordafrika profitiere neben der sonnenverwöhnten Algarve und Madeira auch ganz Spanien, hier vor allem die kanarischen Inseln, sagen die Branchenexperten.

Brexit-Sorgen

Das britische Votum zum Ausstieg aus der Europäischen Union bereitet Tourismus-Managern dagegen Sorgen, machen doch Urlauber aus dem Vereinigten Königreich den Hauptanteil unter den Algarve-Touristen aus. Laut Hotellerie-Verband der Algarve (AHETA) sind es mit mehr als 1,8 Millionen Passagieren 54 Prozent der Menschen, die mit dem Flugzeug auf dem Airport Faro ankommen.

Die britischen Touristen blieben zudem mit durchschnittlich sechs Übernachtungen einen Tag länger an der Algarve als alle anderen und stellten allein 60 Prozent der Golfspieler, so der Verband. In diesem Jahr wächst die britische Nachfrage zunächst noch einmal - bisher verzeichnete sie nach AHETA-Berechnungen ein Plus von 19 Prozent.

Portugal Algarve Golf

Brexit-Sorgen: Sechs von zehn Golfern in der Algarve sind Briten

Mehr Besucher

Der Flughafen Faro, der für 2015 ein um gut vier Prozent auf 6,4 Millionen Passagiere erhöhtes Passagieraufkommen meldete, kann im Sommerflugplan neben den neuen Verbindungen nach Nürnberg, Wien und Doncaster (Großbritannien) vor allem den französischen Markt zusätzlich bedienen: Die sechs neuen Ziele sind Paris Charles de Gaulle, Lyon, Toulouse, Bordeaux, Nantes und Marseille. Das erhöht das Sitzplatzangebot im Verkehr zwischen Frankreich und der Algarve um 129 Prozent.

Insgesamt wird auf allen Faro-Flügen in diesem Jahr eine Zusatzkapazität von 1,2 Millionen Sitzen angeboten, so Flughafendirektor Alberto Mota Borges. Nach seinen Angaben wird der Linienverkehr um 19 Prozent, der Charterverkehr um 29 Prozent wachsen.

Auch das Interesse der Schweizer und Österreicher an einem Portugal-Urlaub nimmt zu: "Wir verzeichnen 50 Prozent mehr Buchungen als im Vorjahr", bestätigt zum Beispiel der Schweizer Reisevermittler Stephan Rohrer von der Agentur "Portugal Service". Und Österreichs zweitgrößte Fluggesellschaft NIKI reagierte auf die Nachfragesteigerung mit zwei wöchentlichen Faro-Flügen von der Hauptstadt Wien aus.

Geringere Mehrwertsteuer

Freude in der Hotellerie und Gastronomie Portugals hat eine Entscheidung der Regierung in Lissabon ausgelöst: Ab 1. Juli sinkt die Mehrwertsteuer (IVA) auf Speisen und Getränke in Restaurants von 23 auf 13 Prozent. Alkoholische Getränke, Limonaden, Säfte und Mineralwasser mit Kohlensäure sind allerdings ausgenommen.

Der Hotellerieverband AHETA hofft auf sprudelnde Einnahmen in der Hochsaison. Kritik üben die Touristiker daran, dass die für die Algarve so wichtigen Golfer nicht von der Steuersenkung profitieren. Nach AHETA-Angaben spielen sie allein mit ihren Gebühren auf den mehr als 30 Plätzen rund 75 Millionen Euro ein.

Portugal Algarve Sagres

Wenn hier nach Öl gebohrt wird, bleiben die Touristen aus, so die Befürchtung

Furcht vor einer "Ölgarve"

Für Unruhe sorgt die geplante Ölförderung: Im Juli, wenn die Hochsaison auf Touren kommt, sollen sich weit vor der Westküste - außerhalb der Sichtweite der Strandurlauber - erstmals Bohrer auf einem Schiff drehen, um in mehreren Hundert Metern Tiefe nach Ölvorkommen zu suchen. Und unmittelbar nach der Saison, im Oktober, sollen Probebohrungen 35 Kilometer vor Portugals Südküste starten.

Dahinter stehen die beiden Energie-Konsortien ENI/Galp und Repsol/Partex. Das um seine Finanzen besorgte EU-Land will mit deren Unterstützung Chancen ausloten, weniger abhängig von Energieeinfuhren zu werden.

Eine breite Allianz aus den Bürgermeistern der 16 größten Algarve-Kommunen, aus Wirtschaftsverbänden, Umweltgruppen und Wissenschaftlern protestiert bereits gegen die Pläne, die auch Erkundung an Land vorsehen - durch das relativ junge Unternehmen Portfuel. Sie verweisen auf Risiken für Tourismus, Fischerei und Natur, wenn es zur Erkundung und Ausbeutung von Schieferöl und -gas kommt.

"Unkalkulierbares Risiko"

Die vom Tourismus lebende Region werde dann "einen hohen Preis zahlen", befürchtet Vitor Neto, Präsident des Unternehmerverbands der Algarve (NERA). "38 Prozent der ausländischen Übernachtungen in Portugal entfallen allein auf die Algarve. Das geplante Projekt wäre ein unkalkulierbares Risiko für uns hier", betont er bei einer Veranstaltung an der Universität in Faro.

Bedroht sei vor allem der Natur-Tourismus im Hinterland der Felsküste, sagt Marta Cabral von "Rota Vicentina", der Organisation hinter einem vielfach ausgezeichneten Wanderweg an der Westalgarve. "Öl- und Gas-Förderung würde besonders unsere Glaubwürdigkeit als führende Destination für Wanderer vermindern."

In dem 75 Hektar großen Schutzgebiet wären nach ihren Angaben rund 150 Tourismus-Anbieter und 24 Reise-Agenturen von einer Entwicklung betroffen, die Aktivisten auf Plakaten bereits "Ölgarve" nennen.

Antonio Sa Costa vom Solarenergie-Verband APREN bezweifelt schlicht die Notwendigkeit der Regierungspläne. "Bereits 2040 wird Portugal seinen Bedarf vollständig aus erneuerbaren Energien decken können", verweist er auf Prognosen.

Wie zum Beweis konnte Portugal gerade innerhalb von vier aufeinanderfolgenden Tagen seinen kompletten Strombedarf ausschließlich aus regenerativen Quellen decken. Im gesamten Jahr 2015 hatte der Anteil der "sauberen" Energien schon bei 50 Prozent gelegen.