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Europa

Portugal kämpft gegen die Armut

Portugal muss sparen, um sein Haushaltsdefizit auszugleichen. Die Einsparungen treffen nicht nur die sozial Schwachen, sondern auch die Mittelschicht. Für viele ist die Nahrungsmittelbank die letzte Zuflucht.

Lager der Nahrungsmittelbank gegen den Hunger in Lissabon (Foto: DW)

Speicher gegen den Hunger - das Lager der Nahrungsmittelbank

Im Lager der Lissabonner Nahrungsmittelbank gegen den Hunger herrscht Hochbetrieb: Drinnen stapeln freiwillige Helfer Paletten mit Reis, Nudeln und Konserven - Handkarren rattern. Draußen auf der Rampe werden Kleinlastwagen und Autos beladen. Über alles wird akribisch Buch geführt: zwei Kisten Reis und Kartoffeln für das Rote Kreuz, Thunfischdosen und Gemüse für die Caritas.

Helfer verladen Essensspenden im Lager der Nahrungsmittelbank in Lissabon (Foto: DW)

Alle Hände voll zu tun - es gibt viel Essen zu verladen

Die Nahrungsmittelbank ist keine gewöhnliche Bank. Statt Geld zu verleihen, verteile sie Essen, erklärt Isabel Jonet, die Gründerin und Direktorin. Die Lebensmittelbank sammele überschüssige Produkte aus der Nahrungsmittelindustrie, der Landwirtschaft und von Märkten, die ansonsten aus kommerziellen Gründen vernichtet würden. "Diese Lebensmittel geben wir allerdings nicht direkt an Bedürftige weiter, sondern an Organisationen, die vor Ort arbeiten und helfen", sagt Jonet.

Das Armenhaus Europas

Konserven, deren Verfallsdatum näher rückt, Kartoffelchips, die jetzt in einer anderen Verpackung verkauft werden, Salat, der auf dem Markt keine Käufer gefunden hat - all das landet zuerst in der Lebensmittelbank und dann bei diversen Wohlfahrtsverbänden. Seit die Folgen der Finanzkrise in Portugal immer schlimmer werden, kommen die Freiwilligen der Lebensmittelbank mit dem Verladen fast nicht mehr nach. Immer mehr Menschen hungern, versichert Isabel Jonet. "Inzwischen gibt es schon 18 Lebensmittelbanken in Portugal, die 1830 Organisationen beliefern. Diese Organisationen sorgen ihrerseits dafür, dass 280.000 Personen wenigstens eine warme Mahlzeit am Tag bekommen."

Isabel Jonet, Gründerin und Leiterin der Nahrungsmittelbank in Lissabon (Foto: DW)

Kämpft gegen den Hunger: Isabel Jonet

Die Lage in Portugal wird für viele immer prekärer: Rund eine Million portugiesische Rentner müssen mit weniger als 300 Euro im Monat überleben, die Durchschnittslöhne liegen bei 800 Euro. Die Arbeitslosenzahlen schießen in die Höhe. Und weil Portugal sparen muss, werden die sowieso schon spärlichen Sozialleistungen massiv abgebaut. Der Soziologe José Maria Castro Caldas entwirft ein Horrorszenarium: "Die Kosten der Krise sind sehr ungleich verteilt und treffen vor allem die Arbeitslosen. Das sind mindestens zehn Prozent der Bevölkerung. Und wenn jetzt das Arbeitslosengeld gekürzt wird, haben rund 600.000 Portugiesen so gut wie keine soziale Absicherung mehr."

Die Mittelschicht ist auch betroffen

Damit nicht genug: Steuererhöhungen und Arbeitslosigkeit treffen auch die portugiesische Mittelschicht hart. Immer mehr Studienräte, Banker und Rechtsanwälte rutschen ohne eigenes Verschulden unter die Armutsgrenze, meint die Nahrungsmittelbankdirektorin Isabel Jonet. "Viele Angehörige der Mittelschicht haben ihre Arbeitsplätze verloren und sind so in eine verzweifelte Lage geraten. Sie sehen auch keine Chance, einen anderen Job zu finden", sagt Jonet. Lehrer, Ärzte, selbst Hochschuldozenten hätten finanzielle Schwierigkeiten und würden die Nahrungsmittelbank um Hilfe bitten.

Auf absehbare Zeit wird sich die Lage in Portugal noch verschlimmern, darüber sind sich Wirtschaftsfachleute und Politiker einig. Darum wandern immer mehr Portugiesen aus - wie in den 1960er Jahren. Genaue Zahlen gibt es nicht. Doch dieses Mal sind es vor allem junge Menschen, die in ihrer Heimat keine Arbeit finden und darum ins Ausland gehen. Auch Margarida Paes, verheiratet, Mitte 20, denkt ernsthaft darüber nach. "Wenn ich oder mein Mann ein gutes Angebot bekämen, dann würden wir sicherlich weggehen."

Harte Zeiten

Die Portugiesin Margarida Paes (Foto: DW)

Margarita Paes lebt am unteren finanziellen Limit

Margarida arbeitet als Freiberuflerin für 500 Euro im Monat in einem Anwaltsbüro - ohne Sozial- und Rentenversicherung. Ihr Mann verdient knapp 1000 Euro. Da ist es schwer, mit zwei Kindern über die Runden zu kommen. Wenn das Einkommen nicht reicht, bleibt nur die Hilfe der Familie. Auch das Kindergeld ist dem Rotstift des Finanzministers zum Opfer gefallen. Und weil der - wie die EU es von Portugal immer wieder fordert - noch mehr sparen muss, geht Portugal noch härteren Zeiten entgegen.

Autor: Jochen Faget
Redaktion: Matthias von Hein/Nicole Scherschun

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