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Wirtschaft

Portugal: Designerschuhe statt Billiglatschen

Die Schuhindustrie Portugals hat sich neu erfunden. Um gegen die Konkurrenz aus Billigländern zu bestehen, werden im Land jetzt teure Modeschuhe genäht. Ergebnis: Der Export brummt. Aus Guimarães Jochen Faget.

Designer Luis Onofre Schuh Damenschuh (picture alliance/dpa/E.Silva)

Ein Schuh des Designers Luís Onofre

Fortunato Frederico stürmt voller Energie durch seine Fabrik bei der Stadt Guimarães, eine der modernsten des Landes. Er begrüßt immer wieder Arbeiterinnen mit Handschlag, fragt, wie es ihnen geht. Viele seiner mehr als 600 Mitarbeiter kennt Frederico beim Namen. Dem 75-jährigen Unternehmer ist anzusehen, dass ihm nicht nur die Schuhe, die hier produziert werden, am Herzen liegen. Er sorgt sich auch um das Wohl seiner Mitarbeiter. "Als ich noch Vorsitzender des Schuhindustrieverbands war, habe ich durchgesetzt, dass Männer und Frauen den gleichen Lohn verdienen", erinnert sich der Industrielle und lächelt. Das habe damals, vor rund 20 Jahren, viel böses Blut bei den Kollegen verursacht. Im Nachhinein habe sich jedoch gezeigt, dass er recht hatte.

Schuhfabrikant Fortunato Frederico (DW/J. Faget)

Fortunato Frederico glaubt an "made in Portugal"

Der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Ex-Seminarschüler Frederico gründete vor mehr als 30 Jahren seine Schuhfabrik und setzte von Anfang an auf Qualität. Die portugiesische Schuhindustrie steckte damals in ihrer schwersten Krise, wurde von vielen schon totgesagt. Billigländer wie China und Bangladesch drängten massiv auf den Weltmarkt, mit denen konnten die Billigprodukte aus Portugal nicht konkurrieren. Obendrein war die Industrie ins Gerede gekommen - wegen Kinderarbeit, schlechten Produktionsbedingungen, Arbeiterausbeutung. Fortunato erkannte die Zeichen der Zeit, wollte weg vom billigen Ramsch. Hin zu modischen Qualitätsschuhen mit gutem Design, hin zu teuren Schuhen "made in Portugal". Und er hat es geschafft.

Exportschlager Schuhe

Das kleine Portugal liegt bei der weltweiten Produktion zwar nur auf dem 17. Platz. Die dort produzierten Schuhe jedoch sind mit einem Exportpreis von 22 Euro die zweitteuersten der Welt. Nur italienische Schuhe sind mit 41 Euro teurer, der Weltdurchschnitt liegt bei rund acht Euro. 82 Millionen exportierte Paar Schuhe brachten dem Land im vergangenen Jahr Einnahmen von mehr als zwei Milliarden Euro. Der Industriebereich beschäftigt einschließlich der Zulieferer mehr als 45.000 Menschen, alle Indikatoren zeigen nach oben. Portugals Schuhindustrie, fast ausschließlich im Norden des Landes angesiedelt, ist eine einzige Erfolgsgeschichte.

Luis Onofre (DW/J. Faget)

Luís Onofre: "Qualität bestimmt den Preis"

"Die erste von mir entworfene Kollektion Schuhe war luxuriös, edelsteinbesetzt und teuer. Da sagte mein Vater, ebenfalls Schuhproduzent, davon wirst du nichts verkaufen", erzählt Luís Onofre aus Oliveira de Azeméis. Das Gegenteil sei der Fall gewesen. Inzwischen hat das Unternehmen sich ganz oben etabliert - mit eigenen Läden in den schicken Einkaufszonen von Lissabon und Porto und einem Exportanteil von über 90 Prozent. Onofre produziert Luxusschuhe, die im Laden gut und gerne 400 Euro kosten. Modernes Design und hohe Qualität seien das Geschäftsgeheimnis; ebenso die Nähe zu den europäischen Märkten, die eine schnelle Reaktion auf den wechselnden Geschmack der Konsumenten ermöglichen. Eine eigene Marke auf dem Weltmarkt zu etablieren sei zwar teuer, erklärt Unternehmer Onofre, vor allem das Marketing. Unter dem Strich gehe die Rechnung für ihn jedoch auf, weil Qualität und Preis stimmten.

Qualität statt Ramsch

"Die portugiesische Schuhindustrie hat sich in den letzten Jahren stark verändert", weiß Leandro Melo, Direktor des portugiesischen Schuh-Technologiezentrums CTCP. Mit Millioneninvestitionen sei die Produktion modernisiert und extrem flexibel geworden. Anders als die großen Billigproduzenten in Asien könne sie sogar während der Produktion auf Änderungswünsche eingehen und gleichzeitig verschiedene, komplexe Schuhmodelle herstellen. Das Zentrum - es wird vom Schuhindustrieverband betrieben - hilft den Unternehmen beim Know-how, zertifiziert und kontrolliert die Qualität.

Leandro Melo (DW/J. Faget)

Leandro Malo: "Industrie hat sich starkt verändert"

Vor allem die Anpassungsfähigkeit der Industrie - so Direktor Melo - sei für Portugals "Schuhwunder" verantwortlich. Sie habe das Land wieder für internationale Marken attraktiv gemacht, die in Portugal produzieren lassen. Gut zwei Drittel der Gesamtproduktion laufe zwar unter der Bezeichnung "Private Label" - das sind relativ teure Schuhe anderer, auch vieler deutscher Marken, die in Portugal hergestellt werden. "Aber immerhin rund zehn Prozent der Unternehmen haben inzwischen eigene Marken auf den Markt gebracht."

Auch dabei war Fortunato Frederico, der umtriebige Schuhfabrikant aus Guimarães, Trendsetter: Bereits 1994 gründete er die mittlerweile weltweit bekannte Marke "Fly London", verkauft jetzt fast alle seine Schuhe mit eigenen Labels. Auf den Lorbeeren ausruhen will er sich allerdings nicht: Frederico setzt verstärkt auf den Internethandel, sein Traum: Individuell hergestellte Schuhe, die an einem Tag bestellt und am nächsten Tag ausgeliefert werden. "Wir müssen den Wert unserer Produkte ständig erhöhen", sagt der Industrielle. So könne auch das letzte Problem der portugiesischen Schuhindustrie gelöst werden - die niedrigen Löhne. Die liegen noch immer am unteren Ende, um die 650 Euro - der staatlich garantierte Mindestlohn. Das müsse sich ändern, findet Frederico - auch wenn ihm da wohl wieder einmal viele seiner Kollegen nicht unbedingt zustimmen.

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