1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Popsänger Xavier Naidoo polarisiert mit neuem Lied

In Xavier Naidoos Song "Marionetten" geht es um Politikerschelte. Doch die Wortwahl ist radikal. Kritiker werfen Naidoo vor, er rufe in seinem Lied zu Gewalt auf.

Konzert Söhne Mannheims (picture-alliance/dpa)

Seit 1995 gibt es das Musiker-Kollektiv "Söhne Mannheims". Naidoo (links im Bild) ist von Anfang an dabei

Es sieht so aus, als hätte die rechte Szene eine neue Hymne. Denn das Lied "Marionetten", geschrieben von Xavier Naidoo für das Musiker-Kollektiv "Söhne Mannheims", wird von Reichsbürgern, Identitären und anderen braunen Gruppierungen begeistert gefeiert und auf den Szene-Seiten im Netz geteilt. Alle anderen zeigen sich entsetzt, nennen ihn einen "Hassprediger", "Prophet des rechten Glaubens" oder fordern - wie der Mannheimer Ableger der Partei Bündnis 90/Die Grünen - direkt ein Auftrittsverbot.

In der Tat: Die Wortwahl im neuen Song lässt in Zeiten des erstarkten Rechtspopulismus kaum Interpretationsspielraum. In Textzeilen wie "Teile eures Volkes nennt man schon Hoch- beziehungsweise Volksverräter" fühlen sich Rechtsradikale direkt zu Hause und wenn es darum geht, "euch aufs Dach zu steigen und Radiowellen zu verändern", glaubt man sofort zwischen den Zeilen zu lesen: Hier planen die Gegner der "Lügenpresse" Großes.

Symbolbild Reichsbürger (picture-alliance/dpa)

Solche "Fans" wollte Naidoo vor 15 Jahren noch nicht haben. Damals rockte er auch mit Udo Lindenberg gegen Rechts

Sätze wie "Sonst sorgt der Bauer mit der Forke dafür, dass ihr einsichtig seid" oder "Wenn ich so einen in die Finger bekomme, dann reiß ich ihn in Fetzen" riechen nach Gewaltaufruf.

Dass Naidoo in seinen Texten nicht nur göttliche Botschaften, sondern auch gefährliches Gedankengut kundtut, haben in der Vergangenheit bereits andere Lieder gezeigt. In vielen seiner Texte zeigen sich - mal mehr, mal weniger deutlich - Homophobie, Verschwörungstheorien, Antisemitismus und Antiamerikanismus. In "Raus aus dem Reichstag" verunglimpft er jüdische Bankiers, im Duett mit dem Rapper Kool Savas setzt er Homosexualität mit Pädophilie gleich. Auch der Satz "Muslime tragen den neuen Judenstern, alles Terroristen, wir haben sie nicht mehr gern" in dem Lied "Nie wieder Krieg" löste großes Entsetzen aus.

Ein Freund der rechten Szene?

Eine Verbindung zu den sogenannten Reichsbürgern, die unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen, sagt man Xavier Naidoo schon länger nach. Seine Musik wird von ihnen und anderen rechtsgerichteten Gruppen gerne gehört. Naidoo wehrt sich nicht gegen solche "Fans".

Symbolbild Sommermärchen (picture-alliance/dpa)

Naidoos Song "Dieser Weg (wird kein leichter sein)" und der Jubel der Fußballfans begleiteten die WM 2006

Er lässt es auch zu, dass die rechtsextreme NPD ihn für seine "systemkritischen" Äußerungen und "unbequemen Wahrheiten" auf ihrer Webseite in den Himmel lobt.

Aber wie passt dies zu einem Soulsänger mit indischen und afrikanischen Wurzeln, in dessen Texten es auch um Glauben, Licht, Nächstenliebe und Leben geht? Wie passt das zu jemandem, der mit der mutmachenden Hymne "Dieser Weg" für den Soundtrack des deutschen Fußball-Sommermärchens 2006 gesorgt hat? Wie passt es zu jemandem, der früher bei "Rock gegen Rechts" aufgetreten ist? Zu einem, der für Gänsehautmomente in den Musikshows "The Voice of Germany" oder "Sing meinen Song" gesorgt und mit hochgradig kritischen Menschen wie dem Kölner Musiker Wolfgang Niedecken zusammen gearbeitet hat?

Rechtsradikaler oder nur ein "Spinner"?

Ob es passt oder nicht: Xavier Naidoo steht zu seinen Ansichten. So glaubt er - wie die "Reichsbürger" - fest daran, dass Deutschland immer noch besetzt sei, keine gültige Verfassung habe und dass immer noch die Gesetze des Dritten Reichs gelten. Sowas sagt er öffentlich, in Fernseh- und Zeitungsinterviews. Mit ähnlichen Worten ist er am 3. Oktober 2014 in Berlin vor den sogenannten Reichsbürgern aufgetreten - und wiederholte auch nochmal seine Sicht auf die Anschläge des 11. September 2001 in den USA: "Wer die Berichterstattung (...) als Wahrheit hingenommen hat, der hat einen Schleier vor den Augen". In Wirklichkeit sei die Zerstörung des World Trade Centers eine "kontrollierte Sprengung" gewesen.

Während rechte Gruppierungen Naidoo für seine Ansichten feiern, wird er von anderen als Verschwörungstheoretiker bezeichnet, der Demokratiefeindlichkeit predige und Antiamerikanismus, Antisemitismus und esoterischen Unsinn zu einer "dunklen Suppe" verrühre, wie es Georg Diez für "Spiegel Online" beschrieb. 

Die verhinderte ESC-Teilnahme

Echo Verleihung 2016 Xavier Naidoo (picture-alliance/dpa/C. Bilan)

Im April 2016 tritt Naidoo bei der "Echo"-Verleihung auf, ein Jahr später moderiert er die Sendung

Über all diese Vorwürfe setzte sich im November 2015 der öffentlich-rechtliche Sender NDR hinweg. Er hat die Federführung über den deutschen Beitrag zum Eurovision Song Contest. Und in dieser Funktion hatte der Sender beschlossen, Xavier Naidoo zum ESC 2016 nach Stockholm zu schicken. Schließlich hat Naidoo eine beeindruckende musikalische Karriere vorzuweisen: 20 Jahre Bühnenerfahrung, millionenfach verkaufte Alben und jede Menge Auszeichnungen. Nach einer Welle heftigster Kritik nahm der NDR seine Entscheidung zurück. Für alle Seiten eine riesige Blamage. 

Dennoch verkaufen sich Naidoos Platten weiterhin gut, die aktuelle Clubtour der "Söhne Mannheims" ist in vielen Städten ausverkauft - und im April hat Naidoo noch zusammen mit dem Popsänger Sasha die Verleihung des Musikpreises "Echo" moderiert. Er selbst hat sechs Echos im Schrank stehen. 

Erklärungsversuche

06.03.2014 DW POPXPORT Söhne Mannheims (Tino Oac)

Gerade erst hatte das Musiker-Kollektiv Mannheim einen Song zu einem Stadt-Jubiläum geliefert

Mit dem neuen Album "MannHeim", auf dem auch das umstrittene Lied "Marionetten" zu hören ist, sind die "Söhne Mannheims" seit dem 1. Mai auf Clubtour durch Deutschland, Österreich, Luxemburg und die Schweiz. Den Song spielen sie zurzeit nicht. Dennoch werden sie unentwegt darauf angesprochen. Sänger Henning Wehland stemmt sich gegen die Kritik und sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Ich verstehe das Lied als Appell zum Nachdenken darüber, dass Politik oft missbraucht wird. Und da wollen wir - mit zugegeben überzeichneten Worten - aufrufen, etwas dagegen zu tun." Der Song sei sicherlich provokativ und zugespitzt, meinte auch Band-Mitglied Rolf Stahlhofen. "Ich kann verstehen, dass da manche aufschreien. Aber das Lied ist kein Aufruf zur Gewalt, es ist ein Aufruf zum Dialog", sagte der Sänger. Xavier Naidoo selber hält sich bisher bedeckt. 

Die "Söhne Mannheims", die sich stark in ihrer Heimatstadt engagieren und seit vielen Jahren eng mit der Stadtregierung in Kontakt sind und in der Vergangenheit als Vorzeigekünstler galten, sind nun in ihrer Stadt in Ungnade gefallen. Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz unterstellte den Musikern, in ihren Liedern "antistaatliche Texte" zu verbreiten. Längst hat Kurz sich von Naidoo und den "Söhnen" distanziert. Die Band wird in den nächsten Tagen Gelegenheit haben, sich vor dem Oberbürgermeister zu äußern. Es werde ein "klärendes Gespräch" geben, heißt es.

Die Redaktion empfiehlt