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Deutschland

Pop-Ikonen schaden nicht

Sexualisierung der Gesellschaft – eine Gefahr für Kinder? Nein, meint Ramón García-Ziemsen

Ramón García-Ziemsen

Ja, ja, das böse, böse Fernsehen: nur nacktes, lüsternes Fleisch. Sex überall, die Jugend von heute, ausgesetzt lauter fürchterlichem Schund - so klangen sie, die Klagen besorgter Eltern einst in den sechziger Jahren. Und so klingen sie heute wieder. Zumal ja noch das Internet hinzugekommen ist, wo alles Schlechte dieser Welt, nur einen ach so schnellen Klick entfernt ist. So, wie sich die Entrüstungsformeln damals und heute ähneln, so ähneln sich die Argumente: Falsche pornographische Vorbilder, die zuerst in ein krankhaftes Verhältnis zu Liebe und Sexualität münden; und dann – natürlich - zu einem Ende der Keimzelle unserer Gesellschaft, der Familie, führen. Und was dann kommt, wollen wir doch alle gar nicht wissen. Vielleicht das Ende des Abendlandes, vielleicht wird’s auch schlimmer.

Dabei ist das alles ausgemachter Unsinn, der - damals wie heute – in einer falschen Annahme begründet ist: der Unterschätzung unserer Kinder. Ja, das Netz bietet heute eine pornografische Vielfalt und Härte, wie es sie noch nie gab. Kaum ein 16-Jähriger, der noch keinen Pornofilm gesehen hat. Aber gleichzeitig zeigen aktuelle Studien, dass Liebe, Zuneigung, Partnerschaft eine stetig wachsende Bedeutung bei eben diesen 16-Jährigen haben. Dass der erste Geschlechtsverkehr später und bewusster erfolgt. Weil die jungen Leute in der Regel differenzieren zwischen reiner Lustbefriedigung und echter Zuneigung. Weil sie auf intuitive Weise eine Medienkompetenz erworben haben, die wir Älteren vielleicht nie erlangen werden.

Was genauso wichtig ist: Unsere Kinder machen, anders als die neuen, alten Moralapostel, diese Gleichsetzung von Pop und Pornographie nicht mit. Denn die ist wahlweise bewusster Populismus oder einfach nur doof. Die Ausstellung des eigenen Körpers, die Provokation, war von Anfang an wesentlicher Teil der Popkultur. Und sie war wesentlicher Teil einer sexuellen Befreiung, die Rollenbilder über den Haufen geworfen hat. Mit dem nicht ganz unwesentlichen Ergebnis, dass junge Frauen heute ihre Körperlichkeit wesentlich selbstbestimmter leben können als früher. Man muss Lady Gaga, diese sich permanent selbst bespiegelnde und immer wieder anders entblätternde globale Pop-Ikone, nicht mögen. Man muss auch nicht so weit gehen, sie als moderne Ausgabe Andy Wahrhols zu sehen. Pornographisch ist sie nicht. Zitat meines im Gefährdungsalter befindlichen Sohnes: Die Musik ist o.k., der Rest ist… und das Wort erspare ich Ihnen jetzt. Aus moralischen Gründen.

Autor: Ramón García-Ziemsen
Redaktion: Hartmut Lüning